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«Hamburgs schwimmendes Wahrzeichen» – Mit der Linie 62 über die Elbe

Fähre statt Bus: Auf acht stadteigenen Linien bringen 26 Schiffe Einheimische und Touristen für wenig Geld über die Elbe. Besonders beliebt ist die Nahverkehrslinie 62 nach Finkenwerder, auf der Schiffsführer Maik Pazola arbeitet. Ein Blick hinter die Kulissen.

Die Morgensonne glitzert auf dem Wasser. Möwen kreischen über den Landungsbrücken. An den Schiffsanlegern herrscht reges Treiben. Aus dem Steuerhaus der Fähre «Altenwerder» winkt Maik Pazola. Der 26-jährige Schiffsführer transportiert Arbeiter, Einheimische und Touristen nach Finkenwerder und bietet ihnen eine Hafenrundfahrt zum Preis eines Bustickets. Das Besondere: Die Fähren der Hadag gehören zum öffentlichen Nahverkehr dazu. «Bügeleisen fahr ich am liebsten», sagt der gebürtiger Hamburger. Bis zu 250 Passagiere passen auf die 30 Meter lange Fähre, deren Form an ebenjenes Haushaltsgerät erinnert.

Eine Ausbildung zum Bürokaufmann brach Pazola ab, um das Büro gegen ein Schiff zu tauschen. Inzwischen arbeitet er seit dreieinhalb Jahren für den Fährbetreiber Hadag. Sein Revier ist die Elbe. «Das ist schon etwas Tolles», sagt Pazola, der jeden Tag ein anderes Schiff fährt. Er ist einer von rund 130 Mitarbeitern der stadteigenen Reederei, die seit 1888 fester Bestandteil im Hamburger Hafen ist. Heute sind auf acht Linien 26 Schiffe unterwegs, 365 Tage im Jahr. Vor der Corona-Pandemie transportierte das Verkehrsunternehmen nach eigenen Angaben mehr als neun Millionen Passagiere jährlich, in den vergangenen beiden Jahren waren es jeweils etwa sechs Millionen.

Und es könnten künftig noch deutlich mehr werden. Die Hadag-Fähren seien ein elementarer Bestandteil im öffentlichen Nahverkehr, sagt Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne). «Deshalb wollen wir die Linien verstärken, die Verbindungen und Angebote auf dem Wasser weiter ausbauen und damit an die gestiegene Nachfrage sowie die Mobilitätsbedürfnisse anpassen.» Mit dem Hamburg-Takt soll der Marktanteil des ÖPNV bis 2030 von 22 Prozent im Jahr 2017 auf 30 Prozent steigen. Darüber hinaus treibt die Hadag den klimaneutralen Umbau ihrer Flotte voran. Dazu wurden drei batteriegetriebene Fähren bestellt, die ab 2024 ausgeliefert werden sollen. «Die Hafenfähren der Zukunft sind emissionsfrei, leise, noch geräumiger und komfortabler», sagt Tjarks.

Um Hamburgs Arbeiter pünktlich ans Ziel zu bringen, ist Pazola seit 4.15 Uhr im Einsatz. An das frühe Aufstehen hat er sich rasch gewöhnt. «Wenn ich mir einen Liter Kaffee mache, ist der auch schnell weg», sagt der 26-Jährige und lacht. Bis zu sechs Touren fährt er jeden Tag. «Man muss immer konzentriert sein und einen Blick auf die Fahrgäste haben», erzählt er. Pazola bedient zwei Maschinen, die er über einen Hebel steuert. Damit kann er sowohl Gas geben als auch lenken. Vor ihm stehen vier Monitore. Auf zweien sieht er, was auf der Rampe und im Fahrgastraum passiert. Die anderen Monitore zeigen eine Seekarte und ein Radar.

Mit der viel frequentierten Linie 62 geht es elbabwärts vorbei am Fischmarkt, dem Dockland und dem Museumshafen Övelgönne nach Finkenwerder. Hin und zurück dauert es eine gute Stunde. Dass die Fähren eine günstige Alternative zu Hafenrundfahrten sind, hat sich längst herumgesprochen. Mit einem HVV-Ticket können alle acht Linien der Hadag-Flotte genutzt werden. «Die Hafenfähren sind schwimmende Wahrzeichen für Hamburg», sagt der Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH, Michael Otremba. Die Fahrt mit einem «Wasser-Taxi» gehöre zu einem Besuch in der Hansestadt unbedingt dazu.

Das sieht Silke aus Bielefeld ähnlich: «Wenn ich hier bin, ist die Fahrt nach Finkenwerder für mich Pflicht.» Sylvie aus der Schweiz ist zuletzt vor 20 Jahren mit der Linie 62 gefahren. «Damals noch mit kleinen Kindern, heute kann ich einfach nur gucken», erzählt sie. Ein älteres Ehepaar aus Frankreich freut sich darüber, mit nur einem Ticket Bus, Bahn und Fähre nutzen zu können. Doch auch Einheimische fahren mit. Neben einer Schulklasse aus Harvestehude ist auch Mario an Bord. Er arbeitet bei der Feuerwehr, hat sein Fahrrad dabei und nutzt die Fähre regelmäßig, um zur Arbeit zu kommen. «Das ist schon ein Genuss. Und meistens geht es schneller als mit dem Auto.»

Wer aus Hamburg kommt und wer nicht, erkennt Pazola mittlerweile auf den ersten Blick. «Hier zu arbeiten ist wie ein Psychologiestudium», sagt er und grinst. Was den Schiffsführer begeistert? «Bei uns treffen viele verschiedene Menschen aufeinander, aus allen Ländern und aus allen Schichten.» Und wenn seine Arbeit doch mal zu alltäglich für ihn geworden ist, gibt es immer wieder Fahrgäste, die Pazola an die Besonderheit seines Jobs erinnern. «Oft sind das ältere Menschen, die früher selbst zur See gefahren sind oder am Hafen gearbeitet haben. Da werden die Augen immer ganz groß.»

Unterdessen neigt sich die Fahrt mit der Linie 62 dem Ende entgegen. Die «Altenwerder» schippert zurück in Richtung Landungsbrücken. Ob Pazola nicht ein Foto vom fantastischen Blick machen wolle? «Fotos habe ich genug. Ich genieße das einfach für mich.»

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