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Kapitalismus mit Fratze

Deutschland, Hamburg
17.10.2011
Von Jürgen Herda    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Karel Trinkewitz: Zum 80. Geburtstag des Künstlers und Charta-77-Unterzeichners
„Das Leben ist eine Collage", sagt Karel Trinkewitz. Zwischen unzähligen Kartons mit zehntausenden von Zeichnungen, papierenen Installationen und kuriosen Fundstücken wirkt der 80-jährige Großmeister des geklebten Kunstwerks in seinem Atelier im Vorböhmerwald-Ort Rabí selbst wie ein Archivar seines langen Lebens. „Wo sind nur die deutschen Karikaturen“, kruscht er in der zu Illustrationen geronnenen, verlorenen Zeit.
Galerie
Karel Trinkewitz, immer auf der Suche nach neuen Wörtern für seine Bilder und neuen Bildern für seine Wörter.

Der am 23. August 1931 im mittelböhmischen Mečeříž geborene Autor, Collagist, Maler, Zeichner und Mitunterzeichner der Charta 77 ist kein gläubiger Jude. Dennoch hat ihn seine Abstammung geprägt – meist unfreiwillig: „Mein ganzes Leben verlief nach den Gesetzmäßigkeiten der Judenverfolgung“, erinnert Trinkewitz an die familiäre Odyssee. „Der jüdische Teil meiner Familie kam aus Ostpreußen in die damalige Tschechoslowakei, um den Nazis zu entkommen.“ Die Großmutter stammt dagegen aus dem selbem Dorf wie Kafkas Vater Hermann – aus dem südböhmischen Osek.
Bücher sind für den Liebhaber raffinierter Wortspiele ein ganz besonderer Schatz.

Als Jude verfolgt, als Deutscher ausgegrenzt
Die Flucht nach Böhmen brachte nur einen kurzen Aufschub: 1938 annektierten die deutschen Antisemiten die – im Göbbels-Jargon – „Resttschechei“ und exportierten den Rassenwahn nach Prag. „Als Halbjude durfte ich nicht in die Schule“, erzählt Trinkewitz, „ich wurde zu Hause unterrichtet, hauptsächlich von meiner Mutter, die mir das Tschechische beigebracht hat.“ Der Junge überlebt die faschistische Diktatur, um anschließend bei den russischen Befreiern unter Generalverdacht zu geraten: „Ich hatte ja die deutsche Staatsangehörigkeit“, zuckt er mit den Schultern.

Der junge Mann macht zunächst eine Ausbildung an der Keramisch-technischen Fachschule Teplice-Šanov, schafft dann den Übertritt aufs Gymnasium und möchte Philosophie studieren. Aber das wollen in der Nachkriegszeit, in der die Sinnsuche hoch im Kurs steht, viele. „Also habe ich es mit Jura an der Prager Karlsuniversität versucht, aber schon nach dem dritten Semester gab es Ärger.“ Kommilitonen, die als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit jede systemkritische Äußerung weiterreichen, untermauern den Vorwurf, Trinkewitz sei ein „bourgeoises Element“.
Karel Trinkewitz im Gespräch mit dem Amberger Bildhauer Harald Bäumler (rechts).

Dissidentenkarriere: Bauarbeiter und Paketträger
Es folgte die klassische „Karriere“ der Dissidenten: „Ich schlug mich als Bauarbeiter durch, dann war ich Paketträger bei der Post.“ Schließlich nähert er sich über Umwege der Kreativabteilung: „Weil ich schon mal ein paar Texte verfasst hatte, durfte ich im Reklamebereich der Post anfangen.“ Als Ende der 1950er Jahre endlich politisches Tauwetter einsetzt, bewirbt er sich bei der Zeitschrift „Im Herzen Europas“. Der Chefredakteur ist jüdischer KZ-Überlebender, dessen Stellvertreterin auch Jüdin, die mit einem Serben verheiratet war. „Sie hatte als Titoisten in der stalinistischen ČSSR zwei Jahre im Knast gesessen – jetzt, da die Zeit der Wiedergutmachung im Prager Frühling anbrach, hatten wir bessere Karten.“

Zehn Jahre lang profiliert sich Karel Trinkewitz in der Redaktion als Autor, Grafiker und Karikaturist und avanciert zu einem wichtigen Sprachrohr des Prager Frühlings. „Als dann die Panzer rollten, war der Traum vorbei.“ 1968 verliert er seine Arbeit, darf als bildender Künstler nicht mehr ausstellen. Zusammen mit anderen Dissidenten um Chef-Querdenker Václav Havel unterzeichnet er die Charta 77, eine international beachtete Erklärung, die das Regime in Bedrängnis bringt. Schließlich hatte auch die ČSSR die KSZE-Schlussakte in Helsinki unterzeichnet, in der sie unter anderem das „Recht auf freie Meinungsäußerung“ zusicherte.
Das Tao Te King, eine Sammlung philosophischer und mystischer Aphorismen und Sinnsprüche, kann nicht als Bild eingefangen werden.

Verhaftungen, Verhöre, Ausweisung
Es folgen Verhaftungen und Verhöre, schließlich wird der bereits landesweit bekannte Künstler und Karikaturist ausgewiesen: „Ich ging zunächst nach Essen, wo ich Bekannte hatte und betrieb dort eine Galerie.“ Dann verwirklicht er seinen ganz persönlichen Traum vom Leben am Meer: „Hamburg war für Tschechen schon immer ein Symbol von Freiheit, eine Hafenstadt, von der aus man in die ganze Welt reisen konnte.“ 1989 ernennt sein Freund und erster Außenminister der ČSFR, Jiří Dienstbier, Karel Trinkewitz zum Konsul in Hamburg. „Zusammen mit Staatspräsident Václav Havel und Regierendem Bürgermeister Henning Voscherau habe ich die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Prag eingefädelt.“ Trinkewitz ist ein hochangesehenes Mitglied der hanseatischen Kulturszene und wird mit Ehrungen überhäuft.

Nach der Samtenen Revolution hat der Künstler auch in Tschechien wieder einen Wohnsitz, zuerst in Prag, seit 2005 in Rabi. Zunächst engagiert sich der persönliche Freund von Ex-Parteichef Miloš Zeman bei den Sozialdemokraten. Doch schon bald sind im die politischen Ränkespiele zuwider, er tritt aus. „Uns ging es um die Freiheit, um den Sozialismus mit meschlichem Antlitz – jetzt haben wir den Kapitalismus mit menschlicher Fratze, eine Globalisierung zugunsten der Superreichen.“
Trinkewitz sammelt alles: auch Hühnerknochen.

„Für mich ist Tschechien heute ein Schurkenland“
Erst hätte die tschechische Politik die Presse an die Deutschen verhökert, dann sei die italienische Mafia gekommen: „An Silvester 1989 habe ich mit Václav Klaus darüber diskutiert, ihm gesagt, wir müssten von den Amerikanern lernen, eine Anti-Mafia Abteilung gründen – er hat nur gelacht, weil er bereits wusste, was er mit seiner Privatisierung vor hatte.“

Ein Ausverkauf des Landes habe stattgefunden, der Geld in die Kassen der Parteien und mancher Politiker gespült habe.

„Deshalb ist Europa für Klaus immer eine Gefahr gewesen, er will nicht kontrolliert werden.“ Trotz seines antieuropäischen Populismus bekäme Prag „wahnsinnig viel Geld von Brüssel“: „Das klauen die Leute in den hohen Posten – in Afrika sind das 90 Prozent, bei uns halt nur 40 Prozent. Die Justiz ist käuflich, für mich ist Tschechien heute ein Schurkenland.“

Mit seinen Mitteln habe Trinkewitz versucht, gegenzusteuern: „Ich habe ein Musical gegen Klaus geschrieben“, lächelt der Achtzigjährige listig, „aber es wurde leider nicht gespielt – das große Hochwasser hat das Theater überflutet und Klaus vor der Lächerlichkeit bewahrt.“

 

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