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Juden zwischen den Diktaturen

Tschechien, Praha
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Nazis und Stalinisten vernichteten die lebendige jüdische Kultur in Böhmen und Mähren
„Heute leben offiziell 1600 Juden in Prag, in ganz Tschechien 5500“, nennt Ivo Janoušek offizielle Zahlen. „Aber in Wirklichkeit sind es viel mehr, die sich nicht registrieren lassen wollen.“ Ihr Misstrauen ist nach der Verfolgung während zweier Diktaturen nicht verwunderlich. Nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei 1939 und der Errichtung des so genannten „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung im Lager Theresienstadt interniert und von dort zumeist weiter nach Auschwitz deportiert. Von etwa 82.000 aus dem Protektorat deportierten Juden überlebten nur rund 11.200.
Galerie
Nazi-Besatzer auf der Prager Burg: Kurt Daluege und Karl Hermann.

Aber auch nach der deutschen Kapitulation endete die Leidenszeit der Juden nicht. Bei Ausreiseanträgen und bei der Rückerstattung ihres Besitzes wurden den Rückkehrern bürokratische Hürden in den Weg gestellt. In den nur fünf Jahren zwischen 1945 und 1950 wanderten 24.000 Juden nach Israel und Übersee aus. Selbst kommunistische Funktionäre blieben vom Antisemitismus stalinistischer Prägung nicht verschont: Rudolf Slánský, stellvertretender Ministerpräsident der KSČ und Rivale von Klement Gottwald, wurde 1952 des Hochverrats bezichtigt. Unter den 14 Angeklagten des Schauprozesses befanden sich elf Juden. Slánský und die zehn Mitangeklagten jüdischen Häftlinge wurden hingerichtet. Erst der Prager Frühling beendete die antisemitische Hetzjagd. 1963 wurde Slánsky juristisch, 1968 auch von der Partei rehabilitiert.

Dissident Karel Trinkewitz in seinem Atelier in Rabí.

Bourgeoises Element Trinkewitz
Opfer zweier totalitärer Regime wurde der Künstler und Mitbegründer der Charta 77, Karel Trinkewitz. Die Flucht der Familie vor den Nazis nach Böhmen brachte nur eine kurze Verschnaufpause: Nach der Annektion der – im Göbbels-Jargon – „Resttschechei“ exportierten die braunen Ideologen ihren Rassenwahn nach Prag. „Als Halbjude durfte ich nicht in die Schule“, erzählt Trinkewitz, „ich wurde zu Hause unterrichtet, hauptsächlich von meiner Mutter, die mir das Tschechische beigebracht hat.“ Der Junge überlebte die faschistische Diktatur, um anschließend bei den russischen Befreiern unter Generalverdacht zu geraten: „Ich hatte ja die deutsche Staatsangehörigkeit“, zuckt er angesichts dieser Willkür mit den Schultern.

Nach dem Krieg machte der junge Mann zunächst eine Ausbildung an der Keramisch-technischen Fachschule Teplice-Šanov, schaffte dann den Übertritt aufs Gymnasium und wollte Philosophie studieren. Aber das wollten in der Nachkriegszeit, in der die Sinnsuche hoch im Kurs steht, viele. „Also habe ich es mit Jura an der Prager Karlsuniversität versucht, aber schon nach dem dritten Semester gab es Ärger.“ Kommilitonen, die als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit jede systemkritische Äußerung weiterreichten, untermauerten den Vorwurf, Trinkewitz sei ein „bourgeoises Element“. Es folgte die klassische Karriere als Dissident.

„Ich schlug mich als Bauarbeiter durch, dann war ich Paketträger bei der Post.“ Schließlich näherte er sich über Umwege der Kreativabteilung: „Weil ich schon mal ein paar Texte verfasst hatte, durfte ich im Reklamebereich der Post anfangen.“ Als Ende der 1950er Jahre endlich politisches Tauwetter einsetzte, bewarb er sich bei der Zeitschrift „Im Herzen Europas“.

Der Chefredakteur war jüdischer KZ-Überlebender, dessen Stellvertreterin auch Jüdin, die mit einem Serben verheiratet war. „Sie hatte als Titoistin in der stalinistischen ČSSR zwei Jahre im Knast gesessen – jetzt, da die Zeit der Wiedergutmachung im Prager Frühling anbrach, hatten wir bessere Karten.“ Mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten 1968 endete auch das Tauwetter gegenüber der kritischen jüdischen Intelligenz. Nach Verhören und Verhaftungen wurde Trinkewitz ausgewiesen (lesen Sie hier mehr über Karel Trinkewitz).
Goldene Straße
 

 

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