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Mit wenig Emissionen zur COP: Wie Klimaaktivisten nach Ägypten reisen

Täglich rauschen Linienflieger über das Gelände der Klimakonferenz in Scharm el Scheich. Sie erinnern an die Emissionen, die dieses Treffen verursacht, und die sich nur mit umständlichen Reisen über Land umgehen lassen. Steht das Treffen noch im Verhältnis zum CO2-Ausstoß?

Erst mit Bus und Bahn bis nach Istanbul, dann möglichst kurz per Flieger über Konfliktgebiete im Nahen Osten: Klimaaktivistinnen wie die Deutsche Luisa Neubauer haben teils einen strapaziösen und aufwendigen Weg zur Weltklimakonferenz in Ägypten hinter sich. Sechs Tage waren Neubauer und ihre Mitstreiter unterwegs, bis sie schließlich in Scharm el Scheich eintrafen. Dass die meisten der etwa 45 000 registrierten Teilnehmer per Flugzeug anreisen, weil der ägyptische Urlauberort kaum anders zu erreichen ist, sorgt nicht nur bei der COP27 für Kopfschütteln.

«Wir haben unsere Emissionen fast halbiert», sagt Neubauer der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb habe sich die längere Anreise «natürlich gelohnt» – auch, wenn ein Flug etwa aus Frankfurt nur zwei Stunden länger gewesen wäre als aus Istanbul. «Vor allem möchten wir mit unserer Reise zeigen, dass wir nicht blind weitermachen können wie bisher», sagt die 26-Jährige. «Wir sind in einer Krise, die alles in Frage stellt. Wie wir reisen und unsere Fortbewegungen auch.»

Flugreisen sind im Vergleich zu anderen Transportmitteln deutlich klimaschädlicher. Der Organisation Atmosfair zufolge bringt eine einfache Hin- und Rückreise per Linienflieger von Berlin nach Scharm mit Umstieg in Istanbul oder Kairo eine Klimawirkung von über einer Tonne CO2 mit sich: etwa 400 Kilogramm eigentliches CO2, hinzu kommt die Wirkung etwa von Kondensstreifen. Millionen Einwohner in Ländern des globalen Südens verursachen pro Kopf durchschnittlich weniger Emissionen als diese Reise – in einem ganzen Jahr.

Klimaaktivistinnen und -aktivisten verzichten daher oft auf Flugreisen. Zeitintensivere und kompliziertere Reisemittel scheuen sie dafür nicht. Die junge Schwedin Greta Thunberg ist das beste Beispiel: Zum UN-Klimagipfel in New York reiste sie 2019 per Segeljacht – der Hamburger Segler Boris Herrmann brachte sie damals über den Atlantik, damit sie der Weltöffentlichkeit wortstark («How dare you?») die Leviten lesen konnte. Für die Rückreise zur COP25 in Madrid setzte sich Thunberg abermals auf ein Segelschiff, um möglichst CO2-arm zurück nach Europa zu kommen – und den Menschen so gleichzeitig die hohen Emissionen von Flügen bewusst zu machen.

«Menschen unterschätzen massiv, wie klimaschädlich das Fliegen ist», sagt Neubauer. Von einer Schiffsreise nach Ägypten hätten sie und die Gruppe wegen «großer Sicherheitsbedenken und absurder Kosten» abgesehen. Zudem sollten Gelder «für private Schiffe auf dem Mittelmeer der Seenotrettung dienen, und nicht dem Transport von Aktivistinnen, die auch den Zug nehmen können», sagt die führende deutsche Aktivistin der Klimabewegung Fridays for Future. Natürlich geht es auch um Symbolik, wie auch bei einer Gruppe, die mehrere Tage von Kairo aus mit dem Fahrrad anreiste.

Berechnungen zu den CO2-Emissionen der COP27 gibt es noch nicht. Bei den Konferenzen 22 bis 25 gingen aber 85 Prozent der Emissionen auf Reisen der Delegierten, sagt Jonathan Barnsley vom University College London. Die Umweltorganisation Greenpeace beschwerte sich bei der Vorjahreskonferenz in Glasgow angesichts vieler Privatjets über die «Verlogenheit der Eliten».

In Scharm, wo Linienflieger über das Konferenzgelände brausen, läuft es nicht anders. Die Regierungsmaschine von Bundeskanzler Olaf Scholz flog laut einem «Bild»-Bericht sogar 800 Kilometer zusätzlich leer, um über Nacht in Zypern geparkt zu werden. Andere Flugzeuge parkten demnach in Assuan, Hurghada und Luxor. Womöglich sollten Flugzeugstaus wie 2021 nahe Glasgow vermieden werden.

Der Gruppe von Greenpeace sei dieses Jahr geraten worden, aus Sicherheitsgründen zu fliegen, sagt eine Sprecherin. Mehrere Aktivisten, die wohl auch flogen, wollen nicht über ihre Anreise sprechen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke, die nach eigenen Worten häufig und gern Zug fährt, sagt am Mittwoch in Berlin: «Ich habe keine Zugverbindung nach Scharm el Scheich gefunden.»

Dass es ohne Flieger geht, zeigt der Berliner Klimaphysik-Student Julius Mex, der im Rahmen einer Nahost-Reise eher aus Interesse nach Scharm kam: über die Türkei, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien und Israel. Er fuhr per Anhalter, Fähre und Sammeltaxi. «Das kann nicht jeder machen und man kann es nicht von jedem erwarten», sagt der 23-Jährige. Nur wer Geld und Zeit habe, könne so reisen.

Schon in vergangenen Jahren wurde hinterfragt, ob die Konferenz – und ihre Emissionen – im Verhältnis steht zu den Ergebnissen. Der frühere deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller schlug vor, das UN-Treffen nur noch alle zwei Jahre abzuhalten. Und könnte sie nicht auch am UN-Hauptquartier in New York stattfinden, wo die Länder ohnehin eigene Botschaften und Büros unterhalten? Warum muss der vermutlich größte politische Kongress der Welt ein klimaschädlicher Wanderzirkus sein?

Der kenianische Aktivist Eric Njuguna hält die Teilnahme vor Ort trotzdem für entscheidend, «um Anführer der Welt zur Verantwortung zu ziehen», wie er der dpa sagt. «Das übersteigt die Reise-Emissionen.» Zudem sei klimafreundliches Reisen teuer (das sagt auch Neubauer). «Wir müssen die Klimakrise als grundsätzliches Problem sehen anstatt sie auf Einzelpersonen herunterzubrechen», sagt Njuguna.

Der Kenianer ist auf Einladung des UN-Kinderhilfswerks Unicef dabei. Sein Flug nach Scharm lief problemlos – bis auf die Tatsache, dass die Airline sein Gepäck verlor.

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