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Juden dritter Generation

Tschechien, Praha
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Fragestunde zu jüdischem Leben in Prag und politischer Kultur in Tschechien
Nach der Führung durch die jüdischen Points of Interest der Josefstadt waren sicher nicht alle Fragen offen, der Vorhang aber noch lange nicht zu. Ivo Janoušek, der sich als Fremdenführer seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt und regelmäßig an Fortbildungen der Jüdischen Gemeinde teilnimmt, stand im Restaurant Staromaček für Fragen zur Verfügung. Als Experten für die politische Kultur des Landes saßen außerdem die beiden Deutsch-Prager Alexandra Mostýn (schreibt u.a. für Fokus und taz) sowie Georg Pacurar, Gründer der Internetplattform Tschechien-online, am „Journalisten-Stammtisch“.
Galerie
Der blutige Schatten Theresienstadts beeinflusst das Leben der tschechischen Juden bis heute.
Fremdenführer Ivo Janoušek.

„Die Überlebenden kamen zurück und wollten ihre Erinnerungen vergessen“, führte Janoušek in das Thema ein. „Sie wollten die Kinder nicht belasten.“ Die zweite Generation, Altersgenossen des Fremdenführers, hätten sich wenig um ihre jüdischen Wurzeln gekümmert. „Gläubig zu sein, war im Kommunismus schwierig. Ich tat mich da als Techniker einfacher“, sprach der gläubige Protestant über eigene Erfahrungen, „weil das Regime nicht so genau hinschaute, wenn jemand keinen Einfluss auf die junge Generation hatte.“ Erst die dritte Generation, die heute 30-Jährigen, hätten sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt. „Viele haben erst mit 20 erfahren, dass ihre Familie jüdisch ist.“ Sie würden heute das aktive Leben der Gemeinden gestalten.

Können Sie uns etwas über die verschiedenen Richtungen des Judentums erzählen?

Janoušek: Es gibt für gläubige Juden offiziell 613 Anweisungen, die man einzuhalten hat. Ein Drittel davon betrifft freilich den verschwundenen Tempel. Die Orthodoxen halten sich an die restlichen Zweidrittel. Die Konservativen, und das ist die Mehrheit bei uns, versuchen es redlich. Die jungen Intellektuellen sind meist reformiert, gehören der liberalen Vereinigung „Unser Haus“ und „Fröhliches Haus“ an, und versuchen alles einzuhalten, was Gebet und Gottesdienst, aber nicht, was das koschere Essen betrifft.

Die Josefstadt wirkt sehr museal auf mich. Leben hier wirklich noch Leute?

Janoušek: Bis ins 19. Jahrhundert lebten die Juden hier wie die Sardinen in der Büchse dicht an dicht. Dann erfolgte der Abbruch des Ghettos, es wurden neue Häuser gebaut, die Juden verteilten sich mit der Zeit auf andere Viertel. Einige Rückkehrer leben inzwischen wieder hier, auch weil die Jüdische Gemeinde hier ihren Sitz hat. Heute ist Sonntag, die Wochenendtouristen, die am Sabbat nichts besichtigen konnten, sind jetzt alle auf einmal da, und am Wochenende sind die meisten Prager sowie so am liebsten außerhalb der Stadt.

Wie verhält es sich mit den anderen Religionen?

Janoušek: 32 Prozent der Tschechen bekennen sich heute zu einer Religion. Dieser geringe Prozentsatz ist historisch bedingt: Man war im Kommunismus bestraft, wenn man gläubig war. Dazu kommt das Misstrauen gegenüber dem Katholizismus, den die Habsburger Herrscher seit der Schlacht am Weißen Berg über Jahrhunderte als Machtinstrument missbrauchten. Als Folge traten nach der Gründung der Tschechoslowakischen Kirche in der Ersten Republik (1918-1938) zwei Millionen Tschechen zu dieser Spielart des Protestantismus über. Da sie aber auf keine wirkliche Tradition bauen konnte, hat sie inzwischen mehr Mitglieder verloren als andere Konfessionen.

Gibt es hier eine Neonazi-Szene?
Hinrichtungsstätte in Theresienstadt.

Janoušek: Ja, es gibt leider auch bei uns Neonazis, aber sie haben in der Bevölkerung keine starke Basis. In unserem Volk ist noch das Entsetzen lebendig, dass derartige Verbrechen wie im Dritten Reich von einem Kulturvolk begangen werden konnten – dass Christen so etwas tun konnten. Deswegen gibt es viel Sympathie für Juden und Israel aber auch für die USA, weil sie uns bereits bei der ersten Staatsgründung 1918 unterstützt und sich auch später am entschiedensten gegen totalitäre Systeme positioniert haben. Von den europäischen Nachbarn waren wir wegen der Appeasement-Politik der Briten und Franzosen enttäuscht – als man nach dem Münchner Abkommen 1938 die Besetzung des so genannten Sudetenlandes durch Hitler einfach geschluckt hatte.

Wie finanzieren sich die Kirchen?

Janoušek: Da sämtliches kirchliches Eigentum von den Kommunisten verstaatlicht wurde, werden die Pfarrer vom Staat bezahlt. Die Priester bekommen allerdings sehr wenig, nur Zweidrittel des Durchschnittslohns. Derzeit läuft eine Debatte über die Rückgabe von kirchlichem Eigentum. Die politische Rechte ist zaghaft dafür, will es sich aber nicht mit der Mehrheitsmeinung verscherzen. Die Linke ist kategorisch dagegen. Wahrscheinlich wird es auf eine gemäßigte Rückführung von Immobilien und Geld hinauslaufen.

Wie entwickeln sich die Arbeitslosenzahlen in Tschechien?

Janoušek: Prag schneidet mit einer Quote von 4,8 Prozent am besten ab. Im Erzgebirge liegt sie dagegen bei 20 Prozent. Dort ist die Lage am schwierigsten, nach dem Krieg wurde die Bevölkerung praktisch ausgetauscht, die Deutschen vertrieben, vor allem Roma aus der Slowakei angesiedelt, die sich hier entwurzelt fühlten.

Wie ist der Zustand des Gesundheitssystems?
Protestaktion "Unser Exodus - danke, wir gehen!" Etwa 4000 Krankenhausärzte haben zu Jahresbeginn ihre Jobs gekündigt. Sie protestieren damit gegen schlechte Bezahlung und Arbeitsbedinungen.

Janoušek: Einige tschechische Ärzte gehen ins Ausland, nur die Slowaken träumen davon, zu uns zu kommen. Das führt im ansonsten traditionell gut ausgebildeten Gesundheitswesen mancherorts zu Engpässen. Das Lohngefälle gegenüber dem europäischen Ausland ist immer noch deutlich. Und das, obwohl die Doktoren mit etwa 1400 Euro im Monat eh zu den Besserverdienern gehören. Wobei man die Durchschnittslöhne immer mit Vorsicht genießen muss. Viele Tschechen, besonders Prager, die die höheren Lebenshaltungskosten sonst nicht bezahlen könnten, erarbeiten sich durch Überstunden oder einen Zweitjob einen bescheidenen Wohlstand.

Wie wird vor dem Hintergrund der schwierigen deutsch-tschechischen Geschichte das erhebliche deutsche Investment in Tschechien gesehen, etwa von VW bei Škoda?

Janoušek: Die vernünftigen Bürger sehen das pragmatisch. Was uns nützt, kann nicht so verkehrt sein. In Bezug auf das deutsch-tschechische Verhältnis ist man mehrheitlich der Auffassung, dass man sich besser kennenlernen muss, um sich zu verstehen. Leute, die wie ich dem Regime eher kritisch gegenüberstanden, hatten trotz unseres negativen Deutschlandbildes nach dem Krieg sehr bald festgestellt, dass wir mit den intellektuellen Kreisen in der Bundesrepublik wesentlich mehr anfangen können als mit den Brüdern in der DDR.

Warum ist die tschechoslowakische Trennung so unspektakulär verlaufen?

Janoušek: Es war eine von den damaligen maßgeblichen politischen Meinungsführern in Tschechien und der Slowakei, Klaus und Mečiar, gewollte Trennung – auch wenn Präsident Václav Havel viel versucht hat, um das zu verhindern. Und dann sind wir nicht der feurige Süden. Wir meckern in der Kneipe, aber wir schießen nicht auf andere Leute, weil jemand verletzt werden könnte.

Wie kamen Sie zu dem jüdischen Thema?

Janoušek: Ich befasse mich mit jedem Unrecht, das hier passierte. Die Juden haben besonders stark gelitten.

Wie werden die Beneš-Dekrete heute gesehen?

Janoušek: Die tschechoslowakische Regierung befand sich 1945 im Londoner Exil, es gab kein Parlament, keine Verfassung. Die Beneš-Dekrete sind eine Anzahl von Erlassen, um ein Staatswesen zu regulieren. Darunter betrafen einige auch die Ausweisung der Deutschen. Viele Tschechen sind der Auffassung, dass die Deutschen daran selber schuld sind, weil sie Hitler ins Land geholt haben. Auf der anderen Seite finden immer mehr, gerade Junge, dass es bei der Vertreibung auch zu tschechischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kam.

Wie ist die Wohnsituation in Prag?
Journalist und Musiker Georg Pacurar.

Pacurar: Momentan recht unkompliziert. Ich bin erst im Sommer von der Kleinseite in eine schöne 100-Quadratmeter-Wohnung am Moldauufer gezogen. Die kostet umgerechnet knapp 600 Euro pro Monat, was für tschechische Verhältnisse zwar nicht wenig ist, aber vor zehn Jahren hätte man mindestens zweimal soviel bezahlen müssen.

Wo zieht es die jungen, gut ausgebildeten Leute nach der Schule oder dem Studium hin?

Pacurar: Je nach Fachrichtung. Leute mit technischen oder naturwissenschaftlichen Kenntnissen zieht es vor allem in die USA, teilweise auch nach Großbritannien. Deutschland und Österreich stehen nicht ganz so hoch im Kurs. Das hat auch damit zu tun, dass diese Länder ihren Arbeitsmarkt erst spät für Tschechen geöffnet haben.

Mostýn: Die Tschechen sind allgemein nicht besonders mobil, auch innerhalb des Landes wechselt man den Wohnort nicht besonders gern. Das wird von ausländischen Personalchefs oft bemängelt.

Wie hoch ist das Durchschnittseinkommen in Tschechien?

Janoušek: Landesweit zurzeit etwa 1000 Euro im Monat, wobei es große regionale Schwankungen gibt. In Prag verdient am besten, in Nordmähren und Nordböhmen am wenigsten.
Goldene Straße
 

 

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