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Typ-2-Diabetes: Warum Bewegung die beste Medizin ist

Immer mehr Menschen haben Typ-2-Diabetes. Gegensteuern ließe sich auch mit einem Mittel, das weder rezeptpflichtig noch teuer ist: Bewegung. Die kommt allerdings oft zu kurz.

Versteckte Pandemie – so nennen Fachleute die Entwicklung der Diabeteserkrankungen. In Deutschland sind laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) mindestens 8,7 Millionen Menschen von Typ-2-Diabetes betroffen. Fünf Jahre zuvor waren es rund 6 Millionen. Tendenz: weiter steigend.

Eine Sportwissenschaftlerin und eine Diabetologin erklären, wie Bewegung Diabetikerinnen und Diabetikern helfen kann.

Was Typ-2-Diabetes ausmacht

Zuerst eine kurze Erklärung, was Typ-2-Diabetes überhaupt ist: Bei dieser Form der Zuckerkrankheit reagieren die Körperzellen schlechter auf Insulin. Dieses Hormon sorgt dafür, dass der Zucker aus der Nahrung in die Körperzellen gelangt, wo er dann abgebaut wird.

Wenn das nicht mehr richtig funktioniert, bleibt die sogenannte Glukose im Blut – der Blutzuckerspiegel steigt. Auf Dauer können Nerven und Blutgefäße Schaden nehmen. Typ-2-Diabetes entsteht neben genetischer Veranlagung auch durch einen ungünstigen Lebensstil.

Bewegung kommt in der Therapie oft zu kurz

Natürlich gibt es Medikamente, mit denen Betroffene ihren Blutzucker senken können. Aber Grundlage jeder Diabetes-Behandlung ist ein gesunder Lebensstil. Bewegung und Bewegungssteigerung sind der Grundpfeiler in der Leitlinie, nach der sich Ärztinnen und Ärzte bei der Behandlung richten sollten.

Aber: «Dem wird auch von den Ärzten zu wenig Wert beigemessen», sagt die Ulrike Becker, Diabetologin in Bonn. Sie ist Vorstandsmitglied der AG Diabetes, Sport und Bewegung der DDG. Der bloße Rat «Bewegen Sie sich mehr» sei für die meisten Menschen nicht hilfreich.

Becker vergleicht das mit der medikamentösen Behandlung von Diabetes: Betroffene werden ja auch nicht angehalten, sich schlau zu machen, welche Diabetes-Medikamente es gibt, sich davon eines auszusuchen. Und es dann nach der Dosierung einzunehmen, die sie im Internet gefunden haben. Sie bekommen genaue Verordnungen und Anleitungen. Die bräuchten sie auch, um in Bewegung zu kommen und am Ball zu bleiben.

Vier Gründe für mehr Sport

Die Diabetologin erklärt, wie genau sich Bewegung auf den Blutzucker auswirkt. Vier Faktoren spielen dabei eine Rolle.

  1. «Durch jede Muskelarbeit wirkt das Insulin besser», sagt Becker.
  2. Der Körper verbrennt bei moderater Bewegung wie Wandern Kohlenhydrate, dadurch fällt der Blutzuckerspiegel ab und der Zucker wird nicht in der Leber und im Fettgewebe gespeichert, wo er dann abgebaut werden müsste.
  3. Bewegung trägt dazu bei, dass die Pfunde purzeln – dadurch wiederum kann das Insulin besser wirken.
  4. Wer mehr Muskeln hat, verbraucht auch in Ruhe mehr Kalorien, was gut für den Blutzucker und das Gewicht ist.

Schon kleine Veränderungen machen einen Unterschied

Prof. Christine Joisten von der Deutschen Sporthochschule in Köln hält Bewegung – eingebettet in einen gesunden Lebensstil – für das entscheidende Mittel, um bei Typ-2 gegenzusteuern. «Bewegung ist Medizin», sagt die Leiterin der Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung.

Dafür müsse man weder Marathon laufen noch Bodybuilderin werden. Schon kleine Veränderungen machen einen großen Unterschied.

Die beste Strategie ist also nicht, sich vorzunehmen, von nun an täglich mehr als 10 000 Schritte zu gehen. Denn das lässt einen nach drei gescheiterten Tagen womöglich gefrustet aufgeben. Stattdessen kann man versuchen, in den nächsten Wochen täglich 1000 bis 2000 Schritte mehr als jetzt zu gehen.

Und: Damit man langfristig am Ball bleibt, müssen Sport und Bewegung Spaß machen. Das Motto lautet also: ausprobieren und sich vor allem nicht entmutigen lassen.

Joisten plädiert in Sachen Sport für mehr Wertschätzung sich selbst gegenüber: «Wenn man eine Sprache lernt, erwartet man ja auch nicht, dass man die innerhalb von zwei Wochen kann. Wieso tun wir das bei Bewegung?», sagt die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention.

So gelingt der Start in den Sport

Was gibt es für Neu- oder Wiederanfänger mit Diabetes in Sachen Sport zu beachten? Das kommt darauf an, was man machen möchte, sagt Joisten. «Die Alltagsaktivitäten ausweiten, mehr Schritte gehen, das ist immer möglich», betont die Expertin.

Wer mehr machen möchte, bespricht seine Pläne am besten mit der Ärztin oder dem Arzt. Für Frauen ab 50 und Männer ab 40 Jahren oder bei einem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie sei ein Belastungs-EKG vor dem Start empfehlenswert. Wer einen zu hohen Blutdruck hat – oft eine Begleiterkrankung bei Diabetes – sollte auf allzu anstrengende Belastungen verzichten.

Immer wieder Thema: Welche ist die richtige Sportart für Menschen mit Diabetes? «Völlig Wurscht», sagt Christine Joisten. «Das, was Spaß macht.»

Wer nicht ins Schwimmbad oder aufs Rad mag, probiert es vielleicht erstmal mit einem Online-Kurs – von Tanzchoreografien bis Pilates ist alles zu finden. Zum Ausprobieren seien diese Angebote völlig okay, betont die Sportwissenschaftlerin – um zu schauen, was Spaß macht und erste Berührungsängste mit Sport abzubauen. Auf Dauer sind allerdings die korrekte Ausführung und eine professionelle Anleitung wichtig.

Auch Diabetologin Ulrike Becker empfiehlt, offen für Neues zu sein. «Es muss nicht immer Nordic-Walking oder Aquafitness sein.» Mal klettern gehen. Etwas Mobilisierung mit Lucy Wyndham-Read. Oder Trampolinspringen. Wichtig zu wissen: Haben die Augen durch den Diabetes bereits einen schweren Schaden genommen Retinopathie, ist das möglicherweise nicht der richtige Sport.

Bei starkem Übergewicht sind Sportarten, die die Knie sehr belasten, nicht geeignet. Aber Yoga oder Thai-Chi seien super. Aber auch etwas ungewöhnliche Sportarten wie Ultimate Frisbee oder Gehfußball kommen in Frage.

Geocaching ist vielleicht etwas für alle, denen Wandern zu langweilig ist. Und es gibt spezielle Reha-Sportgruppen für Menschen mit Diabetes – das kann sogar die Ärztin oder der Arzt verordnen. Am Ende gilt laut Diabetologin Ulrike Becker: «Der Sport, den ich auch mache, ist der Beste.»

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