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Rentner-Crew von Vike

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Yvonne und Leif pflegen das landwirtschaftliche Erbe des Strandgehöfts
Zwischen den Dorfkirchen von Boge und Gothem liegt etwas versteckt und über einen Feldweg zu erreichen ein typisches Strandgehöft von Anfang des 19. Jahrhunderts mit älteren Gebäuden, die hierher verlegt wurden, einem Kräutergarten und einer gepflegten Wiese. Das besondere daran ist aber vor allem die Rundumbetreuung, die die „Freunde von Vike“ den etwa zehn Besuchern am Sommertag angedeihen lassen.
Galerie
Versteckt und äußerst idyllisch liegt das alte Strandgehöft Vike Minnegård.

Im Büro hält uns Leif (72), der seit 17 Jahren hier als Mädchen für alles nach dem Rechten sieht, zwei Gläser selbstgebrautes Bier vor die Nase: „Ja, würzig.“ Das älteste Teammitglied des Vereins ist 83, das macht Leif schon etwas Sorgen, schließlich, deutet er auf seine Brust, ist „meine Pumpe nicht mehr die beste“. Die 15-köpfige Rentner-Crew hält den Laden am Laufen und die Geräte im Schuss, mäht die Wiesen, kümmert sich um den Kräutergarten und veranstaltet auch noch Konzerte. Lohn für den Einsatz ist ein Barbecue im Sommer, das der Vorsitzende schmeißt.
Yvonne Engstrom führt uns durch das Wohnhaus der Geschwister.

Genug geschwätzt, die resolute Yvonne Engstrom übernimmt das Kommando: „Wenn Sie möchten, führe ich Sie durch Vike Minnesgård und danach gibt‘s Kaffee und ein Schmalzgebäck, das meine Mutter immer machte.“ Der Bauernhof besteht aus einem Groß- und einem Kleingehöft, die durch eine mit Brettern bedeckte Steinmauer voneinander getrennt sind. Auf dem Kleingehöft steht das Stein-Paarhäuschen des Besitzers mit einem typisch gotländischen Schindeldach aus Brettern.

Das Monogramm der Besitzer
"Schauen Sie“, macht uns Yvonne auf eine Gravur an der Innenseite der Hausflurtür aufmerksam, „da hat der Eigentümer zusammen mit dem Datum 5. Juni 1833, dem Baujahr des Hauses, sein Monogramm eingeritzt.“ Im Zentrum des Hauses ist eine kleine Küche mit Kammer, das Reich der Agnes. Das Wohnzimmer befindet sich auf der Süd- und der so genannte Saal auf der Nordeseite. Zum Kleingehöft gehören ein Nebengebäude mit Brauerei, die Backstube und eine kleine Kammer für den Knecht.
Das Schilfdach von innen betrachtet.

Das Großgehöft wird von einem traditionellen mit Schilfdach bedeckten Langhaus nach Art norddeutscher Bauernhäuser beherrscht. „Das haben wir letztes Jahr neu gedeckt“, sagt sie nicht ohne Stolz. Dazu gehören der Stall, die Scheune und eine Dreschanlage. Ein kleiner Anbau beherbergt Kuhstall, Schweinestall und Hühnergehege. Gut 100 Meter abseits vom Hauptgebäude neben der Wiese, , um die Brandgefahr einzudämmen, ist die alte Schmiede. Unten am nahe gelegenen Strand stehen ein paar kleine Buden für die Fischfangausrüstung. „Ursprünglich gehörten auch noch einige, leider abgerissene Wassermühlen am Vikbach zum Gehöft“, erzählt die Führerin, „bereits im 17. Jahrhundert wurden damit Sägewerke und Anlagen für die Zubereitung von Bekleidungsstücken betrieben.“

Aus einer alten Quelle
Das Gehöft wurde erstmals in schriftlichen Quellen von 1614 erwähnt. Das Revisionsbuch von 1653, das die Steuerfähigkeit der gotländischen Gehöfte festlegte, beschreibt das Anwesen:

„Wijkers ist/2 hemman (Einheit des Besitztums) von 6 markeleij (Wert des Besitztums), hat 18 tunnland Acker (Größeneinheit), Heuernte von 36 Männern, Schilfanteile im Wijkamyr, Garten mit einigen Apfel- und Birnenbäumen, Hopfengarten mit 100 Stangen, 1 Koppel für 1 Pferd, Sägewerk und Mühle für Mehlherstellung sowie Zubereitung von Bekleidungsstoffen im Wijkersbach, entsprechende Wald- und Fischereianteile in der Bogebucht und deren Strömungen. Wird von Thomas Olsson bewirtschaftet, der das Gehöft von seinen Eltern geerbt hat."
Emma hat eine Zeit lang im Wilden Westen gelebt und hat dort beim Rodeo den Umgang mit Pferden gelernt.

Emma und der Wilde Westen
Im 18. Jahrhunderts wurde das Gehöft bei einer Flurbereinigung in mehrere Anwesen aufgeteilt. Einer der Besitzer wurde aufgefordert, seine Gebäude in eine völlig neue Parzelle östlich der alten Landstraße zu verlegen. Das ist jetzt der Teil des Gehöftes, der dem „Minnesgård“ entspricht. Hier wurden die Gebäude um 1830 aufgestellt und sind in etwa identisch mit denen, die man auf dem Hof vorfindet. Die Bauernfamilie, die damals dieses Gut in Besitz nahm, lebte dort bis in die 1950er Jahre. Zuletzt waren das die drei unverheirateten Geschwister Emma, Agnes und Olof Wedin.

Auch dieses Trio macht mit einer aufsehenerregenden Lebensgeschichte von sich Reden. „Emma hat eine Zeit lang im Wilden Westen gelebt“, erzählt Yvonne, „und hat dort beim Rodeo den Umgang mit Pferden gelernt. Sie war als Pferdeflüsterin in der ganzen Umgebung bekannt.“ Agnes führte den Haushalt und war so gebildet, dass sie eine eigene Sonntagsschule betrieb. Und über Olof heißt es, „er sei ein geschickter Kerl gewesen, der am liebsten in seiner Schmiede werkelte, und eine wichtige Rolle im Gemeindeleben spielte“
Professor Lars-Gunnar Romell sorgte dafür, dass die traditionelle Produktionsweise nicht in Vergessenhait geriet. Leif ist einer von 15 Rentnern, die die alten Geräte in Schuss halten.

Ein Professor rettete den Minnesgård
Nach dem Tod der Geschwister drohte der Abriss des Gehöfts, was den Ökologen und Professor für Waldwirtschaft, Lars-Gunnar Romell, auf den Plan rief: „Er hat das damals ziemlich verfallene Gut gekauft, zusammen mit seiner Frau renoviert und die Stiftung Vike Minnegård ins Leben gerufen, die seither versucht, das bäuerliche Leben und die traditionelle Produktionsweise einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Yvonne stellt einen Teller Schmalzgebäck auf den Tisch, das wie Arme Ritter aussieht: „Das heißt bei uns Kuchen für arme Leute.“ Aufgebackene Semmeln mit Zucker und Zimt. Auch Leif nimmt eine und nagt daran herum. Man sieht ihm an, dass er jetzt lieber sein Selbstgebrautes aus Hopfen, Malz, Zucker und Honig mit einer schönen Zigarette hätte. „Unser nächstes Projekt wird sein, die kleine Straße zum strand freizulegen, damit man auch etwas über die Fischerei erfahren kann.“


Tolle Bühne für ein Theaterstück über das Leben von Agnes, Emma und Olof.

Theater über das Geschwister-Trio
Für Yvonne und ihren Mann, die in der Nähe wohnen, ist der Hof eine Herzensangelegenheit. Sie stecken fast ihre ganze Freizeit in die Vereinsarbeit. Was fehlt, sind junge Leute, die sich begeistern ließen. Aber davon lässt sich eine echte Gotländerin nicht unterkriegen: „Wir haben eine neue Idee“, strahlt sie, „ein Theater über das Leben der drei Geschwister“. Und vielleicht ist das ja der Hebel, um den Nachwuchs ins Boot zu holen. „Als vor zehn Jahren unser neuer Vorsitzender das Steuer übernahm, wurde es jedenfalls schon besser – er öffnete den Ort für die Öffentlichkeit.“ Nur Leif grantelt ab und zu auf Schwedisch: „Es ist halt nicht leicht, wenn sich jeder für einen Experten hält.“

Yvonne erklärt, dass es manchmal im Eifer des Gefechts Kompetenzrangeleien gäbe. Nichts Ernstes, aber so ist das halt, wenn viele Köche am gleichen Gericht rühren. „Unsere Technik des Hausbaus geht auf die Holzkonstruktionen der Wikinger zurück“, erklärt Leif, dem es jetzt nicht mehr auf der Bank hält. Er will uns seine Schätze zeigen, wie die pferdebetriebene Dreschmühle, die er uns vorführt. Mit Blick hoch in den Dachstuhl sagt er: „Das funktioniert wie ein Lego-Steckkasten ohne Nägel.“ Das Kreuz im Kreis auf dem Dach musste die Dame des Hauses anbringen, sobald der Bau fertig war. „Dann gab es eine Feier fürs ganze Dorf.“ Der gekreuzte Balken vorne sollte das Böse abhalten – und das gilt auch heute noch.
Bunte Käfer fühlen sich hier pudelwohl.

Insidertipps der Einheimischen
Was Sie uns in der Gegend noch empfehlen würden, wollen wir wissen. „In Slite, da gibt es eine Galerie, wo der Künstler selbst Künstler drin arbeitet“, sagt Yvonne. „Der macht tolle Sachen.“ Und wo man gut essen könne? „In Visby“, lautet die ernüchternde Auskunft. „im Fischrestaurant Bakfickan (Stora Torget 1, Tel. 0498-27-18-07, www.bakfickan-visby.nu) gibt es gute Flundern – am besten geht ihr zum Mittagstisch, da gibt‘s für 95 Kronen ein Menü.“ Leifhat einen anderen Vorschlag: „Im Wit Chana, dem Weißen Stern, ist es gut“, reibt er sich den Bauch. Yvonne schüttelt etwas skeptisch den Kopf: „Da ist Selbstbedienung, Leif meint, da kannst du so viel essen, wie du willst.“

Klar, die Restaurantpreise sind auch in Rentenkreisen ein Thema – 30 Euro für ein gutes Gericht sind kein Pappenstil. „Was ist so euer Durchschnittlohn? Yvonne überlegt: „Etwa 215.000 Kronen im Jahr“, meint die Hausfrau, also rund 25.000 Euro. Neil meint, dass es die Zahnärztin am Ort zusammen mit ihrem Gatten, dem Postmann, auf rund 70.000 Euro netto bringt. Das sei aber noch gar nichts: „Ich kenne einen Steuermann für eine Ölbohrinsel, der ist 36 und verdient schon 700.000 Kronen“, etwa 80.000 Euro. „Allerdings sind da draußen die Wellen manchmal höher als ein vierstöckiges Haus.“
Dieser Artikel ist Teil der Tour "Tour de Elch"
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