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19.04.2012
Wiener Museen im Klimt-Jahr
Galerie
Wien (dpa) - Schwindelfreiheit kann nicht schaden. Wer dem Wiener Jugendstil-Künstler Gustav Klimt im Jahr seines 150. Geburtstags in seiner Heimatstadt begegnen will, wird mitunter in lichte Höhen geschickt. Dafür steht der Besucher auf der eisernen Treppe im Kunsthistorischen Museum dann griechischen Göttern und historischen Schönheiten aus der Hand des Meisters Aug in Aug gegenüber. Auch andere Wiener Ausstellungshäuser haben sich etwas einfallen lassen und eröffnen zum Gedenkjahr neue Perspektiven auf einen alten Bekannten.Die private Seite des Künstlers rückt das Leopold Museum in den Fokus seiner Sonderausstellung «Klimt persönlich». Was dort zu sehen und vor allem zu lesen ist, ist tatsächlich sehr privat. «ich muss rackern! am liebsten schmiss ich den Krempl zum Teufel und gienge nach dort es ist mir gründlich zu fad», schreibt der Künstler eines Tages im Frühsommer 1915 in eigenwilliger Rechtschreibung seiner Gefährtin Emilie Flöge, die bereits am Attersee in Sommerfrische weilt, während Klimt in Wien festsitzt, um Aufträge abzuarbeiten.
Mehr als 400 Postkarten aus der Hand Gustav Klimts bilden den roten Faden durch die Ausstellung. Es sind kurze, oft lapidare Nachrichten, im Gehalt eher einer heutigen SMS vergleichbar als inhaltsschweren Briefen. Und doch geben sie tiefen Einblick in den Alltag des Künstlers. Eine Entdeckung, gestehen auch Kritiker dem Jugendstil-Platzhirschen Leopold Museum zu.
Schließlich sind schriftliche Dokumente zu Klimt äußerst rar: Emilie Flöge soll unmittelbar nach Klimts Tod waschkorbweise Briefe verbrannt haben, andere Stücke verbrannten in den letzten Kriegstagen 1945 in Wien, und was erhalten blieb, ist über eine Vielzahl von Sammlungen verstreut. Das Museum präsentiert dazu jeweils zeitlich passende Werke - darunter durchaus Arbeiten, die qualitativ deutlich unter den großen Ikonen liegen.
WIEN MUSEUM
«Das arbeitet gegen das Masterworks-Prinzip», befindet der Leiter des Wien Museums am Karlsplatz, Wolfgang Kos, über die Schau bei den Nachbarn im Museumsquartier. «Ein wenig an der Aura zu kratzen, schadet gar nichts». Den Mythos infrage stellen will auch das Wien Museum selbst. Gegen die Allgegenwart der «Goldenen Phase» führt das Haus die eigene Sammlung ins Feld, immerhin die größte Klimt-Sammlung überhaupt. Sie trumpft zwar mit dem berühmten Porträt Emilie Flöges und der «Pallas Athene» auf, umfasst aber hauptsächlich Zeichnungen, Skizzen, Schmuck und Trophäen wie den Malerkittel und die Totenmaske.
Als ironischen Seitenhieb inszeniert das Wien Museum außerdem unter tatkräftiger Mithilfe der Internet-Gemeinde eine virtuelle Spezialsammlung mit dem Titel «Worst of Klimt», in der die schrecklichsten Verkitschungen der Klimt-Motive vereint werden: Auf der Facebook-Seite des Museums ist bereits eine haarsträubende Kollektion von der «Adele»-Barbie über das «Kuss»-Hundemäntelchen und eine «Klimt»-Gummiente bis hin zur Harley Davidson in Schwarz und Gold angewachsen.
In unmittelbarer Nachbarschaft am Karlsplatz, in Joseph Maria Olbrichs auffälligem Bau der Secession mit der goldenen Kugel auf dem Dach, ist eines der Hauptwerke Klimts neu zugänglich. Der Künstler Gerwald Rockenschaub hat eine knallgelbe Plattform in den Raum mit dem berühmten Beethoven-Fries eingebaut. So können die Besucher näher an die farbenprächtige Hommage Klimts an Beethoven mit den bekannten allegorischen Darstellungen der Kunst herantreten.
Unweit dieser Heimstätte des Wiener Jugendstils präsentiert auch Wiens ältestes Museum, die Albertina, den Jahresregenten. Eine Auswahl von 170 Arbeiten zeigt die Vorstufen zu vielen bekannten Werken, Studien und Zeichnungen. Ganz ohne Gold, lenkt die Schau den Blick auf den sonst kaum zu erlebenden, zart und subtil arbeitenden Klimt.
Das Kunsthistorische Museum ist glücklicher Besitzer einer Wandmalerei Klimts. Allerdings befinden sich die Darstellungen in lichter Höhe im Stiegenhaus. Um sie zugänglich zu machen, wurde eine temporäre Treppe installiert, die den Betrachter Aug in Aug mit dem frühen Klimt bringt.
MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST
Nüchtern agiert das Museum für angewandte Kunst, das sich den Vorarbeiten zu einem unerreichbaren Sehnsuchtsziel der Klimtianer widmet: Das Palais Stoclet in Brüssel, für das der Künstler zwischen 1905 und 1911 ein gewaltiges Fries entwarf, ist in Familienbesitz der Erben und bleibt den Kunstliebhabern verschlossen. Nun wurden die Entwürfe, die zum Teil in verheerendem Zustand waren, restauriert. Die kompakte Schau lässt das reale, aber unzugängliche Schlüsselwerk erahnen.
Klotzen statt kleckern - das bleibt in aller goldenen Pracht dem Belvedere vorbehalten. Die Österreichische Galerie ist auch nach den spektakulären Restitutionsprozessen noch glücklicher Besitzer der größten Klimt-Gemäldesammlung der Welt. Zwar gingen Ikonen wie das «Bildnis der Adele Bloch-Bauer» oder «Häuser in Unterach am Attersee», die über die Nationalsozialisten in den Besitz des österreichischen Staates gelangt waren, in den vergangenen Jahren an die rechtmäßigen Erben zurück. Doch Haupttreffer wie «Judith» oder «Der Kuss» sind immer noch hier zu finden.
In einer Sonderausstellung werden ab Juli die originalen Klimt-Gemälde aus der Sammlung in neuer Präsentation zu sehen sein. Dabei sind sogar zwei Neuzugänge zu bewundern: Die Gemälde «Sonnenblume» und «Familie» gehören nach einer glücklichen Erbschaft seit diesem Jahr zur nun 24 Arbeiten umfassenden Klimt-Galerie.
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