Deutschland

Rote Liste für Sprichwörter

«Schuster bleib bei deinen Leisten» ist ein Sprichwort aus der Römerzeit, das im Deutschen immer noch populär ist. Der Experte Wolfgang Mieder kann erklären, warum es dagegen in Amerika kaum noch verstanden wird.

Burlington (dpa) – Redensarten kommen und gehen – heute schneller denn je, erläutert der deutsch-amerikanische Sprachforscher Wolfgang Mieder im Interview.

Der deutsch-amerikanische Sprichwort- und Erzählforscher Wolfgang Mieder.

Bestimmte Ausdrücke und Wendungen sterben aus, andere nicht. Wie ist das zu erklären?

Mieder: Mit Redensarten und Sprichwörtern ist es immer ein Kommen und Gehen. Vieles wird einfach unverständlich. Oft versteht man aber noch die Idee dahinter. Nehmen wir mal so etwas Einfaches wie «Jemand ist auf dem Holzweg». Jeder Deutsche versteht das heute noch, aber wenn einer meiner amerikanischen Studenten nach Deutschland kommt und fragt «Woher kommt das eigentlich?», dann kann niemand erklären, was ein Holzweg ist.

Woher kommt‘s denn?

Mieder: Stellen Sie sich vor, Sie sind im Wald und der Forstbeamte entscheidet, dass da eingeschlagen werden soll, um neues Holz abzutransportieren. Ein solcher Holzweg ist dann kein Wanderweg – er führt nirgendwohin. Anderes Beispiel – um mal zur Technik zu kommen: «Ich verstehe nur Bahnhof.» Ich erinnere mich noch an den Leipziger Bahnhof mit seinen 24 Gleisen, wo die Dampflokomotiven so laut waren, dass man den Lautsprecher nicht verstehen konnte.

Gibt es denn auch Beispiele dafür, dass eine populäre Wendung mit der Zeit doch zu unverständlich wird und deshalb aus der Mode kommt?

Mieder: «Schuster bleib bei deinen Leisten» ist ein lateinisches Sprichwort, also gut 2000 Jahre alt. Wer weiß in Deutschland heute noch, was ein Leisten ist? Aber trotzdem versteht man‘s, denn ich denke mal, in Deutschland weiß jeder noch, was ein Schuster ist. In Amerika heißt das Sprichwort «cobbler stick to your last». «last» ist der Leisten. Kein Mensch weiß, was ein «last» ist, aber das Interessante ist, der Beruf «cobbler» existiert in Amerika im Prinzip nicht mehr, die Geschäfte nennt man «shoe repair shop». Wenn ich also vor meinen 70 amerikanischen Studenten stehe und frage «Kennen Sie das Sprichwort «cobbler stick to your last»?», dann geht keine Hand hoch. Weil dieses Sprichwort im amerikanischen Englisch einfach nicht mehr verständlich ist.

Demnach wäre das Sprichwort auch im Deutschen gefährdet, wenn man irgendwann keine Schuster mehr kennt?

Mieder: Dann wird es traurig. In unserer Zeit verändert sich alles schneller als früher, und das macht sich natürlich auch in der Sprache immer mehr bemerkbar.

Sterben Alltagswendungen ohne tiefere Bedeutung noch schneller aus als richtige Sprichwörter?

Mieder: Ja, bei solchen Sachen geht es noch bedeutend schneller, weil sie sinnlos werden, besonders für die Jugend. Aber es gibt natürlich auch ganz moderne Sprichwörter. Man denkt immer: Ja, die Jugend benutzt das nicht mehr, aber nein: Die hat ihre eigenen! Eines der beliebtesten modernen Sprichwörter ist natürlich «Shit happens». Was früher vielleicht Dutzende, wenn nicht Hunderte von Jahren gedauert hat, geht heute fast in Blitzesschnelle. Man hat einen Film, der um die Welt geht, und in ein paar Wochen kennt jeder diesen neuen Satz.

So wie «Der mit dem Wolf tanzt»?

Mieder: Ja, genau. Das sind Entwicklungen, die es früher nicht gegeben hat. Oder Politiker, Willy Brandt etwa: «Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört». Das ist nur möglich durch die Massenmedien, dass das so populär geworden ist. Aber es stellt sich natürlich immer die Frage: Bleibt es? Hält sich eine Aussage, die im Moment in aller Munde ist? Das ist die große Frage.

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