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Digitalnomade extrem: Radreisen und arbeiten – ein Jahr lang

Corona hat den Blick auf die Arbeitswelt verändert. Von daheim oder von einem Urlaubsort aus seinen Job machen - vieles wurde auf einmal möglich. Ein Fahrrad-Enthusiast treibt es nun auf die Spitze.

Stellen Sie sich das vor: Sie schnappen sich ein Fahrrad, packen Laptop, Zelt, Klamotten ein und fahren los. Einfach quer durchs Land radeln und von unterwegs arbeiten. Digitales Nomadentum in einer extremen Variante. Klingt utopisch? Gunnar Fehlau macht genau das seit gut zweieinhalb Monaten – und hat noch viel vor sich. Ein Jahr will der Geschäftsführer eines Informationsportals rund um Fahrradthemen das durchziehen. Aber warum?

Als wir ihn am späten Nachmittag anrufen, sitzt Gunnar Fehlau auf seinem E-Lastenrad und radelt am Niederrhein entlang. 30 Kilometer sind es noch bis zum Zeltplatz, wo er heute übernachten wird. Beim Radeln reden? Für Fehlau kein Problem.

Frage: Herr
Fehlau
, warum machen Sie das?

Gunnar Fehlau: Das ist ein Mehrklang. Während Corona hatte ich ein enormes Defizit aufgebaut, Leute zu treffen und Sachen zu sehen. Ich dachte immer wieder: Wie schön wäre es, dort vor Ort zu sein und es nicht nur am Bildschirm zu sehen?

Wir haben während der Pandemie außerdem gelernt, dass hybrides, ortsunabhängiges Arbeiten viel besser funktioniert als gedacht. Da sind nun Sachen möglich für das ganze Team, die vorher nicht möglich waren. Und das soll jetzt auch dem Chef vergönnt sein. (lacht) Dazu kam: Unsere Kinder sind zum Studium ausgezogen und damit geht eine krasse Lebensphase zu Ende. Und bevor der nächste Abschnitt beginnt, ist es ganz gut, mal in Klausur zu gehen und die Akkus aufzuladen.

Eigentlich führe ich weiterhin ein vergleichsweise normales Leben, außer, dass ich halt als radelnder Digitalnomade unterwegs bin. Meine Frau sehe ich mindestens einmal im Monat an einem Ort unterwegs.

Frage: Sie sind seit Anfang Januar auf Ihrer Tour und wollen bis zum Ende des Jahres auf Achse sein. Gibt es eine klare Route?

Fehlau: Es gibt grobe Linien: Ich habe bestimmte Termine und Events, bei denen ich an einem Ort sein muss – etwa Messen in Berlin und Frankfurt. Daraus ergibt sich, wo ich lang fahre. Dazwischen gibt es immer wieder Tage, wo ich die Strecke genau kennen muss, weil ich zu einem bestimmten Zeitpunkt etwa in einem Café sitzen muss, um ein Zoom-Meeting zu machen: Im Winter kann ich mich dafür schlecht in eine Einbuchtung am Straßenrand stellen. Bei warmen Wetter würde das durchaus gehen, Mobilfunk-Empfang vorausgesetzt.

Da ist schon Musik drin bei der Planung. Heute stand ich vor einem Co-Working-Space, den gab es nicht mehr – im Internet hatte etwas anderes gestanden.

Meine größte Erkenntnis nach den ersten knapp 70 Tagen ist aber: Die Menschen im Eins zu Eins sind der Hammer. Sie sind hilfsbereit, machen Türen auf und ermöglichen Dinge – etwa einen sicheren Stellplatz für das Rad. Das ist eine einzige Tour der Demut und Dankbarkeit. Und ganz praktisch muss man sagen: Es gibt eigentlich in fast jeder Stadt Wäschereien, um die Klamotten zu waschen, und Schwimmbäder, um mal zu duschen.

Frage: Mit dem Fahrrad reisen und unterwegs arbeiten – dafür nutzen Sie den Begriff Workpacking, eine Verschmelzung aus Work & Travel und Bikepacking. Für wen ist das was?

Fehlau: Es geht darum, Alltag und Abenteurer in Einklang zu bringen. Wer zeitlich und örtlich flexibel arbeiten kann, hat so auch Erlebnisse, ohne dafür Urlaubstage zu nehmen. Ich mache natürlich die krasse Variante, die vielleicht etwas spinnert ist. Aber: Man könnte das auch für vier Wochen im Sommer machen. Und wenn man jeden Abend eine Herberge bucht, hat man auch vergleichsweise wenig Gepäck – auf Zelt, Schlafsack und Co könnte man dann verzichten.

Was ich sagen will: Man kann das beliebig anpassen. Und da wird es spannend.

ZUR PERSON: Gunnar Fehlau, 49, ist Geschäftsführer des Pressedienst-Fahrrad, einem Informationsportal rund um Fahrradthemen. Zu seiner Tour ist er im Januar mit 56 Kilogramm Gepäck aufgebrochen. «Ein kleiner Hausrat», wie er sagt. Inzwischen seien es 12, 13 Kilo weniger. «Bei einigen Sachen habe ich gemerkt: Die brauche ich nicht.»

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