Zeit des Nationalsozialismus

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NS-Marschkolonne mit Hakenkreuzfahnen auf dem Rückweg vom Reichsparteitag (vermutlich 1938) an der Stadtgrenze Fürth/Nürnberg, antijüdische Propaganda am Ortsschild und Kinder mit dem (zu jener Zeit vor NS-Fahnen vorgeschriebenen) Hitlergruß.[1] Im Hintergrund ein Fabrikgebäude der ?arisierten?, zuvor jüdischen Firma J.W. Spear.
Zentrum von Stalingrad, 2. Februar 1943

Die Zeit des Nationalsozialismus (abgekürzt NS-Zeit, auch NS-Diktatur genannt) umfasst die Zeitspanne von 1933 bis 1945, in der Adolf Hitler in Deutschland eine von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gestützte Führerdiktatur etablierte. Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor den Alliierten und ihren Verbündeten. Mit seiner expansiven, revisionistischen und rassistischen Ideologie und Politik entfesselte Hitler den Zweiten Weltkrieg, in welchem die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer Massenverbrechen und Völkermorde verübten.

Leitbild nationalsozialistischer Gesellschaftspolitik war eine in sich geschlossene, rassisch und ideologisch gleichförmige Volksgemeinschaft von ?Ariern?. Politisch Andersdenkende und Regimegegner wurden von Anbeginn der NS-Diktatur mit Mitteln des Staatsterrors verfolgt und unter anderem in Konzentrationslager gesperrt. Juden wurden diskriminiert und etwa durch die Nürnberger Gesetze systematisch entrechtet. Die radikalantisemitische Politik der Nationalsozialisten mündete in den Holocaust.

Die Außenpolitik des NS-Staats war darauf gerichtet, Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg vergessen zu machen und die vorherige Großmachtstellung zu erneuern und zu erweitern. Bereits 1933 trat Deutschland aus dem Völkerbund aus; mit der Aufrüstung der Wehrmacht, der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 sowie der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands 1936 wurde gegen wichtige Teile des Versailler Vertrags verstoßen. 1938 folgte der ?Anschluss? Österreichs an das Deutsche Reich. Im selben Jahr erlaubte das Münchner Abkommen Deutschland die Eingliederung des Sudetenlandes.

In der Expansionsphase ab 1938 verübten die Nationalsozialisten und ihre Anhänger in ganz Europa zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit an ethnischen, religiösen und anderen gesellschaftlichen Minderheiten. Etwa sechs Millionen europäische Juden wurden im historisch beispiellosen Holocaust, bis zu 500.000 Sinti und Roma im Porajmos und etwa 100.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen im Rahmen der ?Aktion T4? und der ?Aktion Brandt? ermordet. Nach der Strategie des Hungerplans ließen die deutschen Besatzer in der Sowjetunion zwischen 1941 und 1944 geschätzt 4,2 Millionen Menschen bewusst verhungern und rund 3,1 Millionen sowjetische Soldaten starben in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Die Ära der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und über weite Teile Europas wird in einem ethisch-moralischen Sinn als Zivilisationsbruch und als Tiefpunkt der deutschen, aber auch der europäischen Geschichte insgesamt angesehen.

Entstehung und Aufstieg des Nationalsozialismus | Quelltext bearbeiten

Die ideologischen Vorstellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich im Nationalsozialismus bündelten, sind als tief verwurzelt im 19. Jahrhundert anzusehen. Extrem nationalistische, rassistische, antisemitische und chauvinistische Ansichten ließen sich im 19. und 20. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten finden, ohne dass sie aber als repräsentativ für eine ganze Gesellschaft anzusehen seien, heißt es bei Kurt Bauer. Es habe viele Gründe, dass der Nationalsozialismus ?in einem unheilvollen Moment der Geschichte? zur Macht gelangen konnte: ?Monokausale Erklärungsansätze versagen kläglich, wenn es um komplexe Ursachen und Zusammenhänge geht, die den Nationalsozialismus geschichtsmächtig werden ließen.?[2]

Faschismus und Nationalsozialismus gingen in der Sicht Hans-Ulrich Thamers aus der Krise der europäischen bürgerlich-liberalen Ordnung und aus dem Zeitalter der Revolutionen hervor. Beide Bewegungen setzten die Ausbildung und Verfestigung der großen politischen Denkströmungen des 19. Jahrhunderts voraus: Liberalismus, Demokratie, Sozialismus und Konservatismus ? und deren Verformung durch Massenmobilisierung und Massenideologie. Ihr Verhältnis zur überkommenen Staats- und Gesellschaftsordnung sei ein doppeltes: sowohl reaktionär als auch revolutionär. ?Sie waren traditionalistisch und modernistisch, antimarxistisch und antibürgerlich. [?] Mit dem scheinbaren Sieg der liberalen Demokratien nach 1918 erhoben sich zugleich deren Herausforderer: Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus.?[3]

Folgenreicher Erster Weltkrieg | Quelltext bearbeiten

Als ?Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts? hat George F. Kennan den Ersten Weltkrieg bezeichnet und als Auslöser sowohl der Hyperinflation als auch der Weltwirtschaftskrise, des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs gesehen.[4] Die politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden im und durch den Ersten Weltkrieg geschaffen. Für Ian Kershaw ist ?ohne den Ersten Weltkrieg und dessen Hinterlassenschaft [?] das Dritte Reich nicht denkbar.? Die Nationalsozialisten hätten das kollektive Trauma instrumentalisiert, indem sie Deutschlands Niederlage 1918 als Katastrophe deuteten, die immer weiter fortgewirkt habe.[5] Dabei bedienten sie sich verschwörungstheoretischer Deutungsmuster wie dem von den ?Novemberverbrechern? und der Dolchstoßlegende: Juden und Sozialdemokraten seien dem angeblich siegreichen deutschen Heer mit der Novemberrevolution hochverräterisch in den Rücken gefallen. Diese These wurde von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung geteilt und war geeignet, die Weimarer Republik nachhaltig zu delegitimieren.[6]

Zum verbreiteten Objekt nationalsozialistischer Empörung und Propaganda wurde zudem der von Siegermächten Deutschland aufgezwungene Versailler Vertrag, der von den meisten Deutschen als ungerecht empfunden wurde.[7] Er lud Deutschland und seinen Verbündeten in Artikel 231 die Kriegsschuld auf, was als Grundlage für Reparationsforderungen diente und für klare Fronten in der Kriegsschulddebatte sorgte. Der Versailler Vertrag brachte den Verlust sämtlicher Kolonien und erheblicher Gebiete im Osten, Norden und Westen Deutschlands mit sich; das Rheinland wurde von Truppen der Siegermächte besetzt, und Deutschland unterlag strengen Rüstungsbeschränkungen. Die Höhe der zu leistenden Reparationszahlungen blieb vorerst unbestimmt; diesbezügliche Leistungen wurden 1920 bis 1923 mittels Ultimaten durchgesetzt. Die dagegen grundsätzlich aufbegehrenden Nationalsozialisten bezeichneten denn auch alle Versuche der Weimarer Regierungen, durch eine Verständigungspolitik mit Frankreich und Großbritannien den Vertrag abzumildern, als ?nationalen Verrat?. Für sie war der ?Kampf gegen Versailles? das zentrale Anliegen.[8]

Auch innenpolitisch hatte der Weltkrieg verheerende Folgen, die von den Nationalsozialisten ausgenutzt werden konnten: Er war nämlich über Staatsanleihen finanziert worden, deren Käufern man eine erhebliche Rendite versprochen hatte. Stattdessen entledigte sich das Deutsche Reich durch eine Hyperinflation bis 1923 all seiner Staatsverschuldung, wodurch aber nicht nur die Anleihebesitzer, sondern auch alle Inhaber von Sparguthaben de facto enteignet wurden. Dieser Vertrauensbruch begünstigte den Aufstieg des Nationalsozialismus.[9]

Kurt Bauer hält ohne den Ersten Weltkrieg auch die bolschewistische Oktoberrevolution für kaum möglich, die in Europa eine Verschärfung und Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung bewirkt habe: ?Der gewaltige und extrem gewaltsame Umsturz der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Russland führte zu Kriegsende und in der Nachkriegszeit zu nicht einfach als irrational abzutuenden Ängsten vor einer ähnlichen Revolution ? und damit letztlich zur Neigung, in rechtsextremen, faschistischen Gruppierungen Garanten vor dem Bolschewismus zu sehen.?[10] Zudem wird mitunter darauf hingewiesen, dass die im Krieg erfahrenen klaren Befehlsstrukturen die Frontgeneration für die angeblichen Vorzüge eines autoritären Systems und für das Führerprinzip empfänglich gemacht hätten.[11]

Ein weiterer Faktor, der die Weimarer Republik stark belastete und der NS-Bewegung Vorschub leistete, war das Überdauern undemokratischer Traditionen in Staat und Gesellschaft: Die Novemberrevolution hatte die meisten der kaiserlichen Beamten, Richter, Universitätsprofessoren usw. in ihren Ämtern belassen. In der zu Anfang der 1930er Jahre von schweren Krisen erfassten Weimarer Demokratie aber standen diese monarchistisch und nationalistisch sozialisierten Eliten nicht entschieden auf Seiten der Demokratie, sondern zeigten sich zu einem Bündnis mit der NSDAP bereit. Der Historiker Martin Broszat urteilt, dass die NSDAP seit ihrem Aufstieg zur Massenpartei 1929/30 lediglich zusammenfasste, ?was ? zersplittert, aber in großer Breite ? als ideologisch-politisches und als interessenpolitisches Potential längst vorgeformt war?.[12] Zwar erweist sich Ernst Troeltschs viel zitiertes Schlagwort von der ?Republik ohne Republikaner? angesichts der Wahlergebnisse bis 1930 als falsch,[13] doch bestand ein Manko in der Demokratiefestigkeit der Bevölkerung. Indiz dafür war bereits 1925 die Wahl des erklärten Republikgegners Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten. Nach seiner Wiederwahl 1932 ernannte er den dabei unterlegenen Konkurrenten Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.

Zu den das Emporkommen der Nationalsozialisten begünstigenden Rahmenbedingungen zählte nicht zuletzt die latente und oft krisenhaft zugespitzte politische Instabilität der Weimarer Republik, die bereits in ihren Anfangsjahren mehreren Putsch- und Revolutionsversuchen ausgesetzt war. In den frühen 1930er Jahren erschütterten wiederum bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der SA und des (seit 1929 verbotenen) Roten Frontkämpferbund die öffentliche Ordnung.[14] Die Regierung und mit ihr das politische System der Weimarer Republik verloren wegen des Versagens vor den Herausforderungen der Weltwirtschaftskrise massiv an Vertrauen in der Bevölkerung: Die prozyklische Deflationspolitik und die Deutsche Bankenkrise vom Sommer 1931 verschärften die Depression, bis schließlich mit fünf Millionen Arbeitslosen jede dritte deutsche Familie betroffen war. Der britische Wirtschaftshistoriker Harold James sieht den Nationalsozialismus als ?Deutschlands Antwort auf die Weltwirtschaftskrise?.[15]

Gründung und Emporkommen der NSDAP bis 1933 | Quelltext bearbeiten

Hitlers Mitgliedskarte der DAP mit der vermeintlichen Mitgliedsnummer 7 (1. Januar 1920). Laut Anton Drexler wurde die Nummer 555 herausretuschiert und die Nummer 7 an deren Stelle eingefügt.

In ihrem Gründungsjahr 1920 war die durch Umbenennung aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) hervorgegangene NSDAP nur ?eine von mehreren Dutzend Grüppchen im nationalistisch-völkischen Spektrum, die seit Kriegsende in München entstanden waren.?[16] In dem am 24. Februar 1920 im Münchner Hofbräuhaus präsentierten 25-Punkte-Programm[17] vertrat sie entschieden antidemokratische, völkisch-nationalistische und rassistische, vor allem antisemitische Positionen. Ende des Jahres erwarb sie den Münchner Beobachter und machte ihn zum Völkischen Beobachter (VB) als Organ der NSDAP, dem ?Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands?. Adolf Hitler, seit September 1919 DAP-Mitglied, erwarb sich den Ruf eines ?Trommlers? und ?Einpeitschers? der Partei und wurde 1921 auf eigenes ultimatives Verlangen hin zum ?Ersten Vorsitzenden mit diktatorischer Machtbefugnis? gewählt.[18] Im Oktober 1921 kam es unter Einbeziehung von Mitgliedern der beim Kapp-Putsch gescheiterten Marine-Brigade Ehrhardt zur Gründung der Sturmabteilung (SA), die zunächst vor allem bei Saalschlachten zum Einsatz kam.[19] Bei der Gründung von NSDAP-Ortsgruppen über München hinaus halfen lokale Anhänger des mitgliederstarken Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes.[20]

Als nach der Ermordung Walther Rathenaus durch Mitglieder der rechtsextremistischen Organisation Consul auf Grundlage des neu geschaffenen Republikschutzgesetz zwar der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund im Freistaat Preußen verboten wurde (die Regierung des Freistaats Bayern sah keinen Handlungsbedarf), nicht aber die NSDAP, kam es 1922 zu einer Wanderungsbewegung innerhalb des rechtsradikalen Milieus und zur Verdoppelung der NSDAP-Mitgliedschaften.[21] Auf dem Höhepunkt des Krisenjahres 1923 der Weimarer Republik entschloss sich Hitler, auch unter dem Eindruck zunehmender Ungeduld des eigenen Parteivolks, mit Unterstützung des vormaligen Weltkriegsstrategen Erich Ludendorff zu einem Putsch nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom mit dem Ziel, die Regierungen in Bayern und Berlin abzusetzen. Der von der nationalsozialistischen Propaganda so bezeichnete ?Marsch auf die Feldherrnhalle? in München wurde jedoch von der bayerischen Landespolizei niedergeschlagen, die NSDAP nun auch in Bayern verboten.[22]

Deutsche Erstausgabe von Mein Kampf, Juli 1925. Ausstellungsstück des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Im Hitler-Prozess vor dem bayerischen Volksgericht ergingen gegen die Putschbeteiligten durchweg milde Urteile, wenn nicht Freisprüche. Hitler selbst, dem der Prozessverlauf die weithin wahrgenommene Bühne für Propaganda in eigener Sache bot, erhielt lediglich die gesetzliche Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft in der Festung Landsberg. Dabei wurde ihm die Haftentlassung auf Bewährung schon nach Verbüßung von sechs Monaten in Aussicht gestellt, und die nach dem Republikschutzgesetz anzusetzende Ausweisung als Ausländer wurde erlassen.[23] Während der Haft unter ungewöhnlich komfortablen Bedingungen[24] diktierte Hitler seinem damaligen Sekretär und späteren Stellvertreter Rudolf Heß seine programmatische Autobiografie ?Mein Kampf?.

Das Verbot der NSDAP vom 23. November 1923 wurde durch die Gründung von Tarnorganisationen unterlaufen: in Bayern durch die Großdeutsche Volksgemeinschaft unter Alfred Rosenberg, der im Juli 1924 von Julius Streicher und Hermann Esser abgelöst wurde; in Norddeutschland durch die von Gregor Strasser und Erich Ludendorff geführte Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands.[25] Nach seiner Haftentlassung am 20. Dezember 1924 fand Hitler ein gespaltenes und geschwächtes völkisches Lager vor, das zu vereinen und nunmehr auf legalen Wegen an die Macht zu bringen, er sich allein vorbehielt. Tatsächlich gelang es ihm auch künftig stets, bei innerparteilichen Richtungskämpfen und Rivalitäten die Oberhand zu behalten. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler vermutet, ohne die Person Hitler ?wäre der Nationalsozialismus aller Wahrscheinlichkeit nach eine ordinäre autoritär-nationalistische Partei mit diffusen Zielen geblieben, wie es sie mancherorts gab?.[26] Nach der Aufhebung des Verbots in Preußen am 12. Dezember 1924 ? die von den Nationalsozialisten ausgehende Gefahr schien für diese schärfste Sanktion nicht mehr groß genug ? wurde die NSDAP am 27. Februar 1925 im Münchner Bürgerbräukeller mit Hitler als einzigem Redner neu gegründet.[27] In der zweistündigen Rede, die er mit den bekannten ideologischen Versatzstücken begann, erklärte Hitler schließlich, sich in seinem Führungsanspruch von Fraktionen oder Flügeln keinerlei Bedingungen vorschreiben zu lassen ?und inszenierte anschließend geschickt die Versöhnung der in seiner Abwesenheit heillos Zerstrittenen auf offener Szene?. Die Rede hatte allerdings auch zur Folge, dass die bayrische Regierung ein Redeverbot gegen Hitler erließ, dem sich zahlreiche andere Länderregierungen anschlossen und das bis März 1927 galt, in Preußen bis September 1928.[28] In dieser Phase der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik blieb die NSDAP eine randständige Splitterpartei.

Einzug der Fahnenkompanien des Stahlhelms in das Berliner Stadion während der Großveranstaltung ?Zehn Jahre Versailler Vertrag? (Juni 1929).

Der 1929 im Ergebnis gescheiterte Volksentscheid gegen den Young-Plan, der der nationalsozialistischen Agitation breite Entfaltung bot, und die mit wachsender Massenarbeitslosigkeit nach Deutschland übergreifende Weltwirtschaftskrise waren wichtige Bedingungsfaktoren des enormen Mandatszuwachses der NSDAP bei der Reichstagswahl 1930. Hinsichtlich des Spektrums potenzieller Wähler, das unter anderen Arbeiter, Mittelstand und Landwirte umfasste, war die NSDAP ungewöhnlich breit aufgestellt; sie war in einer Formulierung des Parteienforschers Jürgen W. Falter eine ?Volkspartei des Protests?.[29] Die führende Mitgestaltung der Harzburger Front im Oktober 1931 machte die Nationalsozialisten in deutschnational gesinnten Kreisen zunehmend anschlussfähig. Im Ulmer Reichswehrprozess gegen Offiziere der Reichswehr, denen die Verbreitung von nationalsozialistischer Propaganda vorgeworfen wurde, bezeugte Hitler in seinem öffentlichkeitswirksamen sogenannten Legalitätseid, dass er die Macht ?nicht mit illegalen Mitteln? anstrebe, und trat damit Gerüchten über einen neuerlichen Putsch entgegen. Doch verlagerte sich die politische Auseinandersetzung auch wegen der rückläufigen Handlungsfähigkeit des Reichstags in der nach der Reichstagswahl 1930 beginnenden Ära der Präsidialkabinette mehr und mehr in den außerparlamentarischen Raum. Die Wehrverbände der Parteien ? die SA der NSDAP, der der DNVP nahestehende Stahlhelm, der an die KPD angelehnte Rotfrontkämpferbund, das sozialdemokratisch dominierte Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ? begegneten sich in militant ausgetragenen Konflikten auf den Straßen und in den Versammlungssälen.

Hitler, der ab 1925 auf eigenes Betreiben staatenlos war, bekam mit der Einbürgerung die Möglichkeit, bei der Reichspräsidentenwahl 1932 unter anderen gegen Hindenburg zu kandidieren. Der setzte sich erneut durch; doch aus beiden nachfolgenden Reichstagswahlen im Juli und im November des Jahres 1932, die aus dem Widerstand des Reichstags gegen das Notverordnungsregime des von Hindenburg ernannten Reichskanzlers Franz von Papen resultierten, ging die NSDAP als mit Abstand stärkste Fraktion hervor. Nationalsozialisten und Kommunisten hatten als extreme Flügelparteien nun eine negative Mehrheit im Reichstag, die jede parlamentarische Arbeit unmöglich machte. Hitler beanspruchte in Gesprächen mit Hindenburg über eine mögliche Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten für sich unnachgiebig die Kanzlerschaft; die angebotene Vizekanzlerschaft lehnte er ab. Hindenburg weigerte sich lange, Hitler als Kanzler einzusetzen und gab auch nach von Papens zweifachem Scheitern noch Kurt von Schleicher für eine Verständigung mit dem Reichstag den Vorzug vor Hitler. Als auch von Schleicher im Reichstag keinen Rückhalt fand, empfahl dieser selbst im Zusammenwirken mit anderen Vertrauenspersonen des nun 86-jährigen Paul von Hindenburg die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.

Etablierung des Regimes 1933/34 | Quelltext bearbeiten

Bei der Bildung des Kabinetts Hitler waren unter den zwölf Mitgliedern außer ihm selbst nur zwei weitere Nationalsozialisten vertreten: Wilhelm Frick und Hermann Göring. DNVP-Minister Alfred Hugenberg und Vizekanzler Franz von Papen meinten, sich Hitler für ihre eigenen Zwecke ?engagiert? zu haben. Von Papen bügelte Zweifler ab: ?Was wollen Sie denn! Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.?[30] Der französische Botschafter André François-Poncet, der von vornherein anderer Meinung war, stellte ein halbes Jahr nach dem Beginn von Hitlers Kanzlerschaft fest, dass der Nationalsozialismus bei der Machtergreifung binnen fünf Monaten eine Wegstrecke zurückgelegt hatte, für die der italienische Faschismus unter Mussolini zuvor fünf Jahre gebraucht habe.[31]

Hindenburg löste nach ergebnislosen Scheinverhandlungen Hitlers mit dem Zentrum zur Bildung einer Mehrheitsregierung den Reichstag am 1. Februar 1933 erneut auf und setzte Neuwahlen an.[32] In der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes am 4. Februar wurde die KPD verboten und erste Notverordnungen erlassen, die vor allem gegen Kommunisten und Sozialisten gerichtet waren und die Presse-, Meinungs- sowie Versammlungsfreiheit einschränkten. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 erließ Hindenburg die Reichstagsbrandverordnung, die diese Grundrechte der Verfassung noch stärker beschnitt. Viele Mitglieder der KPD, der SPD und der kleineren kommunistischen und sozialistischen Parteien sowie der freien Gewerkschaften wurden misshandelt und in ?Schutzhaft? genommen. Überall im Reich entstanden in Turnhallen, Scheunen oder Kellern provisorische Haftorte der SA, in denen politische Gegner festgehalten und gefoltert wurden. Ein erstes Konzentrationslager des später dann planmäßig und zentralstaatlich eingerichteten Lagersystems der SS wurde in Dachau errichtet. Zahlreiche Inhaftierte überlebten die Haftbedingungen nicht, zu denen auch Folter und Mord gehörten.

Bei der von Unterdrückungsmaßnahmen begleiteten Reichstagswahl am 5. März 1933 verfehlte die NSDAP die absolute Mehrheit, was jedoch korrigiert wurde, indem man die von der KPD gewonnenen Sitze vor der ersten Sitzung des neuen Reichstags annullierte. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 gab der Regierung zunächst für die Frist von vier Jahren fast uneingeschränkte Gesetzgebungsbefugnisse. Mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 wurde die NSDAP die einzige zugelassene Partei in Deutschland: das demonstrative Ende der Weimarer Demokratie. Zur Reichstagswahl am 12. November 1933 wurde lediglich eine Einheitsliste aus NSDAP-Mitgliedern und ausgesuchten Gästen vorgelegt. Der deutsche Reichstag blieb erhalten, war aber bis 1945 ein Scheinparlament. Siehe dazu auch Wahlrecht in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit der Gleichschaltung der Länder, die alle hoheitlichen Aufgaben verloren, endete auch die von der Weimarer Verfassung garantierte Eigenständigkeit der Länder zugunsten der bald danach allein im ?Führerwillen? zum Ausdruck kommenden NS-Zentralgewalt. Ähnliche Maßnahmen betrafen bis Ende 1934 die meisten Vereine, Verbände und Gewerkschaften, die Handwerkerschaft, Studentenverbindungen, Medien, Kultureinrichtungen und die Justiz. Parteiorganisationen der NSDAP übernahmen in vielen Bereichen die vormaligen Aufgaben staatlicher Stellen und nichtstaatlicher Interessenverbände.

Schulhaus in Fürth anlässlich der Volksabstimmung über die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers am 19. August 1934. Amtliches Ergebnis im Reich: 89,9 Prozent Zustimmung

Als zur Jahresmitte 1934 die von fortgesetzter revolutionärer Ungeduld und eigenem Geltungsbedürfnis getriebene SA-Führung unter Ernst Röhm dem auf Konsolidierung seiner Machtposition und Interessenausgleich mit der Reichswehrführung bedachten Hitler lästig wurde, beendete dieser im Einvernehmen mit Himmler, Goebbels und Göring den sogenannten Röhm-Putsch mit Hilfe von SS-Getreuen und ließ sowohl Röhm und seine Entourage als auch weitere persönliche Gegner ermorden ? sich selbst dabei als oberster Gerichtsherr und Wiederhersteller geordneter Verhältnisse inszenierend. Damit sicherte er sich die Unterstützung der Reichswehrführung, sodass nach dem bevorstehenden Tod Hindenburgs auch Hitlers schon vorbereiteter Zusammenlegung von Kanzlerschaft und Reichspräsidentschaft nichts mehr im Wege stand. Indem Hitler zugestand, die Reichswehr werde künftig als einziger Waffenträger im Reich verbleiben, konnte er sich nun problemlos zu ihrem Oberbefehlshaber machen.

Nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 übernahm Hitler aufgrund eines von seiner Regierung beschlossenen Gesetzes das Amt des Reichspräsidenten und gab sich den Titel Führer und Reichskanzler. Durch ein Plebiszit ließ er sich sein Vorgehen nachträglich bestätigen. Kriegsminister Werner von Blomberg, den Hindenburg noch vor Hitler ernannt hatte und der mit anderen dessen Macht nach den Vorstellungen der Konservativen hatte ?einrahmen? bzw. ?zähmen? sollen, ließ die Reichswehr nun auf Hitlers Person vereidigen. Auch die Beamten mussten einen ?Führereid? ablegen. Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums als Grundlage wurden regimekritische Mitarbeiter aus den öffentlichen Verwaltungen entfernt. Damit hatte Hitler seine Herrschaft innenpolitisch durchgesetzt, stabilisiert und dauerhaft abgesichert.

Friedensjahre 1934 bis 1939 | Quelltext bearbeiten

Dem propagierten Anspruch nach sollten in der NS-Volksgemeinschaft alle gesellschaftlichen Unterschiede aufgehoben sein.[33] Man versprach, alte soziale Gegensätze aufzulösen und eine nationale Massengesellschaft zu schaffen. Dabei standen soziale Beziehungen auch im nichtöffentlichen Bereich unter fortwährender Anspannung. ?Das Private konnte Rückzugsraum sein, gleichzeitig unterstand es dem dauernden Anspruch, das eigene Verhalten neu auszurichten und bisherige Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben einzureißen. Der Nationalsozialismus forderte eine permanente Entscheidung, sich angemessen im Sinne der Volksgemeinschaft zu verhalten.?[34]

Ein wesentliches Instrument zur Herbeiführung der Volksgemeinschaft nationalsozialistischer Denkart war Gewalt. Sie war ein wichtiger Bestandteil des nationalsozialistischen Selbstverständnisses und des Aufstiegs der Bewegung. Sie bildete ?eine zentrale Säule? der politischen Ordnung seit 1933, und laut Dietmar Süß gehörte es ?zu den Wesensmerkmalen der NS-Herrschaft, staatliche und parteiamtliche Gewalt immer weiter zu entgrenzen.?[35] Schon während der ersten Monate der Regierung Hitler, so auch Riccardo Bavaj, vollzog sich mittels Gewalt die Ausweitung der nationalsozialistischen Macht in einer ?wechselseitigen Dynamik von oben und unten?.[36] Gewalt blieb auch das stets verfügbare Mittel der Wahl all denen gegenüber, die den politischen und ethnisch-rassistischen Feindbildern der Nationalsozialisten entsprachen und demzufolge der NS-Volksgemeinschaft nicht angehören sollten. Schon vor 1933 publizierte die NSDAP beispielsweise Listen, Verzeichnisse und teils Stadtpläne, die entweder den Weg zu ?deutschen? Geschäften oder die Lage ?jüdischer? Geschäfte markierten. Das sollte die deutsche Hausfrau dazu anhalten, die richtige Kaufentscheidung zu treffen.[37]

Das besondere Augenmerk der Nationalsozialisten galt der Jugend, ihrer umfassenden sozialen Kontrolle, indoktrinierenden Erfassung und Mobilisierung, während die erzieherische Rolle der Eltern zurückgedrängt wurde, soweit das eben möglich war.[38] ?Macht und Konsens in Hitlers Staat?, so Thamer, ?beruhten zu einem großen Teil darauf, daß das Regime immer wieder jugendliche Begeisterungsfähigkeit und Aggressivität freizusetzen und diese gleichzeitige zu disziplinieren und zu manipulieren verstand.?[39]

Propaganda und Personenkult | Quelltext bearbeiten

1935: Geschäfte schließen, damit eine Rede Hitlers gehört werden kann.

Die Bedeutung der NS-Propaganda für die Erreichung der selbstgesetzten Ziele hatte Hitler bereits in der Neugründungsphase der NSDAP 1925 hervorgehoben: Die Partei sei kein Selbstzweck, sondern solle nur ?den politisch-agitatorischen Kampf der Bewegung ermöglichen, der Aufklärungstätigkeit diejenigen organisatorischen Voraussetzungen schaffen, die unbedingt nötig sind.? In Mein Kampf forderte er mittels Propaganda die Gewinnung von Menschen für die Parteiorganisation, die wiederum andere Menschen für die Fortführung der Propaganda mobilisieren sollten. Es gehe darum, den ?bestehenden Zustand? zu zersetzen und die neue Lehre zu verbreiten. Der Sieg sei möglich, ?wenn die neue Weltanschauung möglichst allen Menschen gelehrt und, wenn nötig, später aufgezwungen wird.?[40]

Das im März 1933 geschaffene Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels bekam die Zuständigkeit ?für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der Verwaltung aller diesen Zwecken dienenden Einrichtungen.?[41] Mehrere hundert Beamte waren laut Thamer allein damit beschäftigt, die täglichen Presseanweisungen für das in seiner numerischen Vielfalt weitgehend fortbestehende deutsche Zeitungswesen zu formulieren und ihre Einhaltung zu überwachen. Tag für Tag erhielten die Vertreter der Zeitungen die vorgefilterten Informationen nebst Anweisungen, wie davon Gebrauch zu machen war.[42] Als weiteres wichtiges Verbreitungsmedium der politischen Propaganda des Regimes dienten der Hörfunk und der eigens dafür entwickelte Volksempfänger, der massenhafte Verbreitung fand und mit dem das Radiohören ? dem propagierten Anspruch nach ? nicht mehr Privatangelegenheit jedes einzelnen sein, sondern zur ?staatspolitischen Pflicht? werden sollte. Von 25 Prozent aller Haushalte 1933 stieg die Abdeckungsquote mit Radiogeräten auf 65 Prozent 1941, wobei ländliche Regionen und einkommensschwache städtische Haushalte teils weiterhin keinen Rundfunkempfang hatten.[43]

Kernbestandteil der NS-Propaganda war der Personenkult um Hitler. Im öffentlichen Alltagsleben besonders sichtbar wurde dies, nachdem seit Juli 1933 für alle Reichsbehörden, Reichsstatthalter und die Landesregierungen der Hitlergruß verpflichtend geworden war, den man so als ?deutschen Gruß? von der Partei auf das gesamte öffentliche Leben übertrug, so auch auf die Schulen, wo Lehrer zu Beginn jeder Unterrichtsstunde die Klasse mit ?Heil Hitler? begrüßen sollten. In Städten brachte man teilweise an Strommasten, Laternenpfählen, Geschäften und Haustüren kleine Emailleschilder an mit Aufschriften wie zum Beispiel: ?Der Deutsche grüßt: Heil Hitler!?, oder auch: ?Volksgenosse, trittst Du ein, soll Dein Gruß? Heil Hitler? sein!?[44] Ein weiteres Element des Hitlerkults war das jährliche Begängnis des Führergeburtstags am 20. April. Am Vorabend fand reichsweit der Eintritt der neuen Jahrgänge in die Hitlerjugend statt; am Tag selbst wurden allerorts Vereidigungen, Mitgliederaufnahmen und die Verleihung von Auszeichnungen vorgenommen.[45]

Damit fügte sich der 20. April in den NS-spezifischen Kalender von Feiern, Festen und Gedenktagen ein, deren Auftakt an jedem 30. Januar der ?Tag der Machtergreifung? war. Am 24. Februar fand jeweils die ?Parteigründungsfeier? statt, zur Märzmitte der Heldengedenktag; am 1. Mai wurde der ?Tag der nationalen Arbeit? begangen, bald danach der Muttertag mit Ehrungen für die Heldinnen der ?Gebärschlacht?. Am 21. Juni feierte man die Sommersonnenwende mit Feuerrädern und Feuerreden; und Anfang September gab es alljährlich den Reichsparteitag in Nürnberg, das höchste Fest der NSDAP, 1933 ein fünftägiges, 1938 ein achttägiges Begängnis, das an Pracht- und Machtentfaltung alle anderen Veranstaltungen des NS-Kalendariums noch überbot. ?Die Magie der Fahnen und Fackeln, der Massenrituale und des Führerkults, der Todesverklärung und Treueschwüre betäubte alle Sinne und befriedigte älteste Schauergelüste.?[46] Ende September oder Anfang Oktober wurde das dem ?Nährstand? gewidmete Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln ebenfalls als Massenveranstaltung gefeiert, 1933 mit 500.000 Menschen, 1937 mit mehr als 1,3 Millionen.[47] Am 9. November beging Hitler mit seinem Gefolge in München den Tag zum Gedenken an die ?Gefallenen der Bewegung?: Gemeinsam mit den ?Alten Kämpfern? marschierte Hitler hinter der ?Blutfahne? zwischen anderen Fahnen und brennenden Opferschalen, um auf diese Weise das Scheitern des Putsches von 1923 in einen Triumph zu verwandeln und die Gefallenen der Bewegung ?zu Religionsstiftern eines neuen Staatskults? zu erheben: ?Das Blut, das sie vergossen haben, ist Taufwasser geworden für das Reich.?[48] Am Ende des NS-Festkalenders lagen im Dezember die Feier der Wintersonnenwende und die ?Volksweihnacht?, durch deren NS-spezifische Abwandlungen die christliche Weihnacht zurückgedrängt werden sollte, was allerdings nur in parteinahen Kreisen einigen Erfolg hatte.[49]

Sozialpolitische Akzente | Quelltext bearbeiten

Während die kommunistisch und sozialdemokratisch orientierten Teile der Arbeiterschaft durch Gewalt und Repression einerseits binnen weniger Monate der NS-Herrschaft ihre politische und gewerkschaftliche Vertretung einbüßten ? ersatzweise wurde die Deutsche Arbeitsfront (DAF) unter Robert Ley gegründet und das Arbeitsleben in den Betrieben nach dem Führer-Gefolgschaftsprinzip organisiert ?, ging es andererseits für die Nationalsozialisten darum, die Masse der Lohnabhängigen für ihre Vorstellungen von einer neuen, rassenexklusiven Volksgemeinschaft zu gewinnen. Neben dem 1. Mai wurden noch weitere bezahlte Feiertage geschaffen und wurde der bezahlte Urlaub ausgeweitet. Man sorgte für die steuerliche Entlastung niedriger und mittlerer zulasten höherer Einkommen, stellte Schuldner gegenüber Gläubigern besser und legte beim Mieterschutz nach.[50]

Nachhaltige Popularität gewannen die freizeitpolitischen Maßnahmen des Regimes unter dem Dach der ?NS-Gemeinschaft ?Kraft durch Freude?? (KdF) die an das Beispiel der faschistischen Opera Nazionale Dopolavoro in Italien anknüpfte. In Hitlers Gründungsaufruf hieß es: ?Ich will, daß dem deutschen Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird. Ich wünsche dies, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.?[51] Mit der Verlängerung der tariflich geregelten jährlichen Urlaubszeit von drei Tagen im Jahr 1933 auf sechs bis zwölf Tage wurde eine Reisemöglichkeit für alle geschaffen. Da die Mitgliedschaft in der DAF die in der KdF einschloss, war die gesellschaftliche Breitenwirkung gegeben. Die Preise waren laut Thamer konkurrenzlos billig, sowohl für eine Wochenendfahrt in den Bayrischen Wald als auch für eine Kreuzfahrt nach Italien. Dies war möglich durch eine strenge Rationalisierung, durch Zuschüsse aus DAF-Mitteln und durch Preisdiktate gegenüber dem Beherbergungsgewerbe. Die Teilnehmerzahl an KdF-Urlaubsfahrten stieg von 2,3 Millionen 1934 auf 10,3 Millionen im Jahr 1938. Gleichwohl gehörte nur jeder dritte bis vierte Teilnehmer einer KdF-Reise zur Arbeiterschaft; Hauptnutznießer waren die Mittelschichten.[52]

Mit dem Schlagwort ?Kultur für alle? wurden im KdF-Rahmen einerseits Konzerte und Theaterstücke in die Fabriken gebracht und andererseits finanzielle und gesellschaftliche Hürden etwa hinsichtlich der Kleiderordnung aufgehoben, die Arbeiter am Betreten von Konzertsälen und Schauspielhäusern gehindert hatten. So wurden schließlich auch größere Kontingente an Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele zu günstigen Preisen einem Arbeiterpublikum angeboten.[53]

Als wesentliches Instrument zur Mobilisierung des NS-Gemeinschaftsgefühls sieht Burleigh die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) an, der Hitler im Mai 1933 die Zuständigkeit für ?alle Fragen der Volkswohlfahrt und der Fürsorge? unter der Leitung von Erich Hilgenfeldt zusprach. Die daneben noch weiter bestehenden kirchlichen Wohlfahrtsverbände und das Deutsche Rote Kreuz wurden Zug um Zug der NSV unterstellt, die bis 1939 zur größten NS-Massenorganisation nach der DAF aufstieg ? mit über achtzigtausend Angestellten und einer Million ehrenamtlicher Helfer. Durch Mitgliederbeiträge und massenhafte Sammelaktionen verfügte sie über enorme Finanzmittel.[54] Dabei ging es den Nationalsozialisten speziell um Pflicht und Opfer für das Wohlergehen der Gemeinschaft und um ein aktivistisches Klima in ihrem Dienst. Dies galt ebenso für das der NSV beigeordnete Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (WHW) als soziales Nothilfeprogramm für die härtesten Monate des Jahres. Hierbei wurde die Solidarität der Bessergestellten demonstrativ eingefordert, speziell durch den Eintopfsonntag an jedem ersten Sonntag des Monats in der Winterzeit, wobei die für eine üppigere Mahlzeit eingesparten Mittel an das WHW abgeführt werden sollten.[55]

Die von NSV, KdF, WHW und anderen NS-Organisationen ausgehenden Aktivitäten, wie zum Beispiel Massentourismus und Eintopfessen, wirkten laut Thamer hin ?auf eine psychologische Egalisierung und eine Veränderung der sozialen Gefühlswelt. Die Beschwörung der Volksgemeinschaft und die egalisierende Wirkung von Massenkonsum und industrieller Massenkultur verstärkten einander. Zwar blieb die nationalsozialistische Volksgemeinschaft ein Mythos, aber auch Mythen haben eine verändernde Kraft, vor allem, wenn sie sich der Suggestion des technischen und zivilisatorischen Fortschritts bedienen.?[56]

Frauenrolle und Familienfunktion | Quelltext bearbeiten

Frauen waren in der NS-Volksgemeinschaft ideologisch vor allem dazu bestimmt, im Rahmen einer ?Kameradschaft der Geschlechter? ihren Part in Ehe, Familie und Haushalt auszufüllen. So betonte Hitler in einer Rede vor der NS-Frauenschaft, das Gelingen der NS-Volksgemeinschaft werde nur durch den Einsatz von Millionen ?fanatischer Mitkämpferinnen? ermöglicht, die sich dem Dienst der gemeinsamen Lebenserhaltung widmeten. Damit wurde die Ehe zu einem ?Ort leistungsorientierter Arterhaltung? gemacht. Sie wurde durch ein Ehestandsdarlehen gefördert unter der Voraussetzung, dass ein ?Eheeignungszeugnis? die ?Eheeignung? und ?Ehetauglichkeit? feststellte. Prüfkriterien waren Fortpflanzungsfähigkeit, Erbgesundheit sowie Sozial- und Erziehungskompetenz jeweils im Sinne der NS-Volksgemeinschaft. ?In einem Umfang wie nie zuvor verschaffte sich der Staat auf dem Wege amtsärztlicher Untersuchungen Zugang zur Körperlichkeit eheschließender und jungvermählter Männer und Frauen.?[57]

Vier Kinder pro Familie, so die NS-Programmatik, sollten das Überleben des Volkes sichern. ?Am intimen Ort der Ehe patrouillierten nun auch die Bevölkerungsplaner und Familienrichter des Dritten Reiches.?[58] Das zinslos gewährte Ehestandsdarlehen in Höhe von 500 bis 1.000 Reichsmark war bei der Einführung auch an die Erwerbslosigkeit der Frau geknüpft. Mit jedem Kind, das die Frau gebar, wurde ein Viertel des Darlehensbetrags erlassen, sodass das Darlehen nach der vierten Geburt ?abgekindert? war. Mit der Aufwertung des Muttertags und der Einführung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter sollten weitere Anreize die Gebärfreudigkeit fördern.[59] Das am 28. Februar 1934 geschaffene Hilfswerk Mutter und Kind ? Goebbels erklärte im Geleitwort zur Gründung: ?Mutter und Kind sind das Unterpfand für die Unsterblichkeit eines Volkes? ? sah unmittelbare Hilfen zur Beseitigung materieller Notstände vor, so die Beschaffung von Wäsche und Ernährungsbeihilfen. Auch die Betreuung vorschulpflichtiger Kinder und die Verschickung von Müttern in Erholungsheime gehörten zu den möglichen Leistungen, wobei die Auswahl wiederum unter ?erbbiologischen? Gesichtspunkten erfolgte.[60]

Zwar nahmen Eheschließungen und Geburten in den ersten Jahren der NS-Herrschaft tatsächlich zu; doch den Trend zu kleineren Familien konnten die Nationalsozialisten gleichwohl nicht brechen: Durchschnittlich 2,3 Kinder waren in den 1920 geschlossenen Ehen noch geboren worden; in den 1930 geschlossenen 2,2 Kinder; in denen des Kriegsjahres 1940 aber im Schnitt nur noch 1,8 Kinder.[61] 1941 wurde die Produktion von Verhütungsmitteln verboten. Auf Schwangerschaftsabbrüche stand ab 1943 die Todesstrafe.

Ebenfalls entgegen den ideologischen Vorgaben kam es in der NS-Zeit nicht zu einem Rückgang der Frauenerwerbstätigkeit. Zwischen 1933 und 1939 stieg die Anzahl weiblicher Erwerbspersonen um 1,3 Millionen. Vermindert wurde der Frauenanteil allerdings im Bereich der akademischen Berufe und bei den Verwaltungsbeamtinnen. An Universitäten begrenzte ein Numerus clausus ab 1933 den Anteil der weiblichen Studienanfänger auf 10 Prozent. Hitler verfügte 1936 persönlich, dass Frauen weder Richterinnen noch Anwältinnen werden durften. Als sich unter den Bedingungen der auf Krieg zusteuernden NS-Wirtschaft die Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials als vordringlich darstellte, wurde 1937 das Beschäftigungsverbot für Ehefrauen als Bedingung für ein Ehestandsdarlehen aufgehoben.[62]

Erziehungswesen | Quelltext bearbeiten

Eine der nationalsozialistischen Leitvorstellungen besagte, dass die Zukunft denen gehöre, die die Jugend hinter sich hätten. Mittels Einbettung in das NS-Organisations- und Indoktrinationsgefüge ? vom Jungvolk über die Hitlerjugend (HJ) bis zu den diversen NS-Erwachsenenverbänden und -Massenorganisationen sollten die Heranwachsenden Hitler zufolge lückenlos zu ?ganzen Nationalsozialisten? geformt werden. Eventuelle Überreste ?an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel? übernehme schließlich die Wehrmacht zur weiteren Behandlung, ?und wenn sie dann nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.?[63]

Bereits die frühkindliche Erziehung zielte zeitgenössischen Ratgebern zufolge auf starke Reglementierung in zeitlicher und emotionaler Hinsicht: streng getakteter Nahrungsaufnahme- und Schlafrhythmus, Sauberkeitserziehung mit Prügelstrafe und Abhärtung in rauer Umwelt.[64] Schon für die Kleinkinder gab es nationalsozialistische Kindergärten mit ausgebildeten Erziehern; für uneheliche oder überzählige Kinder gab es die Einrichtung Lebensborn, wo sie in staatlichen Heimen erzogen wurden.

Die Zielvorstellungen der NS-Erziehung in den weiteren Entwicklungsstadien der Heranwachsenden waren auf Gefolgschaftstreue statt auf Denkfähigkeit gerichtet, auf Glauben und Hingabe anstelle von Aufklärung und Einsicht. Als zentrale Werte wurden Ehre, Deutschtum, Blut und Boden, dazu das Herrentum der arischen Rasse vermittelt sowie Verachtung und Hass gegen angebliche ?Volksschädlinge? aller Art geschürt. Elternhäuser und Schulen wurden diesbezüglich unter Anpassungsdruck gesetzt. Hitlers Parole von der ?Heranzüchtung kerngesunder Körper? wurde durch eine Ausweitung des Sportunterrichts aufgenommen. Speziell die Lehrpläne der Schulfächer Biologie, Erdkunde, Geschichte und Deutsch wurden mit antisemitischen und rassenideologischen Akzenten versehen.[65]

Die Dienstpflicht der Jugendlichen in der HJ, der NS-Grundsatz, dass Jugend durch Jugend geführt und erzogen werden sollte, sowie die Einführung des Staatsjugendtags, der HJ-Mitglieder samstags vom Schulbesuch zugunsten des HJ-Dienstes freistellte, bedeuteten eine Schwächung der schulischen Erziehungsfunktion, zumal das jugendliche Führungspersonal mitunter noch weitergehende dienst- und schulungsbedingte Sonderbefreiungen vom Schulbesuch geltend machte. Teils im Widerspruch zum NS-Frauenbild wurden solche Sonderrechte aber auch von BDM-Aktivistinnen in Anspruch genommen. Auch sie verbrachten ihre Freizeit politisch organisiert außer Haus. ?Der Totalitätsanspruch?, heißt es bei Thamer, ?mit dem die Erziehung zur ?rassenbewußten? und ?erbgesunden? deutschen Frau und Mutter bis in den letzten Winkel des Reiches getragen wurde?, habe die Mädchen aus der traditionellen Enge von Haushalt, Familie, Kirche und Schule herausgeführt. ?In der Provinz kamen schon der Mädchensport und das Tragen von Sportkleidung einem revolutionären Einbruch der Moderne gleich.?[66]

Gleichwohl gelangte das NS-Erziehungswesen im Schulbereich hinsichtlich einer vollständigen ideologischen Durchdringung auch an Grenzen des Einflusses. Dabei spielten Beharrungskräfte des Bildungsföderalismus ebenso eine Rolle wie eine weitgehende Kontinuität des deutschen Lehrerpersonals zwischen 1933 und 1939. Deshalb blieb es an manchen Schulen bei einem den weltanschaulichen Vorgaben des NS-Apparats eher gleichgültig bis vorsichtig distanziert begegnenden Binnenklima. Andererseits stellten die der Ausbildung von NS-Führungskadern dienenden Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napolas) und Adolf-Hitler-Schulen insgesamt nicht mehr als ein bis zwei Prozent eines Abiturjahrgangs.[67]

Sport | Quelltext bearbeiten

In der Weimarer Zeit gab es zwar separate Sportorganisationen der Kommunisten, der Sozialdemokraten, der Katholiken, der Protestanten, aber keine nationalsozialistischen. Bei Gregor Strasser als dem Organisationsleiter der NSDAP wurde daher im Herbst 1932 angefragt, ob man eine solche gründen solle. Er schrieb, es sei hierfür zu spät so etwas vernünftig zu machen, die Zeit bis zur Machtübernahme sei zu kurz, man würde den faschistischen Weg des Staatssports wie in Italien gehen.[68] Da sich keine Persönlichkeit der NSDAP als potenzieller Reichssportführer hervorgetan hatte, wurde daher Hans von Tschammer und Osten ausgewählt, der als gewaltbereiter Kommissar in Mitteldeutschland für die Aufgabe seiner marodierenden SA-Leute entschädigt werden musste. Die Sportpolitik verlief in mehreren Schritten:[69] Im Frühjahr 1933 wurden Juden und Demokraten aus den Vereinen und Verbänden herausgedrängt, Arbeitersportorganisationen wurde geschlossen, eine Einheitssportorganisation mit Gleichschaltung wurde gegründet. Im Sommer folgte die Aufnahme des Betriebssports in Kraft durch Freude, im Herbst wurde der Fokus auf die Olympischen Spiele 1936 gelegt. Im Sommer 1935 folgte die Schließung der kirchlichen Sportorganisationen sowie die Durchführung der Olympischen Spiele. Die gesamte sportliche Jugendarbeit wurde fortan von der Hitlerjugend (HJ) übernommen. 1938 erfolgte die Übernahme der Sportorganisationen durch die NSDAP (NSRL). Jüdische Vereine wurden verboten.[70]

Der Sport erlebte während der nationalsozialistischen Diktatur eine ?Aufwertung wie nie zuvor in der Geschichte. Vor allem die junge Generation wurde in der Schule und in der HJ in einem Ausmaß sportlich gedrillt, das beispiellos war.?[71] Körperliche Fitness galt als Grundlage militärischer Leistungsfähigkeit. Zudem sahen die Nationalsozialisten im Sport ein Instrument, um militärische Tugenden wie Härte, Mut und Disziplin zu fördern. Und schließlich war Sport auch ein Mittel, um die Volksgesundheit zu stärken. Daher erfuhr auch der Frauensport im NS-Staat einen kräftigen Aufschwung.[72]

Kulturpolitik | Quelltext bearbeiten

Das kulturelle Leben war geprägt von der Politik und diente propagandistischen Zwecken. Die meisten Werke entstanden von regimekonformen Künstlern und dienten der NS-Propaganda oder vermittelten zumindest die Auffassungen der Nationalsozialisten. So wurden häufig eine von der modernen Technik unberührte landwirtschaftliche Idylle oder auch germanische Götter dargestellt.

Die bildende Kunst war antimodernistisch und folgte einem Konzept des Realismus des 19. Jahrhunderts, in dem beispielsweise heroisch überzeichnete Motive oder solche von kleinbürgerlicher Idylle im Vordergrund standen. Pathetische Darstellungen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie verklärten die landwirtschaftliche Arbeit (Blut-und-Boden-Ideologie), Mutterschaft oder den Krieg. In der Bildhauerei und der Architektur standen monumentale Darstellungen, die sich wesentlich am Klassizismus orientierten, oft im Vordergrund.

Moderne Kunst wie beispielsweise Bilder aus den Bereichen Neue Sachlichkeit oder aus dem Expressionismus wurden als ?entartet? verurteilt und verbrannt, die Schöpfer der Werke zunächst deklassiert, dann verfolgt.

Siehe auch: Entartete Kunst, Architektur im Nationalsozialismus, Nationalsozialistische Filmpolitik, Bücherverbrennung 1933 in Deutschland, Reichsmusikkammer, Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus

Judenverfolgung | Quelltext bearbeiten