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Sport ist für alle da: Vereine öffnen sich für behinderte Menschen

Menschen mit Beeinträchtigungen mangelt es im Sport nach wie vor an gleichberechtigter Teilhabe. Unter anderem bauliche Hürden halten Vereine von entsprechenden Angeboten ab. Dennoch öffnen sie sich Stück für Stück.

Sport ist gesund – für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Für Menschen mit Behinderung gibt es allerdings noch viele Hürden bei der gleichberechtigten Teilnahme an Sportaktivitäten, auch wenn sich immer mehr Vereine öffnen. Ein Beispiel: Der Handball-Bundesligist MT Melsungen. Mit der Initiative «MT Glückskinder» ermöglicht der nordhessische Verein seit Kurzem Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsverzögerungen und geistigen Einschränkungen das Handballspielen.

Spiele zum Warmmachen, Klettern, Balancieren im Bewegungsparcours, Wurfübungen und ein Abschlussspiel stehen bei dem Training am Samstagvormittag in der Kreissporthalle Guxhagen auf dem Programm. Bei dem Projekt wurde bewusst auf einen inklusiven Ansatz verzichtet. «Wir wollten ein Angebot schaffen, das den Fähigkeiten der Kinder angepasst ist und sie nicht überfordert», sagt MT-Jugendkoordinator Axel Renner. Er hat die Glückskinder beim TV Arnsberg kennengelernt und nach Nordhessen geholt.

Zwölf ehrenamtliche Übungsleiter unterstützen die Initiative. «Unter ihnen sind Ergo- und Physiotherapeuten ebenso wie Sozialpädagogen. Sie brauchen keine spezielle Ausbildung und haben einfach Spaß an dieser Aufgabe», erklärt Renner, der das Projekt auch gerne nach Kassel tragen würde. Er sei im Leistungssport groß geworden, aber ihn habe das Projekt völlig gepackt. «Egal, wer ein Tor macht: Die ganze Halle feiert», beschreibt Renner die spezielle Atmosphäre beim Glückskinder-Training. Für die Eltern, die ihre Kinder zum Training begleiten, sei es Kontaktbörse und Auszeit zugleich.

Der Landessportbund Hessen begrüße Projekte wie das der MT Melsungen sehr, sagt Pressesprecherin Isabell Boger. «Ob Angebote nun inklusiv oder exklusiv für Menschen mit Einschränkungen angeboten werden: Die eindeutige Ansprache dieser Zielgruppe kann entscheidend die Hemmschwelle senken, im Vereinssport aktiv zu werden.» Viele gute Beispiele aus den hessischen Vereinen zeigten außerdem, wie positiv solche Angebote wirkten. «Sie schenken Lebensfreude, stärken das Selbstbewusstsein und die eigene Körperwahrnehmung», erläutert Boger.

Schon seit 2013 sei etwa der Sportverein Teutonia Köppern (Hochtaunuskreis) aktiv. Im «Team United» spielten begeisterte Kicker mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball. Ein weiteres Beispiel sei das inklusive Sportangebot der Turngruppe Rüdesheim. «Insgesamt zehn inklusive Bewegungsangebote richten sich an verschiedene Altersklassen – von Kindern im Vorschulalter bis hin zu den Erwachsenen und älteren Menschen», sagt Boger. Rund 60 geistig behinderte Kinder nähmen aktuell an den integrativen Angeboten des Vereins teil. Zudem böten immer mehr Vereine das Sportabzeichen für Menschen mit Behinderung an.

Hürden gebe es vor allem im baulichen Bereich. «Viele Sportstätten sind nicht oder nur sehr eingeschränkt barrierefrei», erklärt Boger. Dabei gehe es nicht nur um Rollstuhlfahrer, sondern auch um Menschen mit einer Beeinträchtigung im Bereich Sehen oder Hören. Auch erfordere ein Sportangebot für Menschen mit Behinderung einen hohen Betreuungsaufwand. In der Regel würden mehr Trainer, Übungsleiter und Helfer benötigt. «Dies ist in Zeiten, in denen Ehrenamtliche immer schwerer zu finden sind, eine große Herausforderung.»

Zudem sei nach Kenntnis des Landessportbundes nicht immer gewährleistet, dass die Kinder und Jugendlichen auch während des Sports eine Assistenzleistung in Anspruch nehmen könnten. Umso mehr seien dann die Eltern gefordert. «Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Einschränkungen kommt es also noch mehr darauf an, ob Eltern die Ausübung von Sport unterstützen – nicht zuletzt deshalb, weil die betroffenen Kinder weniger mobil sind und die Wege zu entsprechenden Angeboten in der Regel länger sind als bei Regelangeboten.»

Ein Problem, das auch der Hessische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband (HBRS) beklagt. Es fehle an Fahrdiensten zu bestehenden Angeboten, vor allem an den Wochenenden, sagt Präsident Heinz Wagner. «Dafür setzen wir uns stark ein.» Auch die MT Melsungen versucht aktuell Fördermittel für einen Fahrdienst für die Glückskinder einzuwerben. «Das gestaltet sich noch etwas zäh, aber wir sind optimistisch, auf kommunaler Ebene Unterstützung zu finden», sagt Axel Renner.

Projekte wie das der MT Melsungen seien sehr lobenswert, sagt Wagner. Entsprechende Angebote wünscht er sich flächendeckend in Hessen. «Sie müssen mehr in die Breite kommen, damit auch beeinträchtigte Kinder etwa in Darmstadt Handball spielen können, wenn sie wollen.»

Einen hohen Stellenwert räumt nach eigenen Angaben auch die Hessische Landesregierung dem Sport für Menschen mit Behinderung und der Inklusion im Sport ein. So sei 2015 im Innenministerium ein eigenes Referat für Sport für Menschen mit Behinderung und Inklusion im Sport eingerichtet worden, erklärte ein Sprecher. Seit 2014 sei die Fördersumme für diesen Bereich stetig gesteigert worden – von 390 000 Euro im Jahr 2014 auf rund 910 000 Euro im Jahr 2022. Im Jahr 2023 sei eine erneute Erhöhung auf 1,1 Millionen Euro geplant. «Wir wollen Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen ins Zentrum der Gesellschaft holen», erklärt dazu Hessens Innen- und Sportminister Peter Beuth (CDU). Dabei spiele der inklusive Sport eine bedeutende Rolle.

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