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Picassos Taube über dem Rynek

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Ring vereint Breslauer und ihre Gäste – der Clown hält das Treiben an
Der Rynek, der Ring, eint Einheimische und Touristen aller Nationen. Das 212 mal 175 Meter große Fassaden-Rechteck mit Patrizierhäusern von der Gotik bis zur Gegenwart umringt einen spektakulären mittelalterlichen Rathaus-Komplex, der fast als einziger dem Zweiten Weltkrieg unversehrt trotzte – Pablo Picasso kam 1948 auf Einladung des „Weltkongresses der Intellektuellen für den Frieden“ nach Breslau. Erschüttert vom der Anblick der Ruinen, 90 Prozent der Altstadt waren zerstört, malte er die Ikone der Friedensbewegung, seine weiße Taube.
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Das Treiben auf dem Rynek korrespondiert mit der kulinarischen Vielfalt.
Breslau, der europäische Phönix. Jazz am Rynek.

Es ist ein lauer Augustabend, wir sitzen im überdachten Freisitz der Restauracja Cesarsko-Królewska am Rynek 19. Wenn es noch einen Beleg für die Internationalität Breslaus gebraucht hätte, dann wäre die Speisekarte der missing link: Friedlich-schiedlich Multi-Kulti geeint drängeln sich auf der überbordenden Karta:

• Ostsee-Hering mariniert, serviert mit Zwiebel und Apfel in Creme leicht rosa gesprenkelt neben
• zartem Rindfleisch-Carpaccio mit Rucola und Parmesan-Sauce mit einem zarten Aroma,
• Hühnerleber mit Kirschwasser und Salbei,
• alte polnische Suppe mit Wurst, Kartoffeln, Eiern und Pilze
• Borschtsch mit Knödeln,
• Pierogi mit Käse und Kartoffeln gefüllt mit Speck garniert
• Forelle mit Rosmarin und Knoblauchbutter gebraten oder
• einen Wiener Käsekuchen mit Schokoladensauce zum Dessert.

Abendessen mit Showprogramm
Das Treiben auf dem Platz korrespondiert mit der kulinarischen Vielfalt. Zu einem Glas Spiż der benachbarten Mini-Brauerei beobachten wir ein Panoptikum europäischer Touristen, Grüppchen von Kindern, Jugendlichen und Studenten, die sich‘s rund um das Fredro-Denkmal gemütlich machen.

Aleksander Graf von Fredro (1793-1876), Widerstandskämpfer und der bedeutendste Komödienautor seines Landes, wäre zweifellos amüsiert über die folgenden Szenen. Wie in jeder Großstadt steuern die Menschen isoliert aneinander vorbei. Ein Pianist schiebt einen Flügel auf Rollen über den Platz.

Parodie der Banker
Doch dann wird‘s munter: Dahin eilende Banker werden von einem Mann mit bunt gestreifter Hose, Hütchen und roter Knollennase verfolgt. Der Clown wird zum Schatten der geschäftigen Manager, immer mehr Schaulustige bleiben stehen, lachen, bis sich auch die Anzugträger umdrehen: abrupter Stopp, Pan Klaun guckt demonstrativ in die Luft und pfeift sich eins. So geht das eine ganze Weile. Der Ring vereint die Menschen und der Clown hält das Treiben an. Der Spaßekenmacher schiebt Frauen beim Kinderwagenschieben an und imitiert den Gang von Halbstarken. Sein Publikum dankt‘s mit Gelächter und milden Gaben in den Hut.
Der Clown foppt die Banker und amüsiert die Gaffer.

Der Possenreißer sollte nicht der letzte Programmpunkt an diesem Abend bleiben. Straßenmusiker sind derzeit groß im Geschäft. Unsere hoffen noch auf den Durchbruch und sammeln einstweilen Zloty ein – eine junge Frau hilft der Geberlaune mit artistischen Verrenkungen am Boden nach. Und als sich die Nacht herabsenkt, breiten sich Feuerspucker aus und zelebrieren ihre flammende Show ganz nah vor unserem internationalen Potpourri an Speisen – Arbeitstitel: Flambieren light.

Gässchen durch das Rathaus
Das Karree um das Rathaus, das feierlich beleuchtet noch bombastischer wirkt, reicht völlig aus für den Verdauungsspaziergang. Erstaunlich, dass sich die Freisitze kurz vor Mitternacht noch kaum geleert haben, obwohl morgen viele wieder früh raus müssen. Naja, süßes Studenten- und Touristenleben. Faszinierend, dass sich das spätgotische Ratusz aus dem 14. Jahrhundert mit dem mächtigen Giebel auf der repräsentativen Ostfassade nicht als monolithische Wand präsentiert – ein Netz an Gässchen, in das man durch zahlreiche Tore gelangt, verbirgt die Hinterhöfe der Ring-Restaurants, aber auch einige Boutiquen und Buchläden.

Ein Katzensprung hoch zur Więzienna, wo zwischen Straßencafés, Kneipen und Geschäften unser Appartement auf uns wartet. Es ist ja immer wieder erstaunlich, dass 80 Quadratmeter Wohnraum weniger kosten, als ein Schuhkarton-großes Standard-Hotelzimmer. Sicher, der Service fällt aus, aber Hand aufs Herz, wie oft haben wir bisher um 3 Uhr 15 Champagner und Austern bestellt, den Frack, den wir nicht besitzen, dringend in die Reinigung geben wollen oder uns das englische Frühstück ans Bett bringen lassen?

Das Mobiliar ist etwas ramponiert, ein Bett quietscht zum Steineerweichen, der Aufzug würde sich für eine Neuverfilmung des Thrillers „Down“ eignen, aber was soll‘s? Die Bude erinnert mich an die Zeiten der Kommune 1 in Regensburg und ist urgemütlich.
Dieser Artikel ist Teil der Tour "Zeitreise durch Breslau"
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