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Immer nur die alte Leier

Europa
06.04.2012
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Gipfelsturm auf den Mount Jelinek: Umjubelte «Winterreise» in Wien
Die Uraufführung in München wurde bejubelt, im Vorjahr wurde der Text zum «Stück des Jahres» gekürt. Nun hat Stefan Bachmann Elfriede Jelineks «Winterreise» in der Heimat Wien auf die Bühne gestellt.
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Wien (dpa) - Eine raue Stimme klagt «Fremd bin ich eingezogen.», die Schubert-Lieder bekommen einen Pop-Einschlag: Diese «Winterreise» führt ins Heute. Elfriede Jelinek hat Schuberts Liedzyklus zu einem eigenen Text umgedichtet, in dem sie Öffentliches wie Banken-Skandale und die Entführung der Natascha Kampusch mit Persönlichem zusammenführt. Die österreichische Erstaufführung am Donnerstagabend hat Stefan Bachmann auf die Bühne des Wiener Akademietheater gesetzt - als Kletterpartie auf einen lyrischen Textberg. Ein großer Erfolg für Team, Regie und Autorin beim begeisterten Premierenpublikum.
Jelineks "Winterreise" am Akademietheater.

Die Bühne ist eine einzige, massive Schräge. Sie ist einmal Gefängnis, dann Kletterwand, am Ende Skipiste. Die Zuschauer nehmen die Vogelperspektive ein in dieser Inszenierung des Schweizer Regisseurs Bachmann, der sich erstmals in Wien an einen Jelinek-Text wagt und zur Strukturierung der berüchtigten Textflächen die Titel gebende Musik von Franz Schubert zu Hilfe nimmt. Ein geglückter Kunstgriff, der dem kompakten, kaum zweistündigen Abend einen poetischen Rahmen vorgibt.

Die Färbung ist dabei nicht klassisch lyrisch. Sänger Jan Plewka rückt die Lieder über Einsamkeit und Verlorenheit eher in die Nähe eines Bob Dylan. Rau, brüchig und intim zeigt sich auch das erste Bild des Abends, eine berührende, fast meditative Reflexion einer unförmig-fetten Gestalt über das Altern und das Scheitern von Nähe.

Dann sind es austauschbare Anzugträger, die an Seilen die Schräge hochkletternd über Gewinnmaximierung und Tricks der Bankmanager philosophieren, die Polit- und Bankenskandale der Alpenrepublik zur Sprache bringen und die scharfen polemischen Kommentare der Autorin gleich mitliefern.

Einmal mehr hat Jelinek in dem kompakten Band ihre Montagemaschine angeworfen, reflektiert Aktuelles und Intimes, lamentiert und kalauert, wird dabei aber zunehmend persönlich und landet schließlich bei einer Reflexion über ihr Verhältnis zur dominanten Mutter und zum dementen Vater.

Stefan Bachmann verteilt den Text auf ein präzise und wandelbar agierendes Ensemble, findet klare, packende Bilder und trägt auch dem Humor der Autorin Rechnung. Schließlich, und das ist jeder Regisseur der Jelinek schuldig, muss es dann einfach unerträglich werden, und hierzu gestaltet Bachmann fulminantes Finale in Skihütten-Ambiente.

Zu dem bis zum Exzess ausgewalzten volkstümlichen Hit «Ein Stern, der Deinen Namen trägt» stimmt eine bezopfte Blonde ein endloses Lamento an: Immer nur die alte Leier, sie könne nicht anders, als immer nur die alte Leier. Ein ironischer Schlusskommentar zu einem berührenden, sehr persönlichen und bildstarken Theaterabend.


Quelle: Youtube.com

 

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