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Husarenstück zu Prag

Tschechien, Praha
28.11.2011
Von Jürgen Herda    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Schöngeist-Autor Schröpf narrte die kommunistische Nomenklatura bei der EM 1979
Schöngeist-Autor Siegfried Schröpf freut sich auf seine erste Lesung in Prag. "Mich hat die Stadt immer fasziniert", sagt der Amberger, "ein fantastisches Gefühl, in der Stadt von Jaroslav Hašek, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Milan Kundera und Pavel Kohout lesen zu dürfen." Schröpf alterniert bei der szenischen Lesung am Samstag, 3. Dezember, um 20.30 Uhr im Hotel Ariston, aus seinem Anwalts-Thriller "Dicht dran" mit dem Prager Musiker Georg Pacurar – der Roman schlägt einen geografischen Bogen von Würzburg über Basel bis Südamerika. "Das passt", grinst Gitarrist und Sänger Pacurar, "die kubanische Connection hier macht Prager Nächte oft genug zum Carneval."
Galerie
Sichtbar gemachte Zeit auf der Goldenen Straße.

Herr Schröpf, was sind Ihre bisher einschneidendsten Erlebnisse in Prag?


Schröpf: Ich war drei- bis viermal in Prag. Mein erstes Mal war, wie so oft, der bewegendste Aufenthalt. Das war 1978, zur Zeit des Eisernen Vorhangs, der mit seinen martialisch befestigten Grenzen für mich als 19-Jährigen etwas Furchteinflößendes hatte und mich zugleich aber auch neugierig machte. Ich fuhr mit zwei Kumpels zur Leichtathletik-EM, wir waren alle drei ambitionierte Sportler. Im jugendlichen Leichtsinn gelang uns damals ein Husarenstück, das schon etwas Schwejkisches hatten. Wir drei Jungs haben uns eine Kordel umgehängt wie die akkredidierten Sportler und sind ganz selbstbewusst mit einer Sporttasche an den bis zu den Zähnen bewaffneten Wachen vorbei marschiert, sind ein paar Runden gelaufen, und nach einer Dreiviertelstunde im Trainingsanzug wieder raus.

Unbehelligt? Keiner wollte einen Ausweis sehen, niemand hat Fragen gestellt? Das Prinzip „Kleider machen Leute“ hat gereicht?
EM in Prag 1978: Franz-Peter-Hofmeister, Gewinner über 400 Meter.

Schröpf: Ich glaube, dass es im Grunde leichter war, als in einem freien System. Da hätte sich jemand fragen getraut. Die verschüchterten Jungs in ihren Uniformen haben uns schon komisch angeguckt, aber vielleicht dachten sie: Wenn ich jetzt einen Star, den ich nicht erkenne, blöd anrede, kriege ich hinterher nur Ärger. Und diese Angst macht so ein totalitäres System verletzlich. Wir sind dann sogar ohne Probleme zum Athletenblock im Stadion gekommen und haben uns neben Größen wie Sebastian Coe, den Mittelstreckenläufer und späteren englischen konservativen Politiker gesetzt – der war aber weniger cool, er wollte keinen Trikottausch mit meinem Amberger Dress.

Das ist aber natürlich eine Momentaufnahme und der Streich hätte auch gründlich nach hinten losgehen können …

Schröpf: Ja klar, das ist jetzt keine profunde Analyse vom Beginn des Scheiterns des politischen Systems der damaligen ČSSR. Ein weniger lustiges Gegenbeispiel haben wir auch erlebt. Willi Wülbeck, 1977 und 1983 Europacup-Sieger über 800 Meter, kam zum Einlauf der Mannschaft ein paar Sekunden zu spät, eine Gittersperre ging runter, Willi schreit und rüttelt wie verrückt, aber sie ließen ihn nicht mehr rein, weil das gegen die Regeln verstieß. Der Lauf war 15 Minute später, er hätte Europameister werden können, und da steht er am Gitter und rüttelt. Das ist doch ein Symbol für die rigide Starrheit dieser Staatsmacht.

Alle Achtung, Herr Schröpf, waren alle Ihre Prag-Aufenthalte derart symbolträchtig?

Legendäres U Fleků: Die urige Prager Bierkneipe gründete noch Kaiser Karl IV., inzwischen leider zur Touristenfalle mutiert.

Schröpf: (lacht), Nein, nein, ich erinnere mich an ein schönes Wochenende 1981 oder 82, mit viel Bier, weil wir wegen des Zwangsumtausches zu viel Geld hatten – eine ganz neue Erfahrung für uns junge Kerls. In der Kneipe hast du das nächste Pivo schon bekommen, sobald im Letzten nur noch ein Drittel drin war.

Wie haben Sie Prag nach der Wende erlebt?

Schröpf: Als ich noch in der Personalabteilung eines Ingolstädter Automobilherstellers beschäftigt war, habe ich ein Austauschprogramm zwischen Škoda und Audi angeleiert. Das war Anfang der 90er Jahre. Ein spannender Zeitpunkt, weil der Tourismus gerade heiß zu laufen begann. Als wir dann mit Grammer Solar 2009 auf der Messe vertreten waren, hatten wir den Eindruck, dass inzwischen schon deutsche Verhältnisse eingekehrt sind, nach dem Motto, wenn die nicht alle so komisch reden würden, könnte man sich glatt zu Hause fühlen. Prag ist natürlich immer noch schön, aber es ist jetzt eben sehr touristisch.

Wo sehen Sie bayerisch-böhmische Gemeinsamkeiten?

Inbegriff des hinterlisten böhmischen Humors: "Der brave Soldat Schwejk".

Schröpf: Es ist vielleicht etwas abgedroschen, wenn ich jetzt wieder auf den guten, alten Schwejk zurückkomme. Aber hier ist ein wenig der Grundstock für das gemeinsame Naturell gelegt. Wie die Tschechen, deren Habsburger Besatzer der brave Soldat foppte, hatten es die Oberpfälzer auch mit ihrer Obrigkeit nicht leicht. Bei uns waren die Räuber Kneißl und Heigl Volkshelden, weil sie die armen Leute am Land unterstützten und gegen das königliche Regime aufbegehrten. Auf einen Nenner gebracht treffen sich hier bayerische Hinterfotzigkeit im besten Sinne des Wortes und böhmischer Hintersinn.

Woran liegt es, dass Bayern und Böhmen nicht merken, wie ähnlich sie sich sind?


Schröpf: An der fatalen Geschichte des 20. Jahrhunderts, am Kalten Krieg, als die Welt bei uns hinter Waldsassen zu Ende war, an althergebrachten rassistischen Klischees und auch natürlich an der Sprachbarriere. Du kommst schwerer mit jemandem ins Gespräch, dessen Sprache du nicht sprichst.

Auch wenn viele Tschechen Deutsch sprechen und fast alle Jungen Englisch?


Schröpf: Ja, das stimmt schon, ich stelle nur fest, dass ich mich wohler fühle, wenn ich die Sprache des anderen benutzen kann, weil ich mich dann den Menschen näher fühle.
Aufführung der Laterna Magica in Prag.

Ein Schlaglicht auf die politische Kultur der Tschechen wirft die Tatsache, dass der Präsident der Ersten Republik ab 1918, Tomáš G. Masaryk, ein visionärer Philosoph, und der erste Präsident der postkommunistischen Phase nach 1989 Dichterpräsident Václav Havel war, der die Studenten- und Volksrevolte vom absurden Theater „Laterna Magica“ aus dirigierte.

Schröpf: Ich kenne beide natürlich als Staatsmänner, habe mich aber nicht mit ihren Werken beschäftigt. Dennoch finde ich es ungeheuer sympathisch, dass solche aufrechten Charaktere gewählt wurden. Havel war ja nie bequem, er sagte dem Volk immer auch unbequeme Wahrheiten. Ich meine, das sagt einiges aus über die Demokratiefähigkeit der Tschechen.
Dieser Artikel ist Teil der Tour "LiteraTouren an der Goldenen Straße"

 

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