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Lausitzer Seenland: Vom Kohlerevier zum Badeparadies

Zwischen Brandenburg und Sachsen erstreckt sich eine Vielzahl von Seen, die einst Tagebaugruben waren. Vor 50 Jahren begann hier der Tourismus - und ist heute die große Hoffnung der Region.

Schaut man an manchen Tagen auf den Sedlitzer See herab, soll das Wasser blau wie in der Karibik wirken. Das sagen die Menschen von hier.

An diesem Sommertag aber braucht es dafür viel Fantasie. Der Himmel ist bedeckt, das Wasser graublau, die Sonne hat es schwer. Der See versprüht mehr ostdeutsche Abgeschiedenheit als karibisches Strandgefühl. Baden dürfte man darin ohnehin noch nicht.

Wie so viele andere Seen im Lausitzer Seenland an der Grenze von Brandenburg und Sachsen ist der Sedlitzer See ein Tagebau gewesen und wird nun geflutet. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Eine der sichtbaren Spuren der Gruben-Vergangenheit ist die braunrote Trübung im Wasser und auf den grauen Steinen am Uferrand durch Eisenocker.

Von der Aussichtsplattform am Ufer, 30 Meter hoch und im Nirgendwo am Ende einer kleinen Waldstraße am Verbindungskanal zum Geierswalder See erbaut, ist die braunrote Spur gut zu sehen. Auch der Aussichtsturm aus Stahl sieht aus wie korrodiert und trägt den passenden Namen: Rostiger Nagel.

Das Wasser im Sedlitzer See ist noch ziemlich sauer, ebenfalls eine Folge des intensiven Bergbaus. Der noch niedrige pH-Wert ist schlecht für Pflanzen und Fische und auch fürs Baden bedenklich. Deshalb fährt hier das Kalkschiff, um das Gewässer zu neutralisieren.

2025 soll die Flutung des Sedlitzer Sees voraussichtlich abgeschlossen sein. Er wird dann der größte künstliche See im Seenland sein. Einen Badestrand gibt es schon, auch wenn man nicht ins Wasser darf. Aber immerhin: Sonnenbaden geht bereits.

Blaupause für die Region

Wie es hier mal aussehen könnte, zeigt sich nur wenige Kilometer weiter südwestlich am Senftenberger See. Er ist eine Blaupause für die Umwandlung von einem Bergbau- in ein Erholungsgebiet und der Ausgangspunkt der Vision für die Lausitzer Seenplatte.

1967 wurde mit der Flutung des damaligen Tagebaus Niemtsch begonnen, seit 1973 ist der so entstandene See für den Tourismus freigegeben. Das ist in diesem Jahr 50 Jahre her und wird groß gefeiert.

Der Senftenberger See bietet alles, was Urlaubende ans Wasser lockt: Sandstrand, einen großen Ferienpark mit Campingplatz und mehr als 200 Ferienhäusern, Aktivitäten im Umkreis. Das Wasser hat eine sehr gute Badequalität, nicht ohne Stolz verweist man hier auf das Siegel «Blaue Flagge» am Strand von Grosskoschen auf der Südseite des Sees.

Die Stadt Senftenberg am Nordufer hat neben Hotels am See eine moderne Marina, gerade zehn Jahre alt. Auch sie feiert 2023 Jubiläum.

Aktive bringen in den Urlaub rund um den Senftenberger See ihre Fahrräder mit. 1900 Kilometer Radwege schlängeln sich durch die ganze Region, alle asphaltiert, wie der Tourismusverband betont. Eine Seenland-Route führt auf rund 200 Kilometern zu 16 Seen.

Unterwegs in der Gartenstadt

Auch weg vom Wasser kann man sich auf die Spuren des Bergbaus begeben. Zum Beispiel in Brieske, einem Ortsteil von Senftenberg. Als hier kurz nach 1900 ein Braunkohleflöz erschlossen wurde, baute die zuständige Bergbaugesellschaft im Ort für ihre Arbeiter mit der Gartenstadt Marga eine am Reißbrett geplante Siedlung.

Vergleichsweise hell und groß waren die Wohnungen für damalige Verhältnisse. Die Häuser hatten Gärten vorn (zur Zierde) und hinten (zum Anbau von Obst und Gemüse und zur Nutztierhaltung).

Beim Bau der Werkssiedlung von 1907 bis 1914 wurde – typisch für den auslaufenden Jugendstil – nicht mit verzierendem Schnörkel gespart. Selbst an den Zaunstelen finden sich kleine Bilder. Und wer genau hinsieht, entdeckt ein System hinter der Anordnung der Latten.

Hat man aber kein Faible für Architektur und Stadtplanung, sollte man sich von dem Besuch in Marga nicht zu viel erwarten. Ein schöner Spaziergang lässt sich durch die ruhigen Straßen allemal machen.

Rumsen und Rütteln in der einstigen Brikettfabrik

Eindrucksvoll ist ein Besuch in der Energiefabrik Knappenrode bei Hoyerswerda. Der Ziegelstein-Koloss war einst eine Brikettfabrik. Die alten Anlagen kann man sich auf einen Rundgang ansehen und anhören – dreimal am Tag sorgen Lautsprecher im Gebäude für die Geräuschkulisse, die hier geherrscht hat, als noch Kohle über mehrere Etagen gesiebt, getrocknet und schließlich gepresst wurde.

Das Rumsen und Rütteln vom Band entspricht nicht einmal der Originallautstärke. «Das dürfen wir nicht», sagt Museumsleiterin Maria Schöne. Doch auch die gedämpfte Variante ist ordentlich laut. Und bei Führungen werden Maschinen wie der Tellertrockner auch mal angeworfen – teilweise sind sie noch funktionsfähig.

120 Brikettfabriken gab es in der Lausitz, eine beeindruckende Anzahl. Nach dem Ausbau des Eisenbahnnetzes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schossen sie aus dem Boden und verarbeiten das, was aus den Braunkohlegruben der Umgebung angeliefert wurde – allein in Knappenrode wurden zu Hochzeiten 1500 Tonnen Briketts pro Schicht produziert, Anfang der 1990er Jahre war Schluss.

Heute ist in der Region noch eine Brikettfabrik in Betrieb. Und auch die Tagebauten verschwinden. 1980 gab es hier noch 19 von ihnen, mit der Wende nahm der Rückgang noch mehr Fahrt auf. Vier Abbaugebiete sind übrig geblieben und auch sie stehen nach dem beschlossenen Kohleausstieg mittelfristig vor dem Aus.

Das heißt: Es werden noch mehr Seen in der Region dazukommen.

Der komplexe Prozess des Flutens

Besuch in der Flutungszentrale des staatlichen Bergbausanierers LMBV. Sie hat ihren Sitz am Rand von Senftenberg in einem dreiseitigen Neun-Geschoss-Plattenbau.

Wie das vonstattengeht mit der Flutung der nicht mehr genutzten Tagebau-Gruben in der Region – Restlöcher genannt -, erklärt Maik Ulrich. Diese Löcher müssen kontrolliert geflutet und saniert werden, sagt der Wasserwirtschaftler.

Sie würden zwar auch von allein irgendwann volllaufen, dann wäre aber die Wasserqualität schlecht und die Böschung wäre nicht abgesichert und könnte abrutschen. Die Folge: Weiträumige Sperrungen rund um die Grube. «Es gibt quasi keine Alternative zum Seengebiet», sagt Ulrich.

Er und seine Kollegen in der Flutungszentrale sind quasi die Mittler in der Verteilung und Steuerung der Wassermassen, mit denen die Restlöcher gefüllt werden . Sie stimmen sich mit Behörden und Interessensgruppen ab, den Binnenschiffern zum Beispiel.

Es ist ein komplexer Prozess, den der Fachmann mit mehr als einem Dutzend Schaufolien voller Diagramme, Karten und Graphen beschreibt; allein das System an künstlichen Gräben und Kanälen mit den Seen und Flüssen mittendrin erinnert in seiner schematischen Darstellung dem schier endlosen verästelten Organigramm mancher Großbehörde.

Die Seen im Wasserkreislauf

Was hängenbleibt vom Besuch in der Flutungszentrale, sind zwei Dinge: Erstens, die Seen knapsen nicht nur Wasser von Flüssen wie der Spree und der Neiße ab. Gerade im Sommer geben sie auch Wasser ab – sie sind damit also eine Art Zwischenspeicher und erfüllen ihre Rolle im Wasserkreislauf der Region.

Zweitens, zur Flutung der Restlöcher liefert der aktive Tagebau noch einen großen Beitrag. Das liegt daran, dass in den Gruben Grundwasser abgepumpt wird – nur so kann die Kohle gefördert werden. Kommt bald der Kohleausstieg, müssen nicht nur weitere leere Gruben gefüllt werden, es fehlt dann auch Wasser für die weitere Flutung der schon bestehenden Seen. Dazu kommt der Klimawandel mit Trockenperioden, die schon in den vergangenen Jahren Besorgnis erregt haben.

Was das letztlich für Auswirkungen haben wird, sei noch nicht belastbar zu bewerten, sagt Maik Ulrich. Gedankenspiele, wo fehlendes Wasser herkommen könnte, gibt es natürlich. Offen etwas dazu sagen, möchte er aber noch nicht.

Beim Tourismusverband sind die Sorgenfalten nicht so groß: Bei den für Urlaubende nutzbaren Seen, die man an den Markt bringe, sei die Wassermenge gesichert, heißt es. Im gesamten Seenland gibt es aktuell 20 Seen, die zum Baden freigegeben sind – der Großteil davon sind geflutete Tagebaurestlöcher.

Mehr Urlauber aus dem Süden

Der Bergbau, er stirbt langsam, doch dafür entsteht Neues. Der Tourismus als Wirtschaftszweig in der Region wird immer wichtiger – und er soll weiter wachsen.

«Badewanne der Sachsen» wird der Senftenberger See genannt – und tatsächlich kommt von dort weiterhin ein Großteil der Gäste, es liegt für sie ja um die Ecke. Auch sonst sind es vor allem Urlauber aus dem Osten, die man hier begrüßt. Doch zugleich ist ein Wandel zu spüren. Vor allem aus dem Süden – Baden-Württemberg und Bayern – reisten vermehrt Touristen an, heißt es.

Man hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Perspektivisch sollen sich die jährlichen Übernachtungszahlen fast verdoppeln.

«Der Spreewald ist natürlich noch bekannter», sagt die Vertreterin des regionalen Tourismusbüros mit Blick auf Ferienregion-Konkurrenz etwas weiter nördlich. Aber das Lausitzer Seenland, sagt sie, das sei auch immer mehr Leuten ein Begriff.

Info-Kasten: Lausitzer Seenland und Senftenberg

Anreise: Das Lausitzer Seenland liegt an der Autobahn A13 zwischen Dresden und Berlin, in der Grenzregion von Sachsen und Brandenburg. Nach Senftenberg fahren Regionalzüge.

Jubiläum: Am 1. Juni 1973 wurde der erste Strandabschnitt des Senftenberger Sees eröffnet. Über das ganze Jahr verteilt gibt es zu diesem Jubiläum Veranstaltungen, das zentrale Festwochenende steigt vom 2. bis 4. Juni. Infos: www.senftenberger-see.de/de/50jahre.html

Informationen: Tourismusverband Lausitzer Seenland, Am Stadthafen 2, 01968 Senftenberg (Tel.: 03573/7253000; E-Mail: info@lausitzerseenland.de; Web: www.lausitzerseenland.de)

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