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„Lassen Sie sich treiben!“

Die Lage zwischen schneebedeckten Gipfeln der Pyrenées orientales und la Mer Méditerranée garantiert eine landschaftliche Vielfalt mit schwerbehangenen Kirsch-, Pfirsich-, Pflaumen und Mandelbäumen, Blumenwiesen, kargen Hügeln des Hochlandes, urtümlichen Fischerdörfern und tatsächlich auch einigen einsamen Buchten – sowie natürlich Weinstöcke, soweit das Auge blicken kann.

Eines der vielen Châtaeaus in der Nähe von Badens.

Wir haben uns für diesen Abschnitt der Tour strategisch günstig in dem kleinen Ort Badens, etwa 15 Kilometer südwestlich von DER Touristenattraktion Carcassonne niedergelassen – in einem überaus putzigen Häuschen, La Cour de Jasmin, der ausgewanderten  Evelyn Stoltenberg aus Hennef (Deutschland) niedergelassen. „Ich bin seit 2006 permanent in Badens“, erzählt die braungebrannte Rheinländerin, „vorher war ich in Carcassonne.“

Evelyn Stoltenberg und ihre treue Eierproduzentin.

Hennef – Teheran – Badens
Die Südfranzösin mit rheinischem Migrationshintergrund ist in der kleinen Gemeinde voll integriert. Das merkt man spätestens, wenn die energische Frau im breiten Dialekt des Midi mit dem Handwerker debattiert, der den defekten Brunnenanschluss wieder in Gang setzen soll. Xenophobe Berührungsängste kennt die Tochter einer Industriellendynastie – der Großvater ist Gründer der inzwischen an US-Amerikaner verkauften und stillgelegten Chronos AG – nicht. Schon als Mädchen musste sie sich im Reiche des Schahs von Persien behaupten – der Vater hatte zwischen 1955 und 1966 eine Anstellung in Teheran als „Delegierter Vorderer Orient“ für die damalige Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD).

„Wenn ich wiederkomme, dann mit Spitzenunterwäsche und Stöckelschuhen“, sagte die Siebenjährige damals zu einer Schulfreundin und freute sich auf den Aufenthalt im Land von 1001 Nacht. Auch wenn sie die Deutsche Schule besuchte, schotteten sich die Breidens – der Mädchenname von Evelyn – nicht von ihrer Umgebung ab. „Vater hat darauf geachtet, dass wir da wohnen, wo auch die Einheimischen zu Hause waren.“ Sie hatte bald iranische Freunde, sprach Persisch fließend: „Leider ist davon nicht mehr viel übrig“, gesteht sie. „Ich habe noch viele Bekannte, wenn die langsam sprechen, verstehe ich zumindest die schmutzigen Ausdrücke“, lacht sie.

Auf ein Kind nach Hause
Wichtiger als die Sprache ist ihr der Erfahrungsschatz, den sie von dort mitbrachte: „Ich habe die Welt kennen gelernt und wusste, dass der eigene Horizont nicht alles ist.“ Sie denkt gerne an die Menschen, die sie damals kennen gelernt hat, wie etwa die

Wir lassen uns treiben: Shana und die verspielte Maja.

Hausangestellte, die sich eben mal für zwei Stunden verabschiedete, weil sie ihr achtes Kind zur Welt brachte. Oder den Koch mit der selbstkritischen Nase: „Er war Pakistani und zwischendurch sagte er immer wieder mal, ,I’m smelling, I need a shower‘, und verschwand für eine halbe Stunde.“ An ihre Gäste möchte die Selfmade-Unternehmerin nur eine Lehre weitergeben: „Seien Sie offen, lassen Sie sich auf was anderes ein, lassen Sie sich mit den Franzosen treiben – und sei es nur auf dem Canal du Midi!“

Weil ihr der Lehrberuf als Chemotechnikerin zu langweilig war, verdiente die rheinische Frohnatur ihr Geld als Pharmavertreterin und erfand lange vor der Internetblase um die Jahrtausendwende eine Vermittlungs-Website für medizinisches Fachpersonal: „Ich war meiner Zeit leider voraus“, blickt Stoltenberg zurück, „die Klinikverwaltungen haben damals überhaupt nicht begriffen, welche Chancen sich ihnen eröffnet hätten.“ Einen Ruhestand in Deutschland konnte sich die unternehmungslustige Frau nicht vorstellen, so wurde ein Unruhestand am Fuße der Pyrenäen daraus. „Erst blieb ich für einige Zeit, aber dann wurden die Rückfahrten immer seltener, bis ich schließlich ganz übersiedelte.“

Cassoulet mit Rotwein unter der Weide.

Frankreichs beste deutsche Köchin
Ihr Cassoulet, das regionale Leibgericht, duftet weit über die Grenzen des Languedoc-Roussillon hinaus: „Inzwischen kommen französische Pärchen aus dem ganzen Land für mein Spezialangebot, ein Chambre d’hôtes mit einem Cassoulet als Abendessen für 89 Euro all inclusive.“ Unter der schönen Weide im Innenhof des sandfarbenen Gutshauses ist dann romantisch für zwei Personen gedeckt.

Von unserem Jasmin-Hof können wir einige verstohlene Blicke auf die verzückten Mienen der Genießer werfen. „Normalerweise halten die Franzosen ja nicht sehr viel von deutscher Kochkunst“, sagt sie stolz, „aber sie werden in der ganzen Gegend kein frischeres finden.“

Immerhin dauert die Vorbereitung des Eintopfs auf der Basis weißer Bohnen mit Ententeilen und Würsten ganze drei Tage: „Dann hat es den richtigen Geschmack“, sagt sie entschieden.

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