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Verschleppt in den Tod

Ob im Meer oder auf dem Land: Die Flucht aus Krisenstaaten endet für viele Migranten tödlich. Die jüngsten Fälle: Ein Lastwagen voller Leichen bei Wien und Hunderte Tote vor der libyschen Küste. Der Ruf wird lauter, Schleppern endlich das Handwerk zu legen.

Eisenstadt/Tripolis (dpa) – Nach den Flüchtlingstragödien in Österreich und vor der libyschen Küste haben die Vereinten Nationen zu einem entschlossenen Vorgehen gegen Schlepperbanden aufgerufen. «Diese Menschenschmuggler sind die schlimmsten kriminellen Banden und es ist tragisch, dass sie sich im Mittelmeer und inzwischen auch auf den Autobahnen Mitteleuropas bewegen können», sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Genf.

Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres am 16. Februar 2008 in Bagdad, Irak.

In einem Lastwagen bei Wien waren 71 Flüchtlinge qualvoll erstickt, darunter acht Frauen und vier Kinder. Vor der Küste Libyens sollen beim Untergang zweier Flüchtlingsboote mindestens 200 Menschen ums Leben gekommen sein. In den vergangenen Tagen waren zudem rund 100 Flüchtlinge in Laderäumen von Schiffen vermutlich erstickt.

In Österreich bargen Einsatzkräfte in der Nacht zum Freitag 71 Leichen aus dem Laderaum eines Schlepper-Lastwagens. Darunter sei auch ein etwa einjähriges Mädchen, sagte der Polizeichef des Burgenlandes, Hans Peter Doskozil, in Eisenstadt. Möglicherweise habe es sich um Flüchtlinge aus Syrien gehandelt. Sie seien vermutlich erstickt, teilte Doskozil mit.

Die ungarische Polizei nahm mehrere Verdächtige fest, drei davon sollen im Zentrum der Ermittlungen stehen: der Eigentümer des Lastwagens sowie die beiden mutmaßlichen Fahrer. Nach bisherigen Erkenntnissen gehören sie zum Umfeld eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings. Nach den Drahtziehern wird weiter gesucht.

Der Lkw, der am Donnerstag im Autobahnabschnitt bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) entdeckt wurde, soll tags zuvor südlich von Budapest losgefahren sein, hieß es. Die Leichen befanden sich im Laderaum, aus dem nach offiziellen Angaben bereits Verwesungsflüssigkeit quoll. Wann genau die Menschen starben, war zunächst unklar.

Nach einem Bericht des ORF versuchten die Menschen noch, sich aus dem Lastwagen zu befreien. Der Laderaum des Fahrzeugs sei von innen nach außen ausgebeult und teilweise aufgeschlitzt, hieß es.

Vor der Küste der libyschen Stadt Suwara kenterten nach Medienberichten zwei Flüchtlingsschiffe. An Bord sollen rund 500 Menschen gewesen sein. Zahlreiche Leichen seien am Morgen an Land gespült und geborgen worden, sagte ein Sprecher der libyschen Küstenwache der dpa. Unter den Opfern seien auch Kinder. Bei den Toten soll es sich vor allem um Afrikaner und Syrer handeln. Ein Aktivist des Suwara-Medienzentrums erklärte, 190 Menschen seien gerettet worden.

Dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge sind in diesem Jahr bereits mehr als 300 000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa geflohen. 200 000 davon seien in Griechenland gelandet, 110 000 in Italien. Das sei ein starker Anstieg im Vergleich zu 2014, als im gesamten Jahr 219 000 Menschen flohen. 2015 kamen laut UNHCR bereits etwa 2500 Menschen ums Leben oder werden vermisst. «Das Mittelmeer bleibt die tödlichste Route für die, die Europa erreichen wollen», schreibt Sprecherin Melissa Fleming auf Twitter.

Die Küstenstadt Suwara gehört zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Flüchtlinge. Tausende versuchen, von hier aus nach Europa zu kommen. Die libyschen Behörden sind mit der großen Zahl überfordert. Am Donnerstagabend protestierten Hunderte in Suwara gegen organisierte Schlepperbanden. «Wir haben die Nase voll», sagte ein Einwohner. Die Demonstranten trugen Schilder mit der Aufschrift: «Mit wie vielen Leichen habt Ihr Eure Autos bezahlt?»

Der EU-Militäreinsatz gegen Schleuserkriminalität im Mittelmeer soll so schnell wie möglich ausgeweitet werden. Nach Einschätzung des zuständigen Befehlshabers könnten Soldaten bereits im Oktober damit beginnen, außerhalb der libyschen Küstengewässer fahrende Schiffe von Menschenschmugglerbanden zu stoppen und zu zerstören, wie die dpa am Freitag aus EU-Kreisen erfuhr. Mutmaßliche Kriminelle müssten dann mit einer Festnahme rechnen.

Derzeit ist die Militäroperation auf das Sammeln von Informationen und die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen begrenzt. Auch rund 300 Bundeswehrsoldaten sind dafür mit zwei Schiffen im Einsatz

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