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Sarg statt Knast

Frankreich, Toulouse
23.03.2012
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Attentäter wollte ins "Paradies" - Sarkozy kündigt nach Mordserie Konsequenzen an
Werden die sieben Morde Frankreich verändern? Präsident Sarkozy will schärfer gegen Hassprediger vorgehen. Der Serienmörder starb nach einem mehr als 32-stündigen Nervenkrieg bei der Erstürmung seiner Wohnung in Toulouse.
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Paris (dpa) - Nach der Mordserie und dem Tod des mutmaßlichen Täters hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy Konsequenzen angekündigt. Der Serienmörder von Toulouse war am Donnerstag nach erbittertem Widerstand von einem Scharfschützen mit einem Kopfschuss getötet worden. Neben einem umfangreichen Waffenlager fanden die Ermittler auch die Kamera von Mohamed Merah (23), mit der er die sieben Morde gefilmt hatte. Auf einer der Al-Kaida nahestehenden Islamisten-Website tauchte ein Bekennerschreiben auf, mit dem eine Gruppe mit dem Namen «Soldaten des Kalifats» für die Morde die Verantwortung übernahm.
Nach Angaben von Innenminister Claude Guéant drang die Spezialeinheit am Donnerstagvormittag durch Fenster und Türen in das Haus ein, in dem sich Merah seit dem frühen Mittwochmorgen verschanzt hatte.


Sarkozy sagte in einer Fernsehansprache kurz nach dem Einsatz in Toulouse, zu den Konsequenzen zählten auch die Bestrafung von Hasspredigern im Internet und deren Anhängern. «Jede Person, die regelmäßig im Internet Webseiten besucht, die den Terrorismus predigen, die zu Hass und Gewalt aufrufen, wird bestraft», sagte Sarkozy. Es müsse zudem untersucht werden, ob und wie in Gefängnissen radikales fundamentalistisches Gedankengut verbreitet werde. Außerdem soll jede Person bestraft werden, die sich im Ausland indoktrinieren lässt.

Der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, und die Abgeordneten des Stadtparlaments forderten ihre Mitbürger in einer Erklärung auf, sich am Freitag (12.00 Uhr) auf dem zentrale Place du Capitole zu versammeln. Sie sollten so ihre Solidarität mit den Opfern und ihre Anlehnung von rassistischem und antisemitischen Hass demonstrieren.

Nach Angaben von Innenminister Claude Guéant drang die Spezialeinheit am Donnerstagvormittag durch Fenster und Türen in das Haus ein, in dem sich Merah seit dem frühen Mittwochmorgen verschanzt hatte. Zuvor sei die Wohnung mit Video-Robotern ausgekundschaftet worden. Der Attentäter sei aus dem Badezimmer gestürmt und habe mit mehreren Waffen das Feuer auf die Beamten eröffnet.

«Es waren viele Salven, ziemlich schwer. Ein Mitglied des Einsatzkommandos sagte mir, dass er noch nie zuvor ein Feuergefecht von solcher Intensität erlebt hat», sagte Guéant. Merah soll eine schusssichere Weste getragen haben. Nach Angaben des TV-Senders BFM wurden mehr als 300 Patronen verschossen. Schließlich sei der Mann aus dem Fenster seiner Wohnung gesprungen. Wie Staatsanwalt François Molins mitteilte, schoss ihm ein Scharfschütze in den Kopf - in Selbstverteidigung.
Francois Molins am 22. März 2012, nach dem Tod des 23-jährigen Attentäters Mohamed Merah.

Merah hatte offenbar geplant, mit der Waffe in der Hand zu sterben. «Wenn ich sterbe, gehe ich ins Paradies - wenn ihr sterbt, Pech für euch!», soll er Polizisten gesagt haben. Der Mann war zum Widerstand entschlossen. Er hatte der Polizei mehrmals angekündigt, sich zu stellen, schließlich aber den Kontakt abgebrochen.

In einem Wagen seien Maschinenpistolen und Revolver des 23-Jährigen gefunden worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Seine Taten habe Merah gefilmt und beim tödlichen Kopfschuss auf sein erstes Opfer, einem Soldaten, erklärt: «Du tötest meine Brüder, und ich töte Dich.» Einige der Filme seien bereits im Internet aufgetaucht, die Taten darauf seien erschreckend deutlich zu erkennen.

Im Internet bekannte sich am Donnerstag eine Gruppe mit dem Namen «Soldaten des Kalifats» dazu, für die tödlichen Angriffe des 23-Jährigen verantwortlich zu sein. Mit den «Taten des Gesegneten» seien unter anderem die «Verbrechen Israels» im Gazastreifen gerächt worden, hieß es. Der Wahrheitsgehalt ließ sich zunächst nicht überprüfen.

Merah hatte sich selbst als Mudschahedin (Gotteskrieger) bezeichnet und in Gesprächen mit der Polizei behauptet, dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahezustehen. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden gab es zunächst aber keine Hinweise, dass er tatsächlich einer bekannten islamistischen Gruppe angehörte. Merah stand unter Beobachtung der Geheimdienste, nachdem er in Afghanistan und Pakistan war.

Sarkozy drückte wie Guéant den Polizeibeamten seinen Dank aus. Frankreich habe entschlossen gehandelt und seine Einheit bewahrt, sagte er. Rachegedanken oder Wut seien jetzt nicht hilfreich. Man solle eher Lehren aus den Taten ziehen.

Ende vergangenen Jahres war Merah wegen einer Hepatitis aus Afghanistan zurückgekehrt und vom Geheimdienst nach dem Grund seines Aufenthalts befragt worden. Nun steht die Frage im Raum, warum er nicht besser überwacht wurde. «Ich verstehe, dass man sich die Frage nach einem Versagen stellen kann», sagte Außenminister Alain Juppé im Rundfunksender Europe 1. Da müsse es in der Tat Klarheit geben.

Auch der US-Geheimdienst hatte den 23-Jährigen nach Medienberichten zumindest zwischenzeitlich im Visier. Merah habe für einige Zeit auf der sogenannten No-fly-Liste mit Terrorverdächtigen gestanden, die in den USA kein Flugzeug besteigen dürfen, sagte ein Geheimdienstvertreter dem Sender CNN. Grund sei die Ausbildung des Franzosen in einem Al-Kaida-Camp gewesen.

Der junge Mann hatte am Montag vor einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Religionslehrer erschossen. Zuvor hatte er am 11. und 15. März mit derselben Waffe in Toulouse und Montauban drei Soldaten umgebracht. Nach den tödlichen Schüssen entkam er jeweils mit einem Motorroller. Seit dem frühen Mittwoch hielt er sich in einem Haus in Toulouse verschanzt, nachdem die Polizei es umstellt hatte.

Die Polizei hatte in der Nacht zum Donnerstag versucht, den Mann mit mehreren Explosionen aus der Deckung zu locken. Der Innenminister hatte erklärt, vorrangig sei es, den 23-Jährigen lebend zu fassen, damit er sich vor Gericht verantworten müsse. Spezialkräfte versuchten ohne Erfolg, ihn zum Aufgeben zu bewegen.

 

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