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«Nicht von Angst auffressen lassen» - Deutschlands Juden und der Hass

Deutschland
15.12.2017
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Brennende Fahnen, Todesrufe, Drohungen - wenn sich die Lage in Nahost zuspitzt, spüren das auch viele Juden in Deutschland. Ein Streifzug durch eine Gemütslandschaft zwischen Beunruhigung und dem Wunsch nach Normalität.

Berlin (dpa) - Israel-Fahnen brennen, Menschen rufen «Ich hasse Juden» oder halten Plakate mit dem Schriftzug «Tod Israel» hoch: Auf pro-palästinensischen Demonstrationen werden in diesen Tagen wieder antisemitische Töne laut. Die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels durch die USA löst Ausbrüche von öffentlichem Hass aus. Wie erleben Juden in Deutschland solche Feindseligkeiten? Welche Besonderheiten spüren sie in ihrem Alltag ohnehin? Eine Erkundung in Berlin, Erfurt, Mülheim/Ruhr - und Tel Aviv.

DER SEISMOGRAPH

Sigmount Königsberg hätte es am liebsten, wenn es seinen Job gar nicht gäbe. Seine Position in der Jüdischen Gemeinde in Berlin heißt «Antisemitismusbeauftragter». Königsberg ist so etwas wie der Seismograph, der Erschütterungsmesser, für die rund 10 000 Berliner Gemeindemitglieder. Lange Zeit war die Stelle unbesetzt. Seit September ist der 57-Jährige im Amt. Und befasst sich offiziell mit Beleidigungen und Angriffen, mit den geballten Vorurteilen, denen Juden ausgesetzt sind. Und er sucht Partner für den Kampf dagegen.

Ja, antwortet Königsberg, Sohn von Holocaust-Überlebenden, das sei auch eine Belastung. Doch die Arbeit sei notwendig. Dann berichtet er von einem jungen Mann in der U-Bahnlinie 8, der unlängst von einer Gruppe beleidigt wurde, nur weil er eine Kippa trug. Als er daraufhin den Notruf betätigte, hätten Zugführer und die meisten Fahrgäste unwirsch reagiert. Dabei brauche es nicht viel, um Pöbeleien zu stoppen, man müsse nicht den Helden spielen.

«Die Grenzen werden überschritten, wenn man «Tod den Juden» rufe, sagt Königsberg. Hasskundgebungen seien durch die Meinungsfreiheit nicht gedeckt, die müssten unterbunden werden. Am liebsten würde er den Hassern zurufen: «Ihr müsst mal ankommen in Deutschland». Von der Gesellschaft erwartet er einen «Aufstand der Anständigen».

DIE VORSICHTIGE

Gaby Wolff aus Köln, die ihren Namen nicht in den Medien sehen möchte, ist hin- und hergerissen. Einerseits steht die 44-Jährige der Regierung von Benjamin Netanjahu kritisch gegenüber und hat insofern Verständnis für Proteste. Andererseits fühlt sie sich etwas mulmig. «Was ich bedenklich finde, ist die fortwährende Gleichsetzung von Judentum und Israel auf palästinensischer und arabischer Seite. Das finde ich auch ungerecht gegenüber den vielen Andersdenkenden in Israel. Da gibt es große Friedensdemonstrationen, da gibt es eine riesige Bewegung für die Zwei-Staaten-Lösung. Israel ist nicht allein Netanjahu.»

Wenn mal wieder die Debatte um den Dauer-Konflikt im Nahen Osten hochkocht, bekommen das auch viele der jüdischen Deutschen zu spüren. «Das ist etwas Atmosphärisches», sagt sie. «Schwer zu beschreiben.» Manchmal spürt sie den Antisemitismus unter der Oberfläche. Etwa dann, wenn sie für die israelische Politik mitverantwortlich gemacht wird. «Da bin ich dann immer sprachlos, weil ich die erste bin, die gegen diese rechte Regierung mehr als negativ eingestellt ist. Ich habe ganz klar den Eindruck, dass das antisemitische Einstellungen sind, die da ein Ventil kriegen.»

Gaby Wolff ist deshalb immer sehr vorsichtig. Nie würde sie ihren Sohn mit Kippa auf die Straße lassen. Nie trägt sie die jüdische Identität ihrer Familie nach außen. Denn sie weiß, dass andere Juden, die offener damit umgehen, auf Facebook beschimpft werden.

Viele Verwandte von Gaby Wolff sind in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden. Diese Familiengeschichte begleitet sie. Aber sie hat sie auch sensibilisiert für die Diskriminierung anderer Minderheiten. Die Ohnmacht der Palästinenser angesichts der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump kann sie gut nachvollziehen. «Das gilt sogar in gewisser Weise für das Verbrennen der Flagge, auch wenn ich das natürlich ablehne. Es ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit.»

DER ZWEIFLER

Max Czollek macht es sich nicht einfach mit einer Zustands- und Gemütsbeschreibung. Der 30-Jährige, der in Berlin die Jüdische Oberschule besuchte und am Zentrum für Antisemitismusforschung promovierte, warnt vor «einer Falle», die gerade aufgestellt werde: vor der Annahme, dass Judenfeindschaft in der Bundesrepublik erst durch die arabischen und muslimischen Demonstranten virulent geworden sei.

Ja, es gebe Gewalt und Übergriffe von dieser Seite, das sei auch beunruhigend. Doch spätestens mit dem Einzug der AfD in den Bundestag sei für ihn deutlich, dass in Deutschland auch ohne Flüchtlinge und Muslime wieder völkische Gedanken mehr Zustimmung bekämen. «Man ignoriert hier nämlich gerne die eigene Kontinuität mit dem Nationalsozialismus.» In Berlin organisiert Czollek, der zu einer neuen Generation junger deutscher Lyriker gehört, die Radikalen Jüdischen Kulturtage zusammen mit der Autorin Sasha Marianna Salzmann.

«Schwierig» sei es, sagt Czollek auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Israel, wo er ein Jahr lebte. Zwar habe er Kritik an der israelischen Politik. Diese Kritik werde in Deutschland aber oft für eine grundsätzliche Ablehnung Israels verwandt. «Diesen Reflex will ich nicht bedienen.»

DIE ISRAELIS IN BERLIN

Nein, es sei «nicht cool», israelische Flaggen zu verbrennen, sagt Nir Ivenizki. Es ist noch früh an diesem ersten Chanukka-Tag, kalter Regen fällt auf die Allerstraße in Berlin-Neukölln. Nir Ivenizki sitzt im «Gordon» mit seinem Freund Doron Eisenberg. Die beiden Israelis haben vor anderthalb Monaten hier ihr Restaurant eröffnet - ausgerechnet in Neukölln, wo noch vor ein paar Tagen bei einer Demonstration eine israelische Flagge brannte.

Nir und Doron kennen sich aus ihrer Heimat in Tel Aviv, Techno hat sie nach Berlin gezogen, wie viele andere Israelis auch. «In Tel Aviv gibt es 3000 Fans und 3 Clubs», Berlin sei einfach die Techno-Welthauptstadt, hier werde der Sound und seine Kultur erstgenommen. So war nach dem Militärdienst für Nir und Doron klar: Sie müssen nach Berlin.

Zuerst hatten sie ein Café mit angeschlossenem Plattenladen, dann kam das Restaurant, das so heißt wie eine Straße in Tel Aviv. Israelische Gerichte stehen auf dem Menü. Na ja, israelisch. Nir Ivenizki fasst den Kreis weiter. «Maghrebinisch-levantinische Küche», sagt Nir, der sich die Kochkunst «zu Hause, mit Liebe» angeeignet hat. Von Anfeindungen spüren sie hier nichts. Im Gegenteil. «Viele Araber kommen, weil sie unsere Küche mögen.»

DER ZENTRALRATSPRÄSIDENT

Josef Schuster spricht in diesen Tagen von einem «Déjà-vu», einem wiederkehrenden Bild. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland erinnert sich an das Jahr 2014, als Demonstranten durch die Straßen zogen und antisemitische Parolen riefen. Damals hatte Israel nach Raketenattacken aus dem Gazastreifen mit Luftangriffen reagiert. Und schon damals hätten führende Politiker bis hin zur Kanzlerin versichert, dass es nie wieder öffentlich Judenhass in Deutschland geben dürfe.

«Dieser Antisemitismus, der bei den Demonstrationen und bei Übergriffen wie auf ein koscheres Restaurant in Amsterdam oder dem Brandanschlag auf die Synagoge in Göteborg in erschreckender Weise sichtbar wurde, ist für ganz Europa, nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, ein Problem. Wenn radikalisierte Demonstranten nicht von Anfang an in die Schranken gewiesen würden, werde sie das nur ermutigen, schreibt Schuster in der Wochenzeitung «Jüdische Allgemeine».

DER DIPLOMAT

Jeremy Issacharoff hätte sich sicher einen anderen Start im Job gewünscht. Noch keine vier Monate ist der neue israelische Botschafter in Berlin, da muss er sich zu anti-israelischen Protesten äußern. «Ich denke, der schlimmste Teil der Proteste war die Verbrennung israelischer Flaggen. Das ist etwas, das ich nicht in Europa und auf keinen Fall in Berlin sehen möchte. Das sind Dinge, die es in Teheran geben mag, wo es keine Toleranz gibt», sagt Issacharoff. «Es geht dabei nicht darum, ob jemand mit Israels Position in irgendeiner Frage nicht einverstanden ist. Es geht um die Tatsache, dass hier die Existenz Israels negiert wird.»

Sollte das öffentliche Verbrennen ausländischer Flaggen verboten werden, so wie das der Zentralrat vorgeschlagen hat? «Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Vorschlag, der berücksichtigt werden sollte. Aber natürlich haben das die zuständigen Stellen in Deutschland zu entscheiden.» Deutschland sei eine sehr demokratische und tolerante Gesellschaft geworden, «und ich denke, es hat jedes Interesse daran, das zu bewahren».

BERLIN-TEL AVIV

Günstig, Partystadt, tolerant - für viele junge Israelis ist Berlin ein Traumziel. «Deutschland ist ein liberales Land, verglichen sogar mit den USA», sagt der Historiker Mosche Zimmermann über die Reisegründe vieler Israelis. Es gebe mehr Möglichkeiten, größere Vielfältigkeit, unterschiedliche Menschengruppen, viele kulturelle Angebote.

«Die Tatsache, dass sich die Deutschen seriös mit der Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen, hat auch seine Anziehungskraft», sagt Zimmermann. In Ländern wie Österreich oder Polen sei dies nach seiner Einschätzung weniger der Fall.

Rund 323 000 Israelis übernachteten 2016 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in deutschen Unterkünften. Mehr als jeder Dritte davon in Berlin, so die landeseigene Tourismusagentur: rund 128 000. Israel liegt auf Platz zehn der Herkunftsländer von Berliner Übernachtungsgästen. Wie viele Israelis genau in Deutschland leben, weiß aber selbst die israelische Botschaft in Berlin nicht, weil nicht alle Neuankömmlinge sich anmelden. In der Hauptstadt sollen es 11 000 bis 13 000 sein, womöglich mehr als 20 000 bundesweit.

CHANUKKA IN ERFURT

Die brennenden Kerzen am Chanukka-Leuchter vor dem Rathaus in Erfurt vermitteln den Passanten Normalität: Die Juden in der Thüringer Hauptstadt feiern ihr achttägiges Lichterfest. Rund 800 Mitglieder zählt die Landesgemeinde, die meisten sind nach 1990 aus den ehemaligen Sowjetstaaten gekommen. Die Ruhe hat etwas Trügerisches: «Wir versuchen Normalität zu zeigen und Chanukka in der Öffentlichkeit zu feiern», sagt der Vorsitzende Reinhard Schramm. «Aber es ist eine schwierige Zeit.»

Die Angriffe von Islamisten, Rechts und Links auf das Existenzrecht Israels: «Das haben wir nicht erwartet und hatten es uns nach der Shoa auch nicht vorstellen können.» Auch nicht, dass die Flagge mit dem Davidstern mit Füßen getreten oder gar verbrannt werde. «Wir dürfen uns von der Angst nicht auffressen lassen.»

Vorsicht sei dennoch geboten. Rabbiner Benjamin Kochan berichtet von einer Frau, die in einem Deutschkurs mit Muslimen aus Angst auf den Rat des Lehrers nicht sagen soll, dass sie jüdisch ist. «Mit den Flüchtlingen ist offenkundig Antisemitsches mitgebracht worden», sagt der 29-Jährige. «Diese Herausforderung müsse man ernst nehmen, wenn Integration gelingen solle.

... UND KEIN CHANUKKA IN MÜLHEIM

Auch sie hätte gerne mit dem Lichterfest an die Einweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 164 vor Christus erinnert, die Jüdische Gemeinde in Mülheim in Nordrhein-Westfalen. Doch sagte sie das Fest ab, aus Sicherheitsbedenken, wie es hieß. Der Zentralrat hatte nach den Demonstrationen den Gemeinden Sicherheitshinweise der Polizei weitergeleitet, es aber jeder einzelnen überlassen, wie sie auf die Lage reagiert. «Dass eine öffentliche jüdische Versammlung aus Sicherheitsgründen abgesagt werden muss, hätte ich mir im Leben nicht mehr vorstellen können», sagt Mülheims Oberbürgermeister Ulrich Scholten.

 

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