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Weltälteste Synagoge

Tschechien, Praha
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Die frühgotische Altneusynagoge wird auch heute noch als noch Gotteshaus genutzt
Die Altneu-Synagoge mit ihrem charakteristisch gestuften Ziegelgiebel in der Červená 2 ist die älteste unzerstört erhaltene Synagoge der Welt. „Hier müssen die Männer eine Kippa aufsetzen“, mahnt Fremdenführer Ivo Janoušek die Oberpfälzer Gruppe, „die Altneusynagoge ist kein Museum, sie ist noch ein Gotteshaus.“ Für nichtjüdische Besucher liegen freilich papierne Kopfbedeckungen aus.
Galerie
Die Altneu-Synagoge mit ihrem charakteristisch gestuften Ziegelgiebel.

„Warum müssen eigentlich nur Männer ihren Kopf bedecken?“, möchte eine Teilnehmerin wissen. „Die Kippa soll den Mann daran erinnern, dass Gott über ihm steht. Aus orthodoxer Sicht wird Frauen diese Weisheit auch ohne solch eine Erinnerung zugetraut“, sagt der Experte. Freilich gründet sich diese Sitte der jüdischen Kopfbedeckung, jiddisch Kappel oder Jarmulka (slawisch) auf kein biblisches Gebot, nicht einmal auf ein talmudisches. Und natürlich müssen orthodoxe jüdische Frauen ihr Haar von jeher mit einer Perücke oder einem Schleier verhüllen.

Prags Alt-Neu-Synagoge.

Aus Alt mach Neu
Der scheinbar widersprüchliche Name der Synagoge soll auf den hebräischen Begriff „al tenai“, „unter der Bedingung, dass“, zurückgreifen und auf die Legende anspielen, Engel hätten bei der Erbauung der Altneu-Synagoge Steine vom Tempel in Jerusalem ausgeliehen, „unter der Bedingung, dass“ diese bei Ankunft des Messias und der Wiedererrichtung des Tempels wieder rausgerückt würden. Etwas weniger konditional klingt da die Erklärung, man habe bei ihrem Bau Überreste einer noch älteren Synagoge gefunden, auf deren „altem“ Fundament man dann eben die „neue“ erbaut habe.

Das Mitte des 13. Jahrhunderts von Zisterziensern – nach einer anderen Lehrmeinung von der königlichen Bauhütte – erbaute frühgotische doppelschiffige Gotteshaus hätten die Juden zunächst nur vom architektonisch beschlagenen Bettelorden gemietet. Der ursprünglich „Große“ oder „Neue“ Synagoge genannte Bau trotzte Pogromen und Bränden aller Jahrhunderte und ist heute wieder religiöses Zentrum der Prager Juden.

Zwölf Fenster, zwölf Stämme
Die zwölf Fenster im hohen Hauptraum mit dem grazilen Fünfrippengewölbe aus sechs fünfkappigen Gewölbejochen, das von zwei achteckigen Pfeilern gestützt wird, entsprechen den zwölf israelitischen Stämmen. Der karge Innenraum entspricht sowohl dem Geist des Bettelordens als auch der orthodoxen Würde des alten Gebetshauses – kein Musikinstrument stört die heilige Stille, ausschließlich Kerzen und dahinter angebrachte Spiegeln beleuchteten den Raum und die Damen durften nur hinter den schmalen Öffnungen zwischen Frauen- und Hauptschiff am Gottesdienst teilnehmen.

Im Zentrum des Saals zwischen zwei achtseitigen Säulen thront die Bima – das Pult, an dem die Tora gelesen wird – von einem gotischen, schmiedeeisernen Gitter geschützt auf einer Plattform. Der Toraschrein an der Ostwand mit einem Parochet-Vorhang steht neben dem steinernen Pult für den Kantor. Schmale Sitze im Originalzustand umringen die Bima, über der eine große Fahne mit Davidstern und Judenhut auf rotem Grund hängt, die die bedeutende Stellung der Prager Judengemeinde symbolisiert – sie soll den Juden ursprünglich von Karl IV. übergeben worden sein. Hebräische Inschriften und Akronyme biblischer Verse schmücken die Wände.
Der Golem mit seinem Schöpfer Rabbi Löw in einer Darstellung von Mikoláš Aleš.

Des Golem trauriger Rest
Der Sage nach sollen auf ihrem Dachboden die Überreste des Golem, dem Rabbi Löw im 17. Jahrhundert dank seiner genialen Spiritualität Leben eingehaucht habe, ihr lehmiges Dasein fristen. Der wundertätige Rabbi habe Joseph, den Golem, nachdem er als Schutzgeist des Ghettos nicht mehr gebraucht wurde, nicht wie üblich in seiner Wohnung des Rabbi schlafen lassen, sondern auf dem Dachboden der Altneusynagoge. Nach seiner Zerstörung habe er ihn mit alten Gebetsmänteln und mit Schriftrollen zugedeckt und allen verboten, jemals den Dachboden der Altneusynagoge zu betreten. Ein real existierender Lehmhaufen wird seither als Golems trauriger Rest betrachtet.

Angesichts der drohenden Nazi-Barbarei griff Egon-Erwin Kisch in einem Schreiben von 1938 auf die Golem-Saga zurück: „Du weißt doch, dass ich ein direkter Nachkomme des weisen Rabbi Löw bin, der aus Lehm den Golem modelliert hat und ihm, wenn den Juden Unrecht droht, befahl: Erhebe Dich und gehe! So einen Golem würden wir brauchen, wenn die Nazis auf uns losgehen werden. Ich würde ihm auch befehlen: Erhebe Dich und geh, die Feinde rücken auf mein Prag zu (in: Böhmen am Meer, S. 125)!“
Goldene Straße
 

 

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