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Der frühreife Künstler

Europa
19.04.2012
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Interview mit dem Kunsthistoriker Otmar Rychlik zum intellektuellen Anspruch von Klimt
Der Kunsthistoriker Otmar Rychlik ist einer der profiliertesten Kenner des Wiener Jugendstil-Künstlers Gustav Klimt. Er ist überzeugt: Auch wenn Werke wie «Der Kuss» oder die «Goldene Adele» schon auf Toilettendeckeln und Kulturtaschen angekommen sind, gibt es im Klimt-Jahr Überraschendes zu entdecken.
Galerie
Wien (dpa) - Klimt wird nicht erst als Mitbegründer der Secession zum Meister, sondern war ein ausgesprochen frühreifer Künstler, sagt Rychlik im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
Wien: Gedenkjahr zum Klimt-Geburtstag.

Wohin muss ich 2012 in Wien gehen, um den wahren Klimt zu sehen?
Rychlik: «Wir haben in Wien einige wesentliche Schauplätze. Ganz wichtig ist der Beethovenfries von 1902, dieses ephemere Hauptwerk im Untergeschoss der Secession. Aber auch die Deckenbilder des Burgtheaters, zu denen ein eigener Raum gestaltet wurde, der ganz nahe an diese Riesen-Zeichnungen führt. Man sieht dort, was für ein unvergleichlicher Zeichner bereits der ganz junge Klimt gewesen ist. Er war 23, als er diesen Auftrag bekommen hat, und diese Großzügigkeit, diese Schönheit des Linienflusses, die Beherrschung des Details, das ist dort alles schon auf eine atemberaubende Weise wahrzunehmen.»

Kann man bei einem Künstler wie Klimt, der so omnipräsent ist, noch Neues entdecken?
Rychlik: «Aber sicher. Klimt wird allgemein als Weltrangkünstler gesehen ab der Gründung der Secession 1897. Dieses Bild möchte ich korrigieren. Klimt ist nämlich ein ausgesprochen frühreifer Künstler, der schon mit knapp 20 Jahren erfolgreich ist und trotzdem mit größter Ambition weiter an sich arbeitet. Er eignet sich einen malerischen Hyperrealismus an, dem zeitgleich überhaupt niemand das Wasser reichen kann. Er hört nie auf zu lernen, ist sehr wandlungsfähig innerhalb seines Werkes.»
Wien: Gedenkjahr zum Klimt-Geburtstag.

Weltberühmt sind trotzdem die Gemälde aus der Goldenen Phase. Mit dem Namen Klimt assoziiert man doch sofort Werke wie den «Kuss» oder «Adele».
Rychlik: «Weil man sich mit der früheren Zeit eben kaum beschäftigt. Aber da sind schon ganz wichtige Werke entstanden. In der Frühwerkperiode hat er mit seinem Bruder Ernst und mit Franz Matsch für große Theater gearbeitet. Das waren gewaltige Auftragswerke. Dann kam die Ringstraßen-Periode ab 1886, mit dem Burgtheater, bis zur Secession 1897. Schon in dieser Phase weist vieles mächtig auf seine secessionistische Periode hin. Das ist eine langsame, stete, künstlerische und intellektuelle Entwicklung.»

Gerade das Intellektuelle wird ihm aber oft abgesprochen.
Rychlik: «Das ist nur deshalb der Fall, weil er über seine Kunst nichts geschrieben hat. Klimt war aber sehr gebildet, hat sich sehr in die Kunstgeschichte vertieft, inhaltlich und technisch, hat mit dem Historismus gerungen und hat daraus das eigentlich Moderne geschaffen. Mit einer soliden klassischen Ausbildung lässt es sich eben sicherer revoltieren. Bei Klimt wird das Ornament fast abstrakt. Da erreicht er als Galionsfigur des Wiener Symbolismus eine singuläre Position.»

Wie geht es dem Kunsthistoriker mit dem Klimt-Kitsch?
Rychlik: «Natürlich nicht gut. Aber andererseits ist das verständlich, denn dieses viele Gold, diese Formen - das ist doch ganz einfach schön. Die gnadenlose Vermarktung ist auch ein Zeichen dafür, dass die Vormoderne im Allgemeingeschmack angekommen ist. Es ist heute eben nicht mehr der röhrende Hirsch, der omnipräsent ist, sondern Klimt.»

 

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