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Festivals wollen nachhaltiger werden – aber wie?

Umringt von Tausenden zur Musik tanzen, für ein paar Tage mit Zelt, Konserven und Dosenbier auskommen. Festivals ermöglichen es, den Alltag hinter sich zu lassen - wollen aber auch nachhaltig sein. Was tun sie dafür?

Nach dem Wacken Open Air im Schlamm ist vor dem MS Dockville-Festival am Hamburger Hafen. Statt auf Metal liegt der Schwerpunkt da auf Indie, Hip-Hop und elektronischer Musik. Statt auf dem platten Land feiern Zehntausende hier in der Großstadt, in Hamburg-Wilhelmsburg. Beide Festivals aber eint: Sie wollen nachhaltiger werden – und haben dafür bereits einige Maßnahmen umgesetzt. Positive Beispiele aus dem Norden gibt es bereits.

Das Heavy-Metal-Festival im schleswig-holsteinischen Wacken bedeutet auch: wummernde Bässe, Feuerstöße aus dem Riesen-Bullenschädel und der Stromhunger einer mittelgroßen Stadt. Rund zwölf Megawatt beträgt der Verbrauch nach Veranstalterangaben. Zehntausende Metalfans aus der ganzen Welt lockt das Event jedes Jahr an.

Doch die gesellschaftliche Debatte um den Klimawandel und Themen wie Nachhaltigkeit gehen auch an der Metalszene nicht vorbei. «Wir sind an dem Thema dran», sagt Festival-Mitbegründer Thomas Jensen. Diesen Sommer waren zwei Brennstoffzellen auf dem Gelände im Einsatz. Das Ziel: einen Teil des enormen Energiebedarfs mit grünem Wasserstoff decken.

«Wir experimentieren damit», sagt Jensen. Für ihn geht es darum, ein nachhaltigeres Konzept für die Zukunft zu finden. «Blind loslaufen ist das Verkehrteste, was man machen kann.» Der Klimawandel betreffe jeden, das sei auch vielen Metalheads – wie die Fans der Szene sich selbst nennen – bereits bewusst. «Wir haben bereits Aktionen gestartet wie den Hashtag #greenwacken, das kommt wahnsinnig gut an.»

Doch was bringt es, wenn Festivals etwa durch Social-Media-Aktionen Nachhaltigkeit thematisieren? Wie nachhaltig können Musikevents mit teils Zehntausenden Besucherinnen und Besuchern sein? «Es ist super, dass überhaupt erst mal so ein Aufwachen kommt, man sich damit beschäftigt», sagt Viola Wohlgemuth, Greenpeace-Campaignerin für Ressourcenschutz und Kreislaufwirtschaft. Die bisherigen Fortschritte auf Festivals seien allerdings «wirklich ein Tropfen auf den heißen Stein».

Wenn man tatsächlich von nachhaltigen Festivals rede, müsste in einem ersten Schritt die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ermöglicht werden: «Das ist natürlich je nachdem, wo die Festivals traditionell gelegen sind, etwas problematisch. Aber das wäre genau der Punkt, dass man zum Beispiel dafür sorgt, dass Shuttle Services zu den nächsten Bahnstationen da sind, dass es Sonderzüge gibt.» Es könnte auch Benefits zum Beispiel im Ticketpreis geben, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist und Ähnliches, sagt Wohlgemuth.

Vergleichsweise leicht umgehen lässt sich eine Anreise mit privaten Autos beim Kunst- und Musikfestival MS Dockville. Ab Freitag werden dort wieder knapp 60 000 Menschen erwartet. «Bei uns ist die Anreise am einfachsten mit dem Fahrrad oder den Öffis», sagt Sprecher Eike Eberhardt. Knapp 20 Prozent des Festivalbesucher kämen mit dem Auto.

Neben diesem Standortvorteil versuche das Festival etwa auch, Material mehrfach zu verwenden: «Dann wird aus einem Kunstwerk eine Bar-Dekoration, wird aus Resten im Holzlager eine Sitzgelegenheit und so weiter». Essensangebote auf dem Festival seien zudem rein vegetarisch beziehungsweise vegan. Außerdem gebe es fünf Euro Müllpfand für einen gefüllten Müllbeutel und «sämtlicher Müll wird im Nachhinein von unserem Müll-Dienstleister getrennt», sagt Eberhardt.

In Sachen Mülltrennung sieht Wohlgemuth von Greenpeace dennoch bei vielen Festivals noch Verbesserungsbedarf – genau wie bei den Dixi-Klos. Einige Festivals setzen ihr zufolge schon auf teurere Alternativen zu Chemietoiletten wie Komposttoiletten. Und auch an kreativen Ideen und Projekten zum Umgang mit Müll mangelt es nicht.

Auf dem diesjährigen Wacken-Festival stand etwa ein kunterbunter Karaoke-Container. «Trash Metal Project» war darauf zu lesen – entstanden ist das durch eine Kooperation der Festivalveranstalter mit dem Projekt #17Ziele von Engagement Global. Das Projekt möchte die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen bekannter machen. Auf dem Wacken-Festival versuchte es, die Themen Müllvermeidung und Recycling unter die Metalfans zu bringen.

«Wir haben diesen Song, der heißt «Reduce.Reuse.Recycle», produzieren lassen», erzählt der Leiter von #17Ziele, Christian Maria Mäntele. Die wichtigste Botschaft des Songs stehe schon im Titel: «Weniger, wiederverwenden oder weitergeben, wiederaufbereiten». Im vergangenen Jahr seien beim Wacken-Festival 590 Tonnen Müll entstanden. Mit Metalfans, die angelockt durch die Musik vorbeischauen, kamen er und sein Team darüber ins Gespräch. Bislang hätten alle zugesichert, ihr Zelt wieder mit zurückzunehmen, sagt Mäntele.

Dass das längst nicht immer passiert, hat die Designerin Katrin Rieber vor einigen Jahren bei einem Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern erlebt. «Ich war so geschockt und inspiriert zugleich, weil ich gesehen habe: Krass, so viel Material, das wird einfach weggeschmissen und das ist einfach geiler Stoff.»

Damit dieser Stoff nicht einfach im Müll landet, sammele sie seit 2021 auf Festivals kaputte, zurückgelassene Zelte auf. Für ihr Upcycling-Label «Tentation» produziert Rieber daraus später unter anderem Regenkleidung und Taschen. Intakte Zelte würden dagegen an gemeinnützige Organisationen gehen – etwa an Hanseatic Help.

Die Hamburger Hilfsorganisation sammelt auf norddeutschen Festivals gebrauchtes Camping-Equipment für obdachlose Menschen. Das Motto: «#NachSommerKommtKalt». In Niedersachsen seien beim diesjährigen Hurricane-Festival rund 500 nicht mehr benötigte Schlafsäcke, Isomatten und Zelte gespendet worden, beim Deichbrand-Festival waren es rund 750 Artikel, berichtet eine Sprecherin.

Festivalveranstalter kooperieren also bereits mit externen Partnern, um Müll zu reduzieren. Nach Einschätzung des Umweltethikers Konrad Ott haben sie drei Möglichkeiten, auf Nachhaltigkeit hinzuwirken: Appelle, also auf Freiwilligkeit und Vernunft setzen, ökonomische Anreize und Verbote. Letztere seien aber schwer durchzusetzen – denn «die Zurechenbarkeit von Verhalten ist bei solchen Massenveranstaltungen nicht ganz einfach, um nicht zu sagen fast unmöglich».

Bleibt die Verantwortung der Besucherinnen und -Besucher. Man könne nicht sagen, «ein Musikfestival ist jetzt gewissermaßen eine Auszeit von der Gesellschaft, wo ganz andere Regeln gelten», sagt der Philosophie-Professor Ott von der Kieler Uni. Auf Festivals gingen größtenteils junge Erwachsene. Sie sollten «mit gutem Beispiel vorangehen und sagen: «Nee, das ist keine Auszeit»».

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