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Contes Zocker entzaubern Iniesta

Zugegeben, für italienische Verhältnisse war das schon ein richtiger Sturmlauf, der dann auch den hyperitalophilen Mehmet Scholl zu orgiastischen Gefühlen verhilft. Aber seien wir doch mal ehrlich: Die Squadra azzurra war einfach nur giftiger und galliger als die mit sich selbst beschäftigten Spanier - da heben Morata und Chiellini den Zauberzwerg Iniesta kurz mal hoch, nehmen ihm das Spielzeug und walzen den Rest nieder. Das hätten die robusten Deutschen seit zehn Jahren machen sollen. Jetzt kann die Löw-Truppe zeigen, ob sie reif ist für Contes ausgebuffte Zockertruppe.

Pellé macht die Bude.
So feiert Italiens Giorgio Chiellini sein Abstaubertor zum 1:0.

Saint-Denis (dpa) – „In der Vergangenheit haben wir oft gegen Spanien verloren“, ordnet Abstaubertorschütze Giorgio Chiellini das Spiel ein, „da war noch was offen, das wollten wir ändern.“ Die Italiener hätten ganz gut angefangen, die Spanier nicht ins Spiel kommen lassen. „Wir haben das gut gemacht in den ersten 75 Minuten, danach wurden wir etwas müde.“ Und was erwartet er vom Viertelfinale gegen Deutschland? „Jetzt wird es ganz schwierig, der Weltmeister erwartet uns.“ Das werde sicher ganz anders: „Eine ganz andere Spielweise, sehr viel physischer, aber wir werden uns darauf vorbereiten und werden uns erholen.“

Andrés Iniesta kann da nur noch resigniert mit den Schultern zucken: „Was kann man da schon viel sagen“, sagt der entzauberte Zauberer, „die Italiener waren einfach effizienter, und haben verdient gewonnen.“ Man habe sich zu Beginn zu sehr darauf konzentriert, was die Italiener machen würden. „In der zweiten Halbzeit haben wir gekämpft. Das müssen wir nun so akzeptieren, das ist bitter, aber so ist es nun mal.“

Motta fliegt gegen Gelbscheibe
Giorgio Chiellini (33. Minute) und Graziano Pellè (90.+1) schossen die mutige Squadra Azzurra vor 76 165 Zuschauern im Pariser Stade de France zum verdienten 2:0 (1:0)-Sieg. Das Team von Trainer Antonio Conte schaffte damit die Revanche für die Finalpleite 2012 und trifft nun am Samstag (21.00 Uhr) in Bordeaux im Viertelfinale auf Joachim Löws WM-Champions. Dann fehlt Thiago Motta wegen einer Gelbsperre. Für die enttäuschenden Spanier, die ihre erste Pflichtspiel-Pleite gegen Italien seit 1994 kassierten, ist nach einer schwachen Vorstellung der Traum vom historischen Titel-Hattrick vorbei.

Italiens Chefcoach Antonio Conte schoss schon mal vor Wut den Ball auf die Galerie.

Italiens Coach Conte veränderte seine Startelf im Vergleich zum 0:1 gegen Irland gleich auf acht Positionen, sein Kollege Vicente del Bosque vertraute hingegen demselben Team wie in den drei Gruppenspielen. Und mit dem pünktlich zum Anpfiff einsetzenden Regen übernahmen überraschend die Italiener das Kommando. Die Spanier kamen dagegen lange überhaupt nicht ins Spiel. Ihr Innenverteidiger-Duo Piqué/Ramos hatte größte Mühe, hinten den Laden zusammenzuhalten. Und nach vorne kam vor allem von Andrés Iniesta viel zu wenig.

Immer wieder Pellé
Deshalb war es beinahe logisch, dass die Squadra Azzurra auch die erste gute Chance hatte. Stürmer Pellè zwang Keeper David de Gea mit einem Kopfball zu einer Glanzparade (9.). Zwei Minuten später traf Emanuele Giaccherini per Fallrückzieher nur den Pfosten, wurde aber wegen gefährlichen Spiels zurecht zurückgepfiffen. Del Bosque lief dennoch ungewohnt aufgeregt an der Seitenlinie auf und ab.

Zumal das Durcheinander in der Defensive des EM-Champions munter weiterging. Abwehrchef Sergio Ramos rettete bei einer scharfen Hereingabe in höchster Not vor Pellè und hatte Glück, dass sein Querschläger neben statt in das eigene Tor ging (29.). Dann aber fiel die verdiente Führung für die forsch und mutig aufspielenden Italiener: De Gea ließ Eders scharfen Freistoß abprallen, und der nachsetzende Chiellini erzielte sein siebtes Länderspieltor. Es war zugleich der erste EM-Gegentreffer für Spanien in einer K.o.-Runde seit 2000. Deb zweiten verhinderte De Gea reaktionsschnell gegen Giaccherini (45.).

Del Bosques Joker stechen nicht
Nach dem Wechsel brachte Del Bosque in Aritz Aduriz für Nolito einen frischen Angreifer, um die lahme Offensive endlich in Gang zu bekommen. Und tatsächlich – der Europameister von 2008 und 2012 und Weltmeister von 2010 meldete sich zurück. Allerdings blieben die Italiener gefährlich, obwohl sie ein wenig Angst vor der eigenen Courage bekommen zu haben schienen. Bei einem Konter rettete De Gea vor dem allein vor ihm auftauchenden Eder stark (55.).

Auch wenn Spielmacher Iniesta weiter weitgehend abtauchte, kamen die Spanier in der zweiten Halbzeit deutlich besser ins Spiel. Auch, weil die Italiener ihrem hohen Anfangstempo Tribut zollen mussten und hinten etwas wackeliger wurden. Aduriz konnte daraus jedoch kein Kapital schlagen (70.). Und der viermalige Weltmeister hatte ja auch noch Gianluigi Buffon im Tor. Der Oldie rettete gegen Iniesta (76.) und Piqué (77./89.) dreimal glänzend. Pellé sorgte dann dafür, dass die Tifosi nach einer zitterigen Schlussphase endlich jubeln durften.

Die deutschen Viertelfinale
Zum neunten Mal steht Deutschland bei einer Fußball-Europameisterschaft in der finalen Phase mit klassischen K.o.-Spielen, zum sechsten Mal in einem Viertelfinale – nun erstmals gegen Italien. 1972 und 1976 wurde das Viertelfinale außerhalb der Endrunde in Hin- und Rückspielen ausgetragen. 1980 war das erste K.o.-Spiel gleich das Finale, da der Modus kein Halbfinale vorsah. 1988 und 1992 ging es nach der Gruppenphase sofort in ein Halbfinale. Insgesamt sechsmal erreichte das DFB-Team das Finale, dreimal (1972, 1980, 1996) sprang am Ende der Titel heraus.

Viertelfinale außerhalb EM-Endrunde (mit Hin- und Rückspiel):

29.04.1972 London England Hinspiel 3:1 (1:0) 13.05.1972 Berlin Rückspiel 0:0 Abschneiden: Europameister

24.04.1976 Madrid Spanien Hinspiel 1:1 (0:1) 22.05.1976 München Rückspiel 2:0 (2:0) Abschneiden: 2.

EM-Endrunde (8 Teilnehmer) mit Gruppenmodus:

11.06.1980 Rom CSSR Gruppe 1 1:0 (0:0) 14.06.1980 Neapel Niederlande Gruppe 1 3:2 (1:0) 17.06.1980 Turin Griechenland Gruppe 1 0:0 Abschneiden: Europameister

11.06.1988 Düsseldorf Italien Gruppe 1 1:1 (0:0) 14.06.1988 Gelsenkirchen Dänemark Gruppe 1 2:0 (1:0) 17.06.1988 München Spanien Gruppe 1 2:0 (1:0) Abschneiden: Halbfinale

12.06.1992 Norrköping GUS Gruppe 2 1:1 (0:0) 15.06.1992 Norrköping Schottland Gruppe 2 2:0 (1:0) 18.06.1992 Göteborg Niederlande Gruppe 2 1:3 (0:2) Abschneiden: 2.

EM-Endrunde (16 Teilnehmer) mit Viertelfinale:

23.06.1996 Manchester Kroatien 2:1 (1:0) Abschneiden: Europameister

19.06.2008 Basel Portugal 3:2 (2:1) Abschneiden: 2.

22.06.2012 Danzig Griechenland 4:2 (1:0) Abschneiden: Halbfinale

EM-Endrunde (24 Teilnehmer) mit Achtelfinale:

26.06.2016 Lille Slowakei 3:0 (2:0)

02.07.2016 Bordeaux Italien

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