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Aufregung um Schafe, Wolf und Bär – Wahlkampf auf der Alm?

Nachdem in Oberbayern erneut mehrere Schafe gerissen worden sind, kommt Politprominenz zu Tierhaltern auf einer Alm. Die Botschaft ist klar: Der Wolf muss hier weg. Eine passende Verordnung hat das Kabinett kurzerhand beschlossen.

Ein Berggasthof vor Gebirgspanorama, ein kleiner See, rundherum Wiesen – perfekte Kulisse für einen Pressetermin. Lediglich die am Wegesrand angebrachten großformatigen Fotos stören das Postkartenidyll. Das Motiv: zerfleischte Schafe. Genau deswegen sind die Politiker hier, allen voran Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Sie wollen mit Landwirten, Jägern und Hoteliers über den Wolf sprechen und darüber, wie die Staatsregierung die Ausbreitung des Beutegreifers bekämpfen will. Erst tags zuvor beschloss das Kabinett adhoc Erleichterungen beim Abschuss von Wölfen.

«Der Wolf gehört hier nicht her», sagt Söder am Mittwoch bei dem Treffen in Oberaudorf (Landkreis Rosenheim) und betont: Das sei kein Klamauk, wie vielleicht Städter meinten. «Das ist was Ernstes.» Angesichts der wachsenden Zahl an Wölfen in Bayern wie auch dem übrigen Europa müsse EU-weit der strenge Tierschutzstatus gelockert und die Rechtslage angepasst werden. «Der Erhaltungsstatus des Wolfes ist mittlerweile so gut, dass wir übrigens nicht nur bei uns, sondern auch anderswo, mit erheblichen Rudelbildungen rechnen müssen.»

In der Region waren jüngst wieder Schafe von einem Wolf gerissen worden. Auch ein Braunbär hatte nicht nur Tatzenabdrücke im Schnee hinterlassen, sondern Weidetiere getötet.

«Wenn wir jetzt nicht aufpassen, dann haben wir die Entwicklung, dass wir in den nächsten Jahren keine Möglichkeiten mehr haben, sinnvoll einzugreifen», betont Söder. In Brüssel und in Berlin müsse in Sachen Wolf «endlich umgedacht werden». Almen seien zudem in der speziellen Situation, dass dort keine Schutzzäune gebaut werden könnten. Auch Herdenschutzhunde seien hier keine Lösung – etwa wegen der Touristen. Die Almwirtschaft drohe auszusterben.

Ähnlich äußern sich Umweltminister Thorsten Glauber und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (beide Freie Wähler). Es dürfe nicht nur einseitig der Wolf betrachtet werden, auch das Wohl des Weideviehs gelte es zu achten, so Glauber. Im steilen Gelände sei es für die Tierhalter nicht zumutbar, die Wiesen wolfssicher einzuzäunen. Aiwanger verweist auf die umliegenden Wiesen, auf denen normalerweise schon Schafe weiden würden. Jedoch könnten die Bauern zurzeit ihr Vieh nicht auftreiben.

Bei den anwesenden Landwirten ernten die Politiker Applaus. Wolfgang Bauer ist Bezirksalmbauer von Bad Aibling und selbst auch in Sorge um sein Vieh, wie er sagt. Man müsse immer damit rechnen, dass der Wolf komme. Die Entnahme sei die einzige Lösung. Er setzt darauf, dass die Politik ihre Pläne umsetzt.

Söder will jedenfalls den Worten Taten folgen lassen. Es sei viel zu lange gewartet worden, sagt er. Wie schnell die Staatsregierung den leichteren Abschuss von Wölfen beschlossen hat, ist durchaus bemerkenswert. Insbesondere, weil sie sich damit nach eigener Einschätzung auf juristisch dünnes Eis (O-Ton Aiwanger) begibt. Von Söders Ankündigung nach einer CSU-Vorstandssitzung bis zum Kabinettsbeschluss an diesem Dienstag verging nur gut eine Woche.

Auffällig ist auch, wie beide Koalitionspartner in Sichtweite der Landtagswahl am 8. Oktober öffentlichkeitswirksam versuchen, mit dem Thema zu punkten. Bei Almbauern, aber auch bei Verantwortlichen vor Ort. Ursprünglich hatten nur Aiwanger und Glauber zu dem Treffen am Mittwoch geladen. Am Abend vorher ließ dann auch – für viele wenig überraschend – Söder selbst sein Kommen ankündigen.

Die Opposition wirft Söder und der Staatsregierung einmal mehr ein plumpes Wahlkampfmanöver vor. Söder gehe es «einzig und allein darum, im Wahljahr vermeintlich einfache Lösungen zu präsentieren, ganz egal, ob sie am Ende umsetzbar sind oder nicht», kritisierte Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann nach dem Kabinettsbeschluss. Ob die Wolfs-Verordnung angekündigten Klagen standhält, ist offen.

Söder betont, er hoffe, dass diese Klagen nicht erfolgreich würden. «Aber ehrlicherweise habe ich jetzt auch keine Lust mehr zu sagen, weil vielleicht ein Klagerisiko besteht, weil vielleicht die Sorge besteht, es könnte was passieren, trauen wir uns lieber gar nichts zu entscheiden.»

Der Bund Naturschutz (BN) reagierte prompt. Die Verordnung werde vor Gericht «nie und nimmer» bestehen, sagte Vorsitzender Richard Mergner. Vielmehr seien Umwelt- und Landwirtschaftsministerium von Söders Aktionismus überrumpelt worden und hätten mit heißer Nadel eine Verordnung stricken müssen, die nicht mit Naturschutzrecht in Einklang zu bringen sei.

BN-Vizevorsitzende Beate Rutkowski sieht in der Verordnung gar eine Gefahr. Denn sie gebe den Landwirten das Gefühl, der Abschuss ersetze den Herdenschutz. Wenn wieder ungeschützte Weidetiere getötet werden, stehe die Staatsregierung in der Mitverantwortung. Statt erleichtertem Abschuss brauche es eine bayernweite Förderung der Herdenschutzkosten.

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