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Von dem Wind verweht...

Europa
19.10.2011
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Beheimatet im Zwischenstand
Eine Migrantin erzählt: "Das Erste, was ich durch das Busfenster gesehen habe, waren Windmühlen. Es war ein Symbol mit Spielraum für Interpretation. Gegen diese werde ich hier stets kämpfen. Hier werde ich vom Wind gerollt. Wie ein Steppenläufer..." Das Leben novelliert die Träume und Erwartungen, macht Vieles möglich und Einiges verschwindet dabei wie eine Illusion.
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Köln (dpa) - Vor 50 Jahren schloss Deutschland ein Abkommen mit der Türkei, um türkische Arbeiter anzuwerben. Süleyman Cözmez lebt bis heute in Deutschland, doch die Türkei bleibe seine Heimat, sagt er. Sein Enkel dagegen kann sich ein Leben in der Türkei nicht vorstellen.
Wenn man die Grenze überquert, schwebt man in gewissem Sinn in der Luft, ohne zu wissen, wo jetzt eingentlich Zuhause ist.

Angst und Zweifel hatte er zwar, aber die Hoffnung auf Geld und Wohlstand war stärker. Und so packte Süleyman Cözmez eines Tages seinen Koffer und stieg in einen Sonderzug von Istanbul nach Köln. Denn wie viele andere Unternehmen suchte dort der Autobauer Ford in den 1960er und 70er Jahren händeringend Mitarbeiter - und fand sie in der Türkei. Hunderttausende türkische Gastarbeiter kamen damals nach Deutschland, wollten wie Cözmez meist nur ein paar Jahre bleiben. Heute, als Rentner, lebt er immer noch in Köln - und seine Familie arbeitet inzwischen in dritter Generation bei Ford.

Ursprünglich war Cözmez 1970 ganz alleine nach Deutschland gekommen, Frau und Kinder blieben in der Türkei. Bei ihrer Ankunft am Bahnhof seien die Arbeiter herzlich empfangen und von einer Musikkapelle begrüßt worden, erzählt er. Cözmez, damals 27, arbeitete am Fließband und teilte sich zunächst mit vier türkischen Kollegen ein Zimmer in einem Wohnheim. Den Großteil seines Einkommens schickte er an seine Familie.

«Die Deutschen waren freundlich und haben uns sehr geholfen. Zum Beispiel beim Einkaufen - anfangs konnte ich mich ja nur mit Händen und Füßen verständigen.» Er habe gleich Deutsch-Kurse besucht, sagt der 68-Jährige. «Nur wenn man die Sprache spricht, kann man sich in einem fremden Land wohlfühlen.» Außerdem gab es einen Anreiz: Wer Deutsch lernte, der bekam etwas mehr Lohn. «Denn die fehlenden Sprachkenntnisse waren ja auch bei der Arbeit ein Problem.» 1972 waren bei den Kölner Ford-Werken mehr als 12 000 Türken beschäftigt.

Auf Dauer in Deutschland zu bleiben, hatte Cözmez zunächst nicht geplant. «Ich habe hier gearbeitet, aber meine Gedanken waren in der Türkei», erzählt er. «Ich wollte etwas Geld verdienen, und dann zurück nach Hause. Aber Deutschland ist ein schönes Land.» Der Lebensstandard sei bis heute um so vieles besser als in seinem ostanatolischen Heimatdorf. Darum holte er 1980 seine Ehefrau und die fünf Kinder nach Köln.
«Ich denke Deutsch, ich schreibe Deutsch, ich lebe Deutsch-Türkisch.» - Selbswahrnehmung vieler Türken nach einiger Zeit in Deutschland.

«Für uns begann ein völlig neues Leben», erinnert sich Sohn Mustafa (47). Alles war anders: Sprache, Schule, die ganze Umgebung. «Das war anfangs sehr schwierig für uns.» Nach und nach habe er neue Freunde gefunden, türkische und deutsche. Sein Traum sei es gewesen Medizin zu studieren. Doch stattdessen machte Mustafa Cözmez eine Schlosserlehre und ging dann als Produktionsarbeiter zu Ford. Seit 1997 ist er dort freigestellter Betriebsrat und sitzt für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat des Unternehmens.

Mustafa Cözmez hat einen deutschen Pass, «aber seine Identität muss man behalten», meint er. «Ich denke Deutsch, ich schreibe Deutsch, ich lebe Deutsch-Türkisch.» Seine Ehefrau stammt aus seinem Heimatdorf, er holte sie 1989 nach Köln. «Leider kann sie noch nicht gut Deutsch», sagt Mustafa Cözmez. Als sie einen Sprachkurs besuchen wollte, sei zu oft etwas dazwischengekommen.

Ganz anders sein Sohn Ahmet, der kürzlich eine Lehre als Kfz-Mechatroniker bei Ford begonnen hat. Für den 16-Jährigen ist Deutsch die erste Sprache. «Türkisch ist schwer, aber mein Vater legt Wert darauf, dass ich es flüssig spreche.» Alle zwei Jahre fährt Ahmet mit seinen Eltern zum Verwandtenbesuch in die Türkei. «Ein Leben dort kann ich mir nicht vorstellen», sagt er. «Ich fühle mich als Deutscher.»

Ahmets Großvater Süleyman empfindet anders. «Ich bleibe Türke», betont der 68-Jährige. «Das Heimatland ist wie eine Mutter. Die Türkei mein erstes Land und Deutschland mein zweites. Behalten will ich beide.»

 

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