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„Gerechtigkeit für Serbien“

Serbien
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Peter Handke, der „Serbische Ritter“ tat den Menschen des geächteten Balkanstaates keinen Gefallen
Den Dichter aus dem Elfenbeinturm mögen ehrenwerte Motive geritten haben, sich in die morastige Tiefebene des jugoslawischen Bürgerkriegs zu begeben. Peter Handkes Argumente wurden aber auch dadurch nicht besser, dass der Enkel eines slowenischen Bauers als einziger westlicher Promi Partei für die Serben ergriff. In seiner bedingungslosen Nibelungentreue zur jugoslawischen Idee wollte der Österreicher weder das Bombardement von Dubrovnik noch das Massaker von Srebrenica wahrhaben. Klassischer Fall von Donquijotitis: Handke zog es vor, auf die Mühlen der westlichen Berichterstattung einzuprügeln. Schade um die vertane Chance – denn in der Tat, die Serben hätten einen Anwalt gebraucht. Einen Anwalt freilich, der sie nicht in ihrem gefährlichen Irrweg bestärkt hätte. Und einen, der die westliche Argumentation tatsächlich um serbische Sichtweisen ergänzen würde. Einen neutralen Sympathisanten gewissermaßen, der bei allen Parteien Gehör findet. Hätte, wäre, wenn – jetzt geht es darum, mit der Gegenwart zu leben und es macht keinen Sinn, Serbien kollektiv zu geißeln. Europa kann keinen instabilen Balkan gebrauchen und das Zentrum des Balkans soll, kann und darf nicht ausgegrenzt werden.
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Das langweilige Leben

Ein Jahrzehnt nachdem der Dramatiker demonstrativ nach Belgrad ausrückte, um sich den „Verbrechern der NATO“ als menschliches Schutzschild entgegenzustellen, stellt sich ein serbischer Politiker unspektakulär der Realität: Serbiens Präsident Boris Tadić führt das Land behutsam aus seiner Isolation und schenkt damit den jungen Serben endlich eine europäische Perspektive. Im Rahmen einer Annäherung an die EU kann auch der dornige Weg einer Versöhnung mit den Nachbarstaaten beschritten werden. Grundlage dafür ist eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, die nach dem Sturz Slobodan Miloševićs seit dem Jahr 2000 Schritt für Schritt einsetzte: Die Rückkehr zu einem „langweiligen Leben“, das Vojislav Koštunica damals versprach, nahm mit den Protesten Hundertausender gegen den volksverhetzenden Tribun ihren Lauf. Sie setzte sich fort mit der Ausstrahlung von Videoaufnahmen im staatlichen Fernsehen, auf der die Ermordung muslimischer Bosniaken durch serbische Freischärler zu sehen war. Ministerpräsident Koštunica sprach anschließend von einem „brutalen, gnadenlosen und beschämenden Verbrechen“. Selbstkritik ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. In anderen posttotalitären Staaten hat dieser Prozess länger gedauert.
Namenstafel an der Völkermord-Gedenkstätte in Potočari in der Nähe von Srebrenica.

Ratko Mladić, 67, ist das gravierendste verbleibende Hindernis Serbiens auf dem Weg in die EU. Der frühere Armeechef der bosnischen Serben soll zusammen mit Radovan Karadžić – der sich ohne jede Reue vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag selbst verteidigt – den Genozid von Srebrenica befohlen haben. Keine Frage, dieser Mann gehört, wie andere Kriegsverbrecher aus dem Kosovo, aus Bosnien oder Kroatien auch vor Gericht. Ist es aber fair, die Entwicklung der serbischen Demokratie allein an diesem Thema zu messen? Wie hätte dann das Urteil über das Deutschland der Nachkriegszeit ausfallen müssen, über das Spanien der Post-Franco-Ära, das Griechenland nach der Militärdiktatur? Oder auch über die westlichen Demokratien, welche bereitwillig Kriegsverbrecher aufnahmen, wenn sie sich einen Vorteil etwa in wissenschaftlicher Hinsicht versprachen? Es gibt keinen guten Grund, ein Volk in Kollektivhaft zu nehmen. Jede Ausgrenzung führt erst recht zu Sonderwegen, die für Südosteuropa – und damit für Europa insgesamt – nur neue Folgekosten bedeuten.

Klöster und Kaiserstadt
Wir brauchen einen neuen Blick auf das Land, das für einen „Schurkenstaat“ nicht taugt. Nachdem sich in einem schmerzhaften Ablösungsprozess nun wohl ein dauerhaftes Kern-Serbien herausgeschält hat, wird es Zeit, dass wir den ehemals so explosiven Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen mit eigenen Augen kennenlernen. Im Norden spürt man den ungarischen Einfluss in der autonomen Region Vojvodina, wo neben der Bevölkerungsmehrheit von 65 Prozent Serben viele Ungarn, aber auch Slowaken, Kroaten, Rumänen, Roma und Deutsche leben. Das vom Jugendstil geprägte Stadtbild von Subotica verrät an vielen Fassaden eine madjarische Handschrift. Novi Sad war schon zu Habsburger Zeiten eine serbische Hochburg – wenn auch unter ungarischem Vorzeichen. Heute beherbergt die ehemals freie Kaiserstadt historische Sehenswürdigkeiten wie die Festung Petrovaradin über der Donau und darin das angesagteste Rockfestival Südosteuropas als modernen Kontrapunkt. Die ländliche Region Zlatibor im Westen des Landes mit sehr urtümlichen Dörfern und einigen der wichtigsten Kulturdenkmälern des Landes wie das Miloševo-Kloster (1218/19) bei Prijepolje, das Rača-Kloster aus dem 13. Jahrhundert oder die Weiße Kirche (1342-44) in Karan grenzt an Bosnien-Herzegowina.

Über allen thront die Millionenstadt Belgrad, die weiße Stadt an der Mündung der Save in die Donau, bereits im 15. Jahrhundert Hauptstadt der serbischen Herrscherdynastie, seit dem 19. Jahrhundert Residenzstadt, das virale politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum im Norden des Landes mit dem weithin sichtbaren Wahrzeichen, der Belgrader Festung.


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