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Insulaner lässt Trubel kalt

Deutschland
27.07.2012
Von Jürgen Herda    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Interview mit Gotlands Tourismuschefin Annamari Thorell
Annamari Thorell sieht abgekämpft aus. Dennoch strahlt die Organisatorin von Almedalen. Um 7 Uhr in der Früh geht’s bei der Almedalsvickan jeden Tag los und dann rund bis 22 Uhr. Sie nimmt sich dennoch die Zeit, um auch die deutsche Presse mit reichlich Hintergrundwissen zu versorgen.
Galerie
Politik auf Schwedisch: Groupies tanzen zu Fredriks Reinfeldts Auftritt auf der Almedalen-Woche.

Frau Thorell, wir haben uns ein wenig in die Geschichte der Almedalen-Woche eingelesen, deren Tradition auf eine Rede von Olaf Palme vor 40 Jahren zurückgeht. Kann man diese weltweit wohl einzigartige Veranstaltung, bei der jeden Tag eine andere Partei das Programm gestaltet, als Ausdruck des schwedischen Demokratieverständnisses betrachten?
Olaf Palme bei einer Mai-Kundgebung.

Thorell: Oh ja, auf jeden Fall. Das ist übrigens etwas mehr als 40 Jahre her, dass Olaf Palme auf Initiative des Gotländischen Sozialdemokraten Jan Lundgren hier seine Rede hielt. Seitdem ist die Region Gotland Gastgeber für eine überaus charmante Art und Weise, Menschen zu treffen, die sich für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur interessieren, um Kontakte zu knüpfen und ein Netzwerk aufzubauen.

Welche Promis kommen denn dieses Jahr auf die Insel?

Thorell: Alles, was in Schweden Rang und Namen hat, aber auch hohe Gäste aus dem Ausland – der deutsche Botschafter etwa und viele andere Diplomaten. Der investigative britische Journalist Nick Davies ist Gast einer Podiumsdiskussion, bei der er die Abhöraffäre der „News of the World“ thematisiert und die Erschütterungen des Murdoch-Imperiums.


Ist die Macht der Medien heuer ein Schwerpunktthema?
Erfordert Zivilcourage wie an der Speaker"s Corner im Hyde-Park: eine freie Rede auf einer Straße in Visby.

Thorell: Es ist ein Thema unter vielen. Die Frage, wie verantwortungsvoll Medien mit ihrer Macht umgehen, betrifft uns alle. Dazu gibt es eine Reihe von Seminaren. Aber auch der globale Umweltschutz, die Frage, wie man Zivilcourage ermutigen kann, die Bedeutung des Arabischen Frühlings für die Frauen dort, der Umgang mit Behinderten, Kranken und Alten und sehr stark die Entwicklung des Sozialstaates stehen auf der Agenda. Die Menschen machen sich Sorgen, wie es weitergeht, die sozialen Einschnitte waren nicht gerade populär und wir befinden uns gerade zwischen den Wahlen – 2014 werden die Karten neu gemischt.

Wie populär ist Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt noch – denken Sie dass das Pendel zu den Sozialdemokraten zurückschlägt?

Thorell: Das ist die spannende Frage. Ich denke, seine Popularität hat in den letzten Monaten gelitten. Und am Sonntag sind wir gespannt auf die erste große Rede des neuen Vorsitzenden der Socialdemokraterna, Stefan Löfven. Man weiß von ihm noch nicht allzu viel, er hatte seit seiner Wahl im Januar wenig Gelegenheit, sein Programm zu erläutern.

Die politischen Parteien sind Veranstalter, unzählige Organisationen von den Kirchen bis zum Jagdverband laden zu ihren Veranstaltungen. Wie aber ist die Akzeptanz unter der Bevölkerung, wie sehen die Gotländer die Almedalsveckan?
Almedalsveckan wächst und wächst: 800 Organisatoren ziehen etwa 17.000 Besucher an.

Thorell: Almedalsveckan wächst und wächst, das bereitet einigen schon auch Sorgen. 2009 waren es noch 550 Organisationen, die 1041 Veranstaltungen anboten, zu denen 7500 Besucher kamen. Dieses Jahr erwarten wir 17.000 Besucher zu 1812 Veranstaltungen von über 800 Organisatoren.

Den Gotländern wird es allmählich zu viel?

Thorell: Oh, nein, die Bedenken kommen von innen. Man befürchtet, der intime Charakter könnte verloren gehen. Die Gotländer selbst nehmen den Trubel, den vielen Verkehr, überfüllte Restaurants eher stoisch hin. Sie sind eben Insulaner (lacht) – aber ich glaube sie sind heimlich schon auch etwas stolz auf die Beachtung, die damit verbunden ist.

Es wird von unheimlich vielen Leuten über unheimlich viele Themen diskutiert – aber was kommt eigentlich dabei heraus? Kann eine Lobbygruppe, wie etwa der Jagdverband, damit rechnen, dass er seine Interessen, seine Vorschläge in den politischen Prozess einspeisen kann?
Politik für Einsteiger.

Thorell: Das erwarten die meisten eher nicht. Es ist hier ein Treffpunkt, um Kontakte zu knüpfen und um in ein Thema einzusteigen, dass dann später an anderer Stelle vertieft wird. Manche nennen das etwas spöttisch das Sommercamp der politischen Aktivisten. Für mich ist es schön zu sehen, dass so viele Menschen bereit sind, am politischen Prozess teilzunehmen. Man spricht ja immer von der Politikverdrossenheit. Aber hier sieht man, dass sich die Menschen sehr wohl mit den wichtigen Fragen der Gesellschaft auseinandersetzen.

Für eine Veranstaltung mit einem derart hohen Promifaktor scheinen die Sicherheitsmaßnahmen relativ bescheiden.

Thorell: Ja, die Offenheit ist uns sehr wichtig. Die Almedalsveckan soll ein heiterer demokratischer Event bleiben. Die Polizisten machen einen guten Job, bleiben aber dezent im Hintergrund.

Ermittelt bei Ihnen nicht auch Irene Hus?
Kommissarin Maria Wern aus der Feder der gebürtigen Gotländerin Anna Jansson.

Thorell: (lacht) Oh, nein, die ist in Göteborg. Aber wir haben auch einige Krimi-Kommissare zu bieten: Maria Wern von der gebürtigen Gotländerin Anna Jansson ist bei der Kripo Gotland. Die Fälle von Mari Jungstedt, die mit einem Gotländer verheiratet ist und die im Sommer hier lebt, spielen alle auf der Insel. Der Schauplatz von Annika Bryns Thriller „Rabennächte“ ist Buttle. Und dann hat ja noch Håkan Nesser ein Ferienhaus auf einer Gotländischen Insel …

…ist es ein Geheimnis auf welcher?

Thorell: Nein, weil er eh nur kommt, wenn keine Touristen da sind – auf den Furillen.

Aber seine Krimis handeln nicht von der Insel?
Die Furillen: Die Atmosphäre, in der der düstere Charakter von Håkan Nessers Kommissar van Vetereen geboren wurde.

Thorell: Das nicht, aber die van-Veeteren-Reihe wurde zum Teil auf Gotland gedreht.

Die Beck-Krimis aber in Stockholm, auch wenn die Stadt dabei sehr düster rüberkommt.

Thorell: Ja, das stimmt, das berühmte Krimi-Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben diesen typischen, gesellschaftskritischen Ansatz gegründet, den später Mankell und eben auch Nesser fortführten. Der hat mal gesagt, als er das erste Mal zu Dreharbeiten auf die Furillen gekommen sei und im Hotel Fabriken übernachtet habe, sei er am nächsten Morgen schlaftrunken aufgestanden und habe beim Blick aus dem Fenster auf diese endzeitliche Landschaft gedacht, er sei tot und in der Hölle (lacht) – und ist dann gleich dort geblieben, weil ihm das so gut gefallen hat.
Annamari Thorell sieht abgekämpft aus. Dennoch strahlt die Organisatorin von Almedalen.


Dieser Artikel ist Teil der Tour "Tour de Elch"

 

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