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Schurkenstaat im Wandel

Serbien
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Stadt, Land, Fluss: Das muss man in Serbien gesehen haben!
Wir brauchen einen neuen Blick auf Serbien, das für einen „Schurkenstaat“ nicht taugt. Nachdem sich in einem schmerzhaften Ablösungsprozess nun wohl ein dauerhaftes Kern-Serbien herausgeschält hat, wird es Zeit, dass wir den ehemals so explosiven Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen mit eigenen Augen kennenlernen. Hier unsere Balkan-"top ten" .
Galerie

1) Belgrad:
Herausragendes Architekturdenkmal der serbischen Millionenmetropole (1,6 Mio.) ist der Kalemegan mit der Belgrader Festung. Die nachweislich seit den Kelten besiedelte Stadt musste 40 Eroberungen überstehen und erhob sich 38-mal neu aus der Asche. Man darf dem Balkan-Phönix deshalb nachsehen, dass sich sein Federkleid aus einem bunten Gemisch verschiedener Epochen zusammensetzt. Das Stadtbild dominiert ein Neoklassizismus des 20. Jahrhunderts. In Belgrad konzentriert sich naturgemäß die kulturelle Elite des Landes. Wer einen Eindruck vom modernen serbischen Leben erhaschen möchte, kommt an der Hauptstadt an der Save-Donau-Mündung nicht vorbei.
Die Festung von Belgrad.
Die Stadt ist rußig wie in den 1970er Jahren, umso verheißungsvoller ziehen Duftwolken von Pfirsichbäumen durch die Straßen. In der Strahinjica Bana, Belgrads Straßencafé-Meile, stauen sich die aufgemotzten Karren, weil coole Burschen mit verspiegelten Sonnenbrillen die Mädels auf ihren viel zu hohen Hacken ins Stolpern bringen. Hoch oben von der Kalemegdan-Zitadelle blickt man auf die beiden Flüsse Donau und Save, auf deren Insel wilde Tiere leben. Klüger wird man auch im Museum Nikola Tesla, das das Leben und die Erfindungen des serbischen Wissenschaftlers dokumentiert, dem der hinterlistige, aber deswegen auch bekanntere Kollege Thomas Edison viele Patente geklaut hat.

Ein schönes Ambiente findet man im Jugendstilhotel Moskau, Balkanska 1, www.hotelmoskva.co.yu, +381 (0)112 68 62 55, im Doppelzimmer für nicht ganz billige 100 Euro aufwärts. Typisch Belgrader Fastfood guter Qualität gibt’s im Loki-Imbiss, Kralja Petra Ecke Strahinjica Bana. Witzige Kneipe mit Anschluss an das junge Belgrad: Kontrabar Strahinjica Bana 59.

2) Festung Smederovo:
Die 1430 vom Despoten Đurađ Branković erbaute Burganlage über der gleichnamigen 110.000-Einwohner-Stadt 46 Kilometer südwestlich von Belgrad wurde trotz ihrer imponierenden 25 Türme nach 20-jähriger Belagerung 1459 von den Türken eingenommen. Ganz so lange dauert die Besichtigung nicht, aber die Ruine zwischen Donau und Jezava lädt schon zu ausgedehnten Spaziergängen ein.


Kirche im Stadtzentrum von Novi Sad.
3) Festung und Stadt Novi Sad: Die Universitätsstadt (255.000 EW) in der Vojvodina beherbergt Serbiens größtes Rockfestival „Exit“ (jährlich vier Tage im Juli, Eintritt ca. 90 Euro, Camping 18 Euro, www.exitfest.org) in der beeindruckend über der Donau thronenden Festung Petrovaradin. Die Burganlage wurde vom berühmten französischen Architekten Vauban entworfen. 88 Jahre betrug die Bauzeit zwischen 1692 und 1780 und täglich sollen beim Bau an die 75 Sklaven und verurteilte Straftäter ihr Leben verloren haben. Weniger düster kommt das Kneipenleben in der Innenstadt daher – zwischen den buntgemischten Fassaden vieler Stilepochen herrscht eine fröhliche Studentenatmosphäre. Immerhin ging vom hiesigen Festival Exit im Jahr 2000 der Impuls aus, der eine ganze Generation zum erfolgreichen Aufstand gegen Milošević pushte. In der zentralen Kneipenmeile Laze Telečkog findet jeder eine Bar nach seinem Geschmack, wie etwa das Atrium, wo die Drinks in einer getürkten Bibliothek, auf Balkonen und in der Durchgangsstraße serviert werden (9 bis 0 Uhr). In der nah gelegenen Ortschaft Kovilj lohnt das älteste serbisch-orthodoxe Kloster in der Batschka einen Abstecher.

4) Nationalpark Fruška Gora und Kloster-Landschaft: Über etwa 80 Kilometer erstreckt sich eine sanfte Hügellandschaft mit Weinbergen, Gras- und Nutzfeldern sowie Waldgebieten, in der zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert 35 Klöster errichtet wurden, die der türkischen Besatzungsmacht kulturell mit serbisch-orthodoxer Glaubensverve standhalten sollten. Davon können 17 besichtigt werden: Sieben der Klöster werden noch heute von Mönchen und acht von Nonnen bewirtschaftet, zwei sind unbewohnt. Englischsprachige Infos auf www.npfruskagora.co.rs
Kloster in Mala Remata.

5) Sremski Karlovci: Am nordwestlichen Ausläufer der Fruška Gora am Donauufer gelegen war Sremski Karlovici im 18. und 19. Jahrhundert ein Zentrum des geistlichen und kulturellen Lebens der Region. Bemerkenswert sind die barocke orthodoxe Kathedrale (1758-62), der ebenfalls barocke Vier-Löwen-Brunnen und die Friedenskapelle in der südlichen Vorstadt, wo Türken und Österreicher 1699 einen Friedensvertrag unterzeichneten. Das architektonische Freilicht-Museum begeistert auch mit seinem vorzüglichen Wein, den es in über 20 Kellereien zu kosten und im Museum für Bienenhaltung und Weinkeller (Mitropolita Stratimirovića 86) auch zu studieren gibt.

Nationaltheater in Subotica.
6) Subotica: Dier nördlichste Stadt Serbiens (150.000 EW) nahe der ungarischen Grenze ist ein multinationaler Schmelztiegel, der auf seine religiöse Toleranz stolz ist. Architektonisch ist Subotica eine Jugendstilperle mit einem prachtvollen Rathaus (1908-12) im Stil der ungarischen Sezession nach dem Entwurf der Budapester Architekten Marcell Komor und Dezső Jakab, und der schönen Art-Nouveau-Synagoge von 1903. Besonders prachtvoll mit Mosaiken, floralen Ornamenten und Keramikfliesen dekoriert ist die Galerie für moderne Kunst (Trg Lenjina 5). Passend zum Ambiente schlürft man seinen Milchkaffee am besten gleich ums Eck im Boss Caffe (Matije Korvina 8, www.bosscaffe.com). In den Straßen herrscht ein fröhliches Sprachengemisch aus serbisch und ungarisch, Gulaschgeruch weht durch die Gassen.

7) Topola: Die kleine Stadt (25.000 EW) im südlichen Serbien hat für das Nationalbewusstsein eine besondere Bedeutung. Hier führte 1804 Đorđe Petrović, genannt Karađorđe, was soviel wie schwarzer Georg bedeutet, den Aufstand der Serben gegen die Türken an – um sich anschließend als Begründer der Dynastie der Karađorđević einen Namen zu machen. Dessen Enkel, König Petar I., ließ deshalb hier zwischen 1904 und 1912 eine der beeindruckendsten Kirchen des Landes bauen, die fünfkuppelige Georgskirche aus weißem Marmor. Innen schmücken höchst lebendige Fresken und Mosaiken die Wände, das Mausoleum der Familie befindet sich unter der Kirche.

8) Skiparadies Kopaonik: Um den 2017 Meter hohen Gipfel des Pančićev gelegen, überblickt man von Serbiens Premium-Skigebiet aus friedlich das so hart umkämpfte Kosovo. 44 Kilometer Skipisten und 23 Lifte erleichtern den weißen Spaß im Winter. Im Sommer ist die Gegend eine beliebte Wanderregion. Mehrsprachige Infos auf www.tckopaonik.com

9) Gebirgslandschaft Zlatibor & das Filmdorf: Als Skigebiet eher etwas für fortgeschrittene Anfänger, überzeugt die Region zwischen den Tara- und Šargan-Bergen im Norden und der Murtenica Hügellandschaft an der östlichen Grenze zu Bosnien-Herzegowina durch seine urtümliche Atmosphäre in Ortschaften, in denen Traditionen, Gastfreundschaft und mancherorts auch Prophezeiungen noch eine große Rolle spielen. Der Museumkomplex „Altes Dorf Sirogojno“ umfasst etwa 40 Bauten aus Holz, deren Baustil typisch für Zlatibor und die Dinarischen Alpen ist. Auf dem Berg Mećavnik oberhalb von Mokra Gora findet im von Starregisseur Emir Kusturica 2002 für seinen Film „Das Leben ist ein Wunder“ aufgebauten Dorf Drvengrad/Küstendorf regelmäßig ein Festival für Autorenfilme statt. Neben renommierten Regisseuren versammelt der Maestro auch begabte Filmstudenten. Einen herrlichen Eindruck von der Landschaft kann man sich zwischen April und September mit einer Fahrt in der Schmalspurbahn "Šargan 8 railway" (www.zeleznicesrbije.com) verschaffen.

10) Stari Ras und Kloster Sopoćani (UNESCO Weltkulturerbe): Die Mongolen sollen hier gewütet haben, vielmehr weiß man nicht, außer, dass Stari Ras, die ehemalige Hauptstadt des noch ehemaligeren Fürstentums Raszien im 13. Jahrhundert verwüstet wurde. Die Anlage auf einem Berg über dem Tal des Flusses Raška nahe der Stadt Novi Pazar in Südwestserbien wurde von Archäologen entdeckt und 1979 zusammen mit dem Kloster Sopoćani in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die Fresken auf den Wänden des 1265 von König Stefan Uroš I. gestifteten Klosters und die Ikonen im Inneren von Sopoćani zählen zu den schönsten serbischen mittelalterlichen Malereien und den Höhepunkten christlich-europäischer Malerei des 13. Jahrhundert überhaupt.

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