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Türke, Deutscher oder beides?

Europa
19.10.2011
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Ein Teil der deutschen Kultur
Paderborn (dpa) - Sie kamen als Gastarbeiter, um im deutschen Wirtschaftswunder vorübergehend mit anzupacken. Inzwischen leben Menschen mit türkischen Wurzeln in dritter und vierter Generation in Deutschland. Welche Spuren hat die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe hier hinterlassen? Darüber sprach die Nachrichtenagentur dpa mit dem Paderborner Kulturwissenschaftler Michael Hofmann. Er leitet auf deutscher Seite das bilaterale Forschungsprojekt «Turkish-German Relations and Cultural Transfer».

Inwiefern tragen Türken heute zu unserem Leben bei - abseits vom Döner-Klischee?

Hofmann: «Sie tragen nicht nur etwas bei, sie sind Teil der deutschen Kultur. Sicher gehört der Döner-Imbiss zu den "türkischen Spuren" in Deutschland, aber für meinen 16 Jahre alten Sohn ist der Döner Teil der deutschen Kultur.»

Was waren das für Menschen, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen?

Hofmann: «Als die ersten Türken nach Deutschland kamen, waren das nicht "vorbildliche Kulturträger". Deutschland suchte nämlich Arbeitnehmer für sehr gering qualifizierte Arbeiten. Die Bewerber wurden in Istanbul medizinisch untersucht, auch die Zähne. Ob sie lesen und schreiben können, war überhaupt nicht wichtig.»

Was ist schiefgelaufen bei der Integration?

Hofmann: «Man dachte ja damals, dass sie nach zwei Jahren wieder gehen. Man hat sich kaum um die Bildung der türkischen Kinder in Deutschland gekümmert, weil es immer hieß: Wir sind kein Einwanderungsland. Später wurde gesagt: Ihr wollt euch ja gar nicht integrieren, ihr habt ja kaum Deutsch gelernt. Es ist nicht verwunderlich, dass die Migranten in Deutschland als Problem angesehen wurden. Es ist aber ein Problem, das wir uns selber geschaffen haben. Das hat Max Frisch zusammengefasst mit dem berühmten Zitat: "Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen."»

Wie beurteilen Sie im Rückblick die Entwicklung?

Hofmann: «Die Entwicklung ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Zum Beispiel haben wir hier immer mehr Studenten mit türkischem Hintergrund. Jetzt kommen auch die ersten in Deutschland geborenen Lehrer mit türkischen Wurzeln in die Schulen. Trotz allen Nachholbedarfs: Die soziale Schichtung der Menschen mit Migrationshintergrund nähert sich der der Deutschen an.»

Was hat sich verändert?

Hofmann: «Aus der Türkei zu stammen, heißt heute etwas anderes als vor 40 oder 50 Jahren. Ein Durchbruch war für mich, als der Filmemacher Fatih Akin 2004 die Berlinale gewann ("Gegen die Wand"). Da stand dann sogar in der "Bild"-Zeitung sinngemäß: Endlich mal wieder ein deutscher Erfolg. Auch türkische Pop-Kultur, Diskotheken und deutsch-türkische Comedy mit Namen wie Django Asül oder Bülent Ceylan haben heute eine bemerkenswerte Reichweite. Das sind sozusagen Lockerungsübungen für die Identität. Oder Schauspieler wie Mehmet Kurtulus und Sibel Kekilli, die es in den urdeutschen Tatort geschafft haben.»

Und der Sport?

Hofmann: «Es wäre doch früher hier nicht so einfach gewesen zu akzeptieren, dass einer wie Mezut Özil Spielmacher der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist. Da hat die deutsche Seele zumindest ein Stück weit akzeptiert, dass wir bis zu einem gewissen Grade multikulturell sind.»

Also alles im grünen Bereich?

Hofmann: «Das ist ein positiver Effekt der Migration auf die deutsche Gesellschaft: Wir müssen uns mit "Fremdheit" auseinandersetzen. Andererseits ist der Erfolg des Sarrazin-Buches ein Indiz dafür, dass es auch Gegentendenzen gibt.»

Was bedeutet Nationalität, Staatsbürgerschaft heute noch?

Hofmann: «Die Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft ist eigentlich schon etwas antiquiert. Wir haben hier Menschen mit einer doppelten Identität. Wir erwarten doch nicht mehr, dass die ihre türkischen Wurzeln aufgeben. Zur Doppelidentität folgende Anekdote: Als die ersten Paderborner Studentinnen mit türkischer Herkunft in Istanbul studierten, habe ich sie dort besucht, es war Dezember. Und dann sagten die Musliminnen, es sei ja alles ganz prima, aber: "Den Weihnachtsmarkt vermissen wir schon."»

 

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