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Verfluchte Elfer: Fluch besiegt

Jogi Löw und das Trainerteam machen es Deutschland nicht leicht, den Italien-Fluch zu besiegen: Trotz Dreierkette mit Höwedes zieht Kimmichs rechte Abwehrseite häufig blank. Und vorne links fehlt Draxler schmerzlich - und dann auch noch das frühe Aus von Khedira. So dauert es, bis sich die umgestellte Mannschaft aneinander gewöhnt, die Italiener klar beherrscht - und sie dann durch den ersten Fehler Boatengs im Turnier zurück bringt. Zum Schluss ein Happy-End trotz der schwachen Nerven von Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Und auch wenn Luigi Buffons Tränen schmerzen: Es ist verdient.

Die Jubelorgie nach dem Psychodrama: Mesut Özil (von links), Julian Draxler, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Joshua Kimmich und Thomas Müller.
Gianluigi Buffon kämpft mit den Tränen.

Bordeaux (dpa) – Endlich! Der Italien-Fluch ist nach einem Elfmeter-Drama Geschichte. Dank Manuel Neuer hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im neunten Anlauf den ersten Turniersieg gegen den Angstgegner Italien und damit den Einzug ins Halbfinale geschafft.

Der Keeper war beim 6:5 im Elfmeterschießen der Held in einem zähen Abnutzungskampf in Bordeaux. Der Welttorhüter hielt zwei Elfmeter, ehe Jonas Hector im 18. Schuss den Sieg sicherstellte. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 (1:1, 0:0) gestanden. Damit nimmt der Weltmeister nun mit Volldampf Kurs auf den vierten Titel bei einer Europameisterschaft. Nur Gastgeber Frankreich oder Außenseiter Island können am Donnerstag (21.00 Uhr) in Marseille noch den siebten Einzug einer deutschen Auswahl in ein EM-Finale verhindern. Dabei wird allerdings Mats Hummels wegen einer zweiten Gelben Karte fehlen.

Löw: „Es war der richtige Weg“
„Natürlich bin ich jetzt glücklich“, sagt Jogi Löw ganz ruhig zum nervenzermürbenden Elfmeterschießen. „Heute war’s Gottseidank so, gerade die Youngsters, Joshua Kimmich und Jonas Hector, haben die entscheidenden gemacht.“ Die Spieler seien nach so einem Spiel mit 120 Minuten natürlich schon etwas platt, von wegen Feierlaune. Schließlich: „Die Italiener waren nicht nur heute gut.“ Löw hat nicht alles gefallen, was er beim Halbfinaleinzug gesehen hat: „ In manchen Momenten hätte ich mir gewünscht, wenn wir noch mehr Ballkontrolle gehabt hätten.“

Selbstkritik an der Entscheidung für die Dreierkette? Mitnichten! „Es war jedenfalls der richtige Weg, es war klar, wir müssen das Zentrum gut zu machen, bei vier gegen vier wird’s brandgefährlich.“ Sein Matchplan: „Man muss sie mit den eigenen Mitteln schlagen und mit ein bisschen Intelligenz.“ Klar, dass Sami Khedira so früh ausschied „war schon mal nicht ganz ideal für uns“. Doch Schweinsteiger habe sich ins Spiel gekämpft: „Basti hat sich wirklich gequält.“ Resümee: „Mats Hummels ist gesperrt, das ist natürlich schade im Halbfinale.“ Dennoch, mit so was müsse man in so einem Turnier rechnen. „Wir haben jetzt zum achten Mal seit 2006 das Halbfinale erreicht.“

Endlich kann die Begeisterung raus nach einem ewig langen Nervenkrimi.

Hummels langer Weg
„Ja, das Ist natürlich ein langer Weg“, beschreibt Mats Hummels seinen Gang zum Elfmeterpunkt auf die italienischen Fans zu, „es war, glaube ich, der Elfmeter zum Rausfliegen, das musste nicht sein, Buffon war mit der Hand dran, da war Glück dabei.“ Tragisch für das Abwehrbollwerk: die zweite Gelbe Karte, eine unberechtigte gegen die Slowakei. „Heute war’s auch kein Foul, Eder hat danach gesagt, es war keine Berührung.“

„Ich bin glücklich, dass er doch irgendwo reingegangen ist“, sagt Jonas Hector. „Es waren nicht mehr viele Leute da, da habe ich das Herz in die Hand genommen. Pures Glück. Hinten habe man wenig zugelassen, vorne nicht so optimal.

Manu will Bonucci nicht zweimal jubeln sehen
„Ich glaub‘, das Elfmeterschießen hab ich so noch nicht erlebt“, sagt Manuel Neuer wie immer so ruhig, als würde er beim Bäcker um die Ecke Baguette bestellen, „es war lang, ich weiß jetzt gar nicht, wie viele Schützen es waren.“ Woran kann er sich noch erinnern? „Die zwei die ich gehalten habe, hab ich noch in Erinnerung – den Leonardo Bonucci wollte ich nicht zweimal treffen lassen.“ Dagegen habe er die Schüsse in die Mitte „nicht so auf dem Schirm“ gehabt: „Bei einem habe ich versucht, das Bein hochzureißen.“

„Was die Mannschaft heute geleistet hat“, lobt Sami Khedira von außen, „ist eines Champions würdig. Sie hat das Spiel komplett dominiert, sie hat kaum eine Chance zugelassen außer dem Elfmeter.“ Der Weg sei definitiv noch nicht zu Ende. Zu seiner Perspektive nach der Verletzung: „Wir haben immer betont, wir brauchen 23 Mann.“

Hand hat da nichts zu suchen
„Ich denke, wir waren die bessere Mannschaft“, sagt Jérôme Agyenim Boateng, „es war ein harter Kampf, der Elfmeter war blöd, ich wollte zeigen, dass ich den nicht anfasse, da geht der Ball an die Hand, die hat da nichts zu suchen.“

Bisher immer Endstation Jérôme Agyenim Boateng: auch für Graziano Pelle (links).

„Ich bin enttäuscht, die Jungs haben alles gegeben“, fasst Antonio Conte die Erkenntnisse nach seinem letzten Spiel zusammen. „Wir sind beim Elfmeterschießen von Deutschland geschlagen worden. Deutschland hat eine starke Mannschaft. Ich bedauere, dass wir die Elfmeter versiebt haben, die letzten.“ Bilanzen mache er selbst ungern. Nur so viel: „Für mich waren die letzten zwei Jahre eine fantastische Zeit.“

6. Sieg im 7. Elfmeterschießen
Für Deutschland war es bereits der sechste Sieg im siebten Elfmeterschießen bei einem großen Turnier. Die Entscheidung fiel erst durch den neunten deutschen Schützen. Zuvor hatten sich Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger Fehlschüsse geleistet, während Toni Kroos, Julian Draxler, Mats Hummels, Joshua Kimmich und Jerome Boateng trafen. In der regulären Spielzeit hatte Mesut Özil die deutsche Elf in der 65. Minute in Führung gebracht, doch die Italiener kamen durch einen verwandelten Handelfmeter von Leonardo Bonucci noch zurück ins Spiel (78.). Vorausgegangen war ein Handspiel von Abwehrchef Jérôme Boateng.

Das 34. Aufeinandertreffen der viermaligen Weltmeister war von höchstem Respekt geprägt. Nur keinen Fehler machen, lautete auf beiden Seiten die Devise. Bereits die deutsche Aufstellung hatte gezeigt, dass Löw vor allem eine sichere Defensive wichtig war. Wie schon beim 4:1 im letzten Aufeinandertreffen im März in München stellte der Bundestrainer von einer Vierer- auf eine Dreier-Abwehrkette um. Benedikt Höwedes kehrte damit ins Team zurück, dafür wurde der gegen die Slowakei noch überragende Wolfsburger Julian Draxler geopfert.

Wieder eine eher unangenehme Überraschung
Es sei die Formation, von der man glaube, dass sie Italien schlage, hatte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die etwas überraschende Systemumstellung begründet. Bereits vor vier Jahren im EM-Halbfinale gegen Italien hatte Löw umgestellt, damals war seine Maßnahme beim 1:2 erfolglos geblieben, was ihm harsche Kritik einbrachte.

Leonardo Bonucci nach seinem Elfer zum 1:1.

Vor 38 764 Zuschauern im Nouveau Stade de Bordeaux glich das Duell eher einer Partie Rasenschach. Die Italiener, bei denen es für den angeschlagenen 2006er Weltmeister Daniel de Rossi erwartungsgemäß nicht zu einem Startelf-Einsatz reichte, agierten äußerst defensiv und überließen der DFB-Auswahl die Spielkontrolle. Beim Weltmeister ging jedoch die defensive Kompaktheit zulasten des Offensivspiels, in dem es kaum zu Überzahlsituationen kam. Gerade die linke Draxler-Seite lag völlig brach, Özil hing in der Luft. Vom Chancen-Feuerwerk wie etwa gegen Nordirland (1:0) oder der Slowakei (3:0) blieb nicht mehr viel übrig.

Der Khedira-Schock
Schon nach 15 Minuten war Löw außerdem gezwungen, erneut umzustellen, als für Bastian Schweinsteiger der Ernstfall eintrat. Sami Khedira humpelte mit Adduktorenproblemen vom Platz. Ausgerechnet Khedira, der sich als Italien-Legionär gegen seine Kollegen von Juventus Turin viel vorgenommen hatte. Schon vor dem WM-Finale 2014 hatte er kurz vor dem Anpfiff verletzungsbedingt passen müssen. So musste der Kapitän ran und Schweinsteiger schnappte sich sogleich die Binde. Der Mittelfeldchef war zwar nicht so präsent, teilte sich aber gut die Kräfte ein.

Es dauerte bis kurz vor der Pause, ehe die deutsche Mannschaft zu ersten zaghaften Chancen kam. Ein Kopfball von Mario Gomez nach Flanke des soliden Joshua Kimmich verfehlte aber deutlich das Ziel (41.). Eine Minute später kam Thomas Müller frei zum Schuss, doch der bei EM-Endrunden bislang so glücklose Münchner traf den Ball nicht richtig, so dass Italiens Startorhüter Gianluigi Buffon keine Probleme hatte, den Ball aufzunehmen. Der 38-Jährige war wie auf der Gegenseite Manuel Neuer ohne Gegentor in sein 160. Länderspiel gegangen.

Neuer knackt Rekord von Sepp Maier
Neuer übertraf derweil schon nach wenigen Minuten den Rekord von Sepp Maier, der vom EM-Finale 1976 bis zum fünften Spiel bei der WM 1978 insgesamt 481 Minuten ohne Gegentor geblieben war. In der 43. Minute wäre die Zu-Null-Serie von Neuer fast schon gerissen. Emanuele Giaccherini gab aus spitzem Winkel einen Schuss auf das Tor ab, den Neuer noch parierte. Beim anschließenden Nachschuss von Stefano Sturaro wäre der Bayern-Schlussmann aber wohl machtlos gewesen, Boateng fälschte den Ball noch leicht ins Toraus ab.

Deutschlands spielender Torwart Manuel Neuer lässt Eder aussteigen.

Ein unverändertes Bild bot sich den Zuschauern auch in der zweiten Halbzeit. Die deutsche Mannschaft befand sich mit viel Respekt weiter im Vorwärtsgang und stand in der 54. Minute dicht vor der Führung. Gomez legte den Ball gut auf Müller ab, der diesmal alles richtig machte. Sein Schuss wurde aber noch spektakulär von Alessandro Florenzi abgewehrt. Elf Minuten später war es dann soweit. Nachdem sich Gomez im Stile eines Spielmachers gegen drei Italiener an der Außenlinie behauptet und den Ball auf Jonas Hector weitergeleitet hatte, gelangte der Ball auf Özil, der in Mittelstürmer-Position zur Führung einschoss.

Gomez fast mit Geniestreich
Eine starke Aktion von Gomez, der drei Minuten später seine gute Vorstellung fast mit einem Tor veredelt hätte. Nach einem feinen Pass von Özil legte sich der Torschützenkönig aus der Türkei den Ball mit der Brust vor, um schließlich mit einem sehenswerten Hackentrick Buffon zu einer Glanztat zu zwingen. Nach dieser Aktion war aber Schluss für Gomez, der angeschlagen vom Feld musste.

Deutschland hatte das Spiel eigentlich im Griff, doch ein unnötiges Handspiel von Boateng im Zweikampf gegen Giorgio Chiellini brachte Italien zurück ins Spiel. Damit kassierte Neuer nach 557 Turnierminuten sein erstes Gegentor. Danach wurde Italien besser, hochkarätige Torchancen blieben aus, auch in der Verlängerung.

Die Halbfinal-Rekordler
Hamburg (dpa) – Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht zum achten Mal in einem EM-Halbfinale und kämpft nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Italien (6:5 i.E.) um den Einzug in ihr siebtes EM-Endspiel. 1980 berechtigte der Gruppensieg automatisch zur Finalteilnahme.

14.06.1972 Antwerpen Belgien 2:1 (1:0) Tore: Gerd Müller (24./71.) – Polleunis (83.) Platzierung: Europameister

17.06.1976 Belgrad Jugoslawien 4:2 (2:2,0:2) n.V. Tore: Flohe (64.), Dieter Müller (80./115./ 119.) – Popivoda (19.), Dzajic (30.) Platzierung: 2.

1980: Durch Siege gegen die CSSR (1:0), die Niederlande (3:2) und ein Remis gegen Griechenland (0:0) in der Gruppenphase zieht Deutschland direkt ins Endspiel gegen Belgien (2:1) ein. Platzierung: Europameister

21.06.1988 Hamburg Niederlande 1:2 (0:0) Tore: Matthäus (55.) – Ronald Koeman (74.), van Basten (88.)

21.06.1992 Solna Schweden 3:2 (1:0) Tore: Häßler (10.), Riedle (58./88.) – Brolin (64./Foulelfmeter), Kennet Andersson (89.) Platzierung: 2.

26.06.1996 London England 6:5 i.E. (1:1,1:1,1:1) Tore: Kuntz (16.) – Shearer (3.) Tore im Elfmeterschießen: Häßler, Strunz, Reuter, Ziege, Kuntz, Möller – Shearer, Platt, Pearce, Gascoigne, Sheringham (Southgate gehalten) Platzierung: Europameister

25.06.2008 Basel Türkei 3:2 (1:1) Tore: Schweinsteiger (26.), Klose (79.), Lahm (90.) – Ugur Boral (22.), Semih Sentürk (86.) Platzierung: 2.

28.06.2012 Warschau Italien 1:2 (0:2) Tore: Özil (90.+2/Handelfmeter) – Balotelli (20./36.)

07.07.2016 Marseille Frankreich/Island

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