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EU-Staatsakt für Kohl geplant

Trauer um den Kanzler der Einheit und einen großen Europäer: In Straßburg soll ein Staatsakt für Helmut Kohl stattfinden, im Dom von Speyer eine Totenmesse. Die Flaggen wehen auf halbmast.

Brüssel/Ludwigshafen (dpa) – Als erste Persönlichkeit in der Geschichte der EU soll Helmut Kohl mit einem europäischen Staatsakt geehrt werden. Der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angeregte Staatsakt für den gestorbenen Bundeskanzler soll binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden. Der genaue Termin und die Details seien aber noch offen, sagte eine Kommissionssprecherin am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Einen solchen Staatsakt hat es noch nie gegeben, die Ehrung ist beispiellos.

Marieluise Beck-Oberdorf, eine Sprecherin der Grünen, gratuliert Helmut Kohl nach dessen Wahl zum Bundeskanzler am 29.03.1983 im Deutschen Bundestag in Bonn. Im Vordergrund Theo Waigel (CSU).

Juncker begründet die Initiative in der «Bild am Sonntag» damit, dass Kohl einer von nur drei europäischen Ehrenbürgern war – neben dem europäischen Gründervater Jean Monnet und dem früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors – sowie Wegbereiter des Euro. Auch sei es Kohls Wunsch gewesen, hieß es in Brüssel. An dem Staatsakt sollen EU-Spitzenvertreter und politische Weggefährten Kohls teilnehmen.

Die Details würden nun ausgearbeitet und ein Termin gesucht, sagte die Sprecherin. Informationen der «Bild am Sonntag», wonach Kohls Leichnam nach dem Staatsakt mit dem Schiff über den Rhein zur Totenmesse in seine rheinland-pfälzische Heimat nach Speyer gebracht werden soll, bestätigte sie nicht. Die Organisation beginne erst, sagte sie.

Der französische Präsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl (r) reichen sich am 22.09.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand – ein Symbol für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Das Schlachtfeld von Verdun zieht heute zahlreiche Schatzsucher an, die nach Objekten aus dem Ersten Weltkrieg fahnden. Es ist zugleich eines der eindruckvollsten Symbole der deutsch-französischen Versöhnung.

Selbstverständlich wäre das Land sehr geehrt, wenn eine solche Zeremonie in Kohls rheinland-pfälzischer Heimat stattfinden würde, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) im ZDF. «Aber es ist genauso klar, dass die Familie dazu das letzte Wort hat.» Im Speyerer Dom war im Juli 2001 auch die Totenmesse für Kohls erste Frau Hannelore gehalten worden, die an einer Lichtallergie gelitten und sich das Leben genommen hatte.

Die Bundesregierung äußerte sich zunächst nicht zu den Trauerfeierlichkeiten für Kohl. Auch aus dem Bundespräsidialamt hieß es am Sonntag lediglich, man warte zunächst die weitere Entwicklung ab. Kohl sollte zunächst in seinem Haus in Oggersheim aufgebahrt bleiben.

Der damalige russische Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin (l) äußert sich vor Journalisten am Freitag, 4. Juli 1997 in Berlin zu dem Russland-Kolloquium, an dem er voher teilgenommen hatte. Neben dem Gast aus Moskau sitzt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.

Der Altkanzler war am Freitag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben, in dem er mit seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter lebte. Kohls Söhne Walter und Peter hatten in den vergangenen Jahren kaum noch Zugang zu ihrem Vater – Walter Kohl erfuhr aus dem Radio vom Tod seines Vaters. Die Tür in Oggersheim öffnete ihm am Abend der frühere «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann, ein langjähriger Vertrauter Kohls und Trauzeuge bei dessen Heirat mit Maike Richter 2008.

Der frühere EU-Parlamentspräsident und jetzige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sowie EU-Kommissar Günther Oettinger und auch die FDP begrüßten den Vorstoß Junckers für einen europäischen Staatsakt. Oettinger sagte der dpa in Brüssel, Kohl sei nicht nur deutscher Bundeskanzler, sondern auch der wichtigste Mann im Europäischen Rat gewesen. Schulz nannte Kohl eine «Jahrhundertgestalt».

Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU – vorne) sitzt am 29.06.2000 in Berlin vor dem Untersuchungsausschuss zur CDU-Spendenaffäre neben seinem Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner. Der deutsch-kanadischen Waffenlobbyist Schreiber hat die CDU in die schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trug sich am Sonntag im Kanzleramt in Berlin in das Kondolenzbuch für den Altkanzler ein. «Mit Helmut Kohl verlieren wir einen großen Deutschen und großen Europäer», schrieb sie. «Er hat sich um die Wiedererlangung der Einheit unseres Vaterlandes und die Europäische Einigung wie kaum ein anderer verdient gemacht. Wir Deutschen verdanken ihm viel. Ich verneige mich vor seinem Angedenken», schließt der Text, der mit «Angela Merkel» unterschrieben ist.

Mit Kondolenzbüchern, Trauerbeflaggung und Gedenkwachen wird in ganz Deutschland an Kohl erinnert. Die CDU legte in ihrer Zentrale in Berlin ein Kondolenzbuch aus und richtete ein weiteres im Internet ein. Seit Sonntag liegt auch im Bundeskanzleramt ein Kondolenzbuch aus, ebenso wie in der Mainzer Staatskanzlei. Der frühere SPD- Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Rudolf Scharping plädierte in der «Welt am Sonntag» dafür, Straßen und Plätze nach Helmut Kohl zu benennen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft will am Montag beim Auftakt zum Confederations Cup gegen Australien mit Trauerflor spielen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gedenkt am 19.06.2017 in Berlin im Konrad Adenauer Haus, in der CDU-Zentrale, dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Kohl ist am 16.06.2017 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Kohls Haus in Oggersheim war auch am Sonntag ein Ort der Trauer. Menschen legten Blumen ab und verharrten in Stille. Auch ein Bestatter kam in das Haus, wo der Leichnam Kohls nach einem Bericht der «Bild am Sonntag» im Wohnzimmer aufgebahrt liegt. Unter den Besuchern im Trauerhaus war auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Anschließend trat Korn in Begleitung der Witwe und Diekmanns vor das Haus, um still die dort abgelegten Blumengebinde zu betrachten.

Am Samstagabend hatten sich etwa 150 bis 200 Mitglieder der Jungen Union vor dem Wohnhaus des Altkanzlers versammelt. Die aus ganz Deutschland angereisten Vertreter der CDU-Nachwuchsorganisation legten Blumen, Kränze und Kerzen vor dem Bungalow nieder. Auch die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) und der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann kamen zu Kondolenzbesuchen.

Kohl hatte 1989 mit den Staats- und Regierungschefs Russlands, der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Bedingungen für die Deutsche Einheit ausgehandelt. Er gilt als Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union.

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