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Zypern, ferne Mittelmeerinsel

Zypern
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Vom Pech der schönen Lage: begehrt von Griechen, Türken, Russen und anderen Mächten
Mit Europa hat sie wenig mehr zu tun, als die ständige Präsenz von Kolonialherren – Griechen, Römer, Kreuzritter und Briten. Und natürlich den EU-Beitritt von 2004, der Hoffnung schürte, dass die Teilung überwunden werden könnte. Zypern, die ferne Insel, hat lange nach eigenen Regeln gelebt.
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Zypern, Steuerparadies der reichen Reeder.

Wie orientalisch der Fingerzeig im östlichen Mittelmeer ist, wird einem vor allem in diesen Tagen bewusst: Larnaka, die älteste Stadt des Eilands an der Südostküste, ist gerade einmal 350 Kilometer Luftlinie von Aleppo entfernt. Der Norden der Insel blickt auf Anatolien, im Süden sind Syrien, der Libanon, Israel und sogar Ägypten näher als die nächsten griechischen Inseln.

Türkischer Sündenbock
Wer in den Hotelburgen des Südens absteigt, hat schnell ein klares Bild von der politischen Rollenverteilung zwischen Unschuldslamm und Sündenbock. In der Ära Erdogans ist man ohnehin versucht, den Türken jeden Rechtsbruch zuzutrauen. Ganz so einfach lässt sich die Besetzung des zypriotischen Nordens durch türkisches Militär allerdings nicht auflösen. 1974 herrschte in Athen eine alles andere als lupenrein demokratische Militärregierung, die sich das Handelsdrehkreuz im östlichen Mittelmeer kurzerhand einverleiben wollte – mit einem Putsch gegen den demokratisch gewählten Staatspräsidenten Makários III.
Die Türkei intervenierte, vier Wochen Krieg hatten enorme Folgen für die Inselbevölkerung:
  • 150.000 griechische Zyprer flohen in den Süden.
  • 45.000 türkische Zyprer zogen in den Norden.
  • Eine 217 Kilometer lange Demarkationslinie trennt die beiden Inselteile – grüne Linie wird sie nicht wegen landschaftlicher Reize genannt, sondern weil die Grenze mit einem grünen Filzstift in eine Landkarte gezeichnet worden sein soll.
  • Die Grenze wird im Norden von türkischen und türkisch-zypriotischen Einheiten, im Süden von griechischen und griechisch-zypriotischen Soldaten bewacht – in einer bis zu 7 Kilometer breiten Pufferzone patrouillieren UN-Friedenstruppen.
  • Die friedliche Koexistenz von sunnitischen Muslimen und griechisch-orthodoxen Christen ist durch den Bevölkerungsaustausch de facto einer Trennung der Religionen gewichen. Durch den Zuzug anatolischer Türken aus ländlichen Regionen in den Nordteil der Insel, haben Glaubensregeln und -traditionen wie Alkoholverbot und Ramadan an Bedeutung gewonnen.

Geostrategische Reizlage
Der erste Rohstoff, der Zypern vor 5000 Jahren zu einer wohlhabenden Insel machte, war das Kupfer. Mehr noch aber reizte seine geostrategische Lage alle Anrainerstaaten zu Kolonialisierungsversuchen: Griechen, Phönizier, Assyrer, Perser – alle historischen Weltmächte versuchten ihr Glück. Die großen Namen sind noch immer präsent: Julius Cäsar machte die Insel Kleopatra zum Geschenk. Der Apostel Paulus missionierte 45 n.Chr. den römischen Prokonsul und sorgte so dafür, dass Zypern der erste christliche Staat überhaupt wurde. Nach der byzantinischen Ära, deren Erbe in frühchristlichen Kirchenbauten und wertvollen Ikonen noch zu besichtigen ist, sicherte sich Richard Löwenherz 1191 für seinen Kreuzzug den Zugang zum Heiligen Land.

Ab 1489 dominierte die Seemacht Venedig die Geschicke Zyperns – verewigt unter anderem in der Stadtmauer rund um die Inselhauptstadt Nikosia. Erst 1571 bemächtigt sich das nahegelegene Osmanische Reich der Insel vor der türkischen Südostküste, bietet sie aber schon gut 300 Jahre später den Briten als Gegenleistung für militärische Unterstützung gegen die Russen an. Der englische Einfluss ist sowohl an einigen Kolonialbauten, am Linksverkehr als auch am weit verbreiteten Gebrauch der englischen Sprache spürbar. 1960 schaffen die Zyprer die Unabhängigkeit von der britischen Krone, verzetteln sich aber bald in zum Teil blutige Auseinandersetzungen zwischen griechischen und türkischen Bewohnern. Und auch wenn Russland es hier nie schaffte, den begehrten Zugang zum Mittelmeer zu erlangen – über die Milliarden seiner Oligarchen sind sie für das zypriotische Finanzsystem inzwischen eine feste Größe.

Paradies der Oligarchen

Neun von zehn russischen Großunternehmen wickeln zumindest einen Teil der Geschäfte über Niederlassungen im Steuer- und Offshore-Paradies ab. Aber auch rund 10 Prozent der kleineren Firmen mit Gewinnen bis zu einer Million Dollar sind laut Forbes vertreten:
  • Der in England tätige Fußballoligarch Roman Abramowitsch steuert sein Imperium über Zypern
  • Milliardär Michail Prochorow, der schon mal als Präsidentschaftskandidat gegen Putin antrat.
  • Die meisten führenden Öl-, Metall- und Finanzbarone verfügen über eine zyprische Filiale.
  • Zwischen 1990 und 2010 sollen laut des Magazins Profil 800 Milliarden Dollar aus Russland in Steuerparadiese geflossen sein:
„Der klassische Weg der Geldwäsche aus kriminellen Geschäften führt zunächst in die Karibik und von dort nach Zypern.“
Leicht nachzuvollziehen ist deshalb, dass Moskau über die von der EU geplante Sparerzwangsabgabe „ne smeshno“, not amused war. Schließlich wären davon sowohl staatliche Einrichtungen als auch Putin-nahe betroffen gewesen.

50.000 Russen mit Wohnsitz auf Zypern
Seit die Bürger aus dem zusammengebrochenen Riesenreich 1991 wieder reisen dürfen, ist die Mittelmeerinsel eines ihrer beliebtesten Urlaubsziele. 2013 lebten mehr als 50.000 offiziell in Zypern. Im Unterschied zu anderen nicht europäischen Ländern verlangte Nikosia von Exsowjetbürgern lange kein Visum. Vor allem Russlandgriechen vom östlichen Schwarzen Meer zog es erst ins Mutterland und von dort weiter nach Zypern.

Die Annäherung zwischen sowjetischer und zyprischer Politik geht noch weiter zurück: Nach der türkischen Besetzung des nördlichen Teils der Insel, setzte sich die UdSSR im Sicherheitsrat der UNO für Nikosia ein – als Widerpart des Nato-Mitglieds Türkei. Als kleines Dankeschön bestellte die Republik Zypern Ende der 1990er Jahre russische Boden-Luft-Raketen des Typs S-300. Umgekehrt ließ Sowjetunion tausende Zyprer an russischen Hochschulen studieren: Wie der kommunistische Expräsident Dimitris Christofias (bis 2013) oder Limassols Bürgermeister Andreas Christou. In „Limassolograd“, wie sie es nennen, stellen die Russen mehr als 40 Prozent der Einwohner.
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