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Obsession mit dem Mohn
Großbritannien
10.11.2011
Kriegsgedenken auf britisch
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London (dpa) - Der Prinz hat sich als so weise erwiesen, wie einst König Salomon. Als die FIFA den Engländern das Tragen einer eingestickten roten Mohnblume auf dem Trikot im Länderspiel am Samstag gegen Spanien als politische Meinungsäußerung verbieten wollte, schrieb Prinz William einen Brief an den Fußball-Weltverband. Heraus kam ein salomonischer Kompromiss, der nun sogar auch noch für die Nationalteams von Schottland und Wales gilt.
Die Mohnblume als Symbol der Erinnerung geht auf das Gedicht «In Flanders Fields» aus dem Jahr 1915 zurück.
«Wo ein Will ist...», titelte die Boulevardzeitung «The Sun» am Freitag. Eingestickt auf dem Trikot dürfen Wayne Rooney und Genossen das Symbol der Erinnerung an Kriegsgefallene zwar nicht tragen. Wohl aber auf einem Trauerflor, getragen als Armbinde. Der Prinz hat der alljährlichen Diskussion um Heldenverehrung und Kriegsgedenken in Großbritannien die Spitze genommen - beendet wird sie wohl nie werden.

Prinz William ist unter anderem Präsident der FA.
Die auf den ersten Blick leicht amüsant anmutende Posse um ein Mohnblümchen auf dem Hemd der britischen Balltreter hat eine politische Komponente. Großbritanniens konservativem Premierminister David Cameron war der Tabubruch auf dem Trikot so wichtig, dass er das ursprüngliche Verbot der FIFA öffentlich im Parlament sogar «empörend» nannte. Das «Poppy» ist elementarer Bestandteil der allgegenwärtigen britischen Verbundenheit zum Militär. Eine öffentliche Person, die es in diesen Tagen vor dem «Rememberance Day» am 11. November nicht am Revers trägt, kann nicht ganz ausschließen, in die Nähe des Landesverrats gerückt zu werden.
Die Mohnblume als Symbol der Erinnerung geht auf das Gedicht «In Flanders Fields» aus dem Jahr 1915 zurück. Darin beschreibt der kanadische Sanitätsoffizier John McCrae die Trauer über den Tod eines Kameraden im Ersten Weltkrieg. In dem Gedicht thematisiert McCrae den in Flandern blühenden Klatschmohn. «In Flanders Fields the poppies blow, between the crosses row on row...» («Auf den Feldern Flanderns blühen die Poppies, zwischen den Kreuzen, Reihe für Reihe...») heißt es zu Beginn im Text des Gedichtes.

Mit Mohnblumen gedenken viele Briten jedes Jahr der Gefallenen der Kriege, in die das Königreich beteiligt war.
Der Brauch, die stilisierte Mohnblume als Zeichen der Erinnerung an gefallene Soldaten zu tragen, wurde noch in den Kriegsjahren in Nordamerika begründet. Heute ist er praktisch ausschließlich auf Großbritannien und die vom Königreich beeinflussten Länder des Commonwealth beschränkt. Und im Mutterland wird er in den Augen mancher inzwischen fast zur Obsession. «Das Blutvergießen im Krieg wird auf ein Mode-Accessoire reduziert», schrieb der irische Journalist Robert Fisk im «Irish Independent».
Tatsächlich fühlt sich in Großbritannien fast jeder berufen, den britischen Soldaten per Mohnblume seine Ehre zu erweisen - vom Königshaus bis zum Parteigänger. Schauspieler wie «James Bond» Daniel Craig oder Emma Watson («Harry Potter»), US-Medienunternehmer James Murdoch und sogar Internet-Rebell Julian Assange tragen den «Poppy» zur Schau. Manchem wird der inzwischen aufgebaute Moral-Zwang zu viel. Der Fernsehmoderator Jon Snow hat Angst um seine journalistische Neutralität. Er weigere sich, jede Art von Meinungsäußerung vor der Kamera nach außen zu tragen und sprach mehrfach öffentlich von «Poppy-Faschismus».
Dabei war die Idee der Poppies alles andere als faschistisch. Die im Einsatz für die Krone oft verwundeten, verkrüppelten oder seelisch verstümmelten britischen Soldaten merkten nach ihrer Heimkehr, dass sie keineswegs nur als Helden empfangen werden. Stattdessen mussten sie ohne ausreichendes soziales Netz zusehen, wie sie über die Runden kamen. 1921 wurde deshalb die British Legion als Hilfsorganisation für britische Kriegsversehrte und ihre Angehörigen gegründet.

Englischer Stürmerstar Wayne Rooney und seine Kollegen dürfen die Mohnblume zwar nicht tragen, wohl aber auf einem Trauerflor.
Um Geld für die Opfer einzutreiben, verkauften Freiwillige der Legion, meist ehemalige Soldaten, die Poppies - mit wachsendem Erfolg. Viele Prominente stellten sich hinter die Aktion. Geld zu geben, wurde zur Ehrensache. Im vergangenen Jahr nahm die British Legion mit den in einer eigenen Werkstatt handgefertigten Mohnblumen 36 Millionen Pfund ein. «In diesem Jahr erwarten wir 40 Millionen Pfund», sagt Leigh Bradshaw, Sprecherin der British Legion.
Für die Regierung ist der inzwischen erzeugte Sozialdruck praktisch. Mit dem Geld werden etwa Rehazentren für die Kriegsversehrten aus dem Irak oder Afghanistan bestückt, die sonst der Staat bezahlen müsste. Außerdem kommt das «Schulter an Schulter»-Motto der British Legion durchaus auch der Idee einer «Big Society» nahe, wie sie David Cameron als Vision modernen staatlichen Handelns vorschwebt - die Bürger nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand, mit möglichst wenig Staat. Und wer sich vom Fieber um die roten Poppies nicht anstecken lassen will, hat immerhin noch die Möglichkeit, auf andersfarbige Mohnblumen auszuweichen. Etwa das Weiß der Friedensinitiative Peace Pledge Union. Oder lila, für getötete Tiere.
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