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Mittelalterliches Wunder
Deutschland, Regensburg
Regensburgs Glück: Leere Kassen verhinderten eine Zerstörung der Altstadtsubstanz
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Dr. Eugen Trapp, der das zu berichten weiß, war maßgeblich am Bewerbungsverfahren für das Weltkulturerbe beteiligt. Zu großen Teile verfasste er den Antrag an die Unesco, dass die Regensburger Altstadt in ihrer Gesamtheit als Kulturgut in die Welterbeliste aufgenommen werden sollte. Die Regensburger Altstadt hatte aber nicht nur im Zweiten Weltkrieg Glück, was die geringen Kriegsschäden angeht. Kein Geld für Bausünden
Auch in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders kam sie gut weg, weil in der Stadt einfach nicht das Geld vorhanden war, um geplante bauliche Eingriffe in die alte Häusersubstanz vorzunehmen: „Während in den fünfziger Jahren andernorts teil weise größere Schäden angerichtet wurden als selbst der Krieg verursachen konnte, blieb Regensburg von derlei Bausünden relativ verschont“, so der Kunsthistoriker vom Amt für Archiv und Denkmalpflege. Es war auch bald auf nationaler Ebene klar, dass die Regensburger Altstadt Schutz braucht.
Ein Schmankerl aus dem Mittelalter sieht Dr. Eugen Trapp jeden Tag, wenn er aus dem Fenster seines Büros blickt: Der Kanonikalhof der Al- ten Kapelle steht hier unverän- dert seit dem 12. Jahrhundert. ?Komplette Steinhäuser? waren damals noch nicht normal, sie zeugen von Reichtum. Wie reich Regensburg war, kann man daran ablesen, dass es die erste Stadt nördlich der Alpen war, die ein durchgängiges Profil aus Stein besaß. Fachwerkhäuser sind auffällig wenige zu finden, mehr als drei fallen auch dem Denkmalpfleger Trapp nicht ein. Mit einemGerücht räumt er aller- dings auf: ?Nicht jeder gewölbte Raum im Erdgeschoss muss gleich eine Hauskapelle gewesen sein. Sie wurden auch als Archiv- räume oder Schatzkammern ge- nutzt. Bei den reichen Patriziern gehörte es zum guten Ton, eine zweischiffige Durchfahrt zu be- sitzen?, erklärt Dr. Trapp. Eine unbeachtete Besonder- heit entdeckt der aufmerksame Spaziergänger in der Regensbur- ger Wahlenstraße. Am Boden vor vielen Geschäften findet man große Bodenplatten aus Metall. Sie bedecken bogenförmige Kel- lerhälse, denn Keller wurden da- mals nicht nur als Vorratsräume genutzt. ?In der Wahlenstraße hatten sich im Mittelalter die Goldschmiede angesiedelt. Sie hatten ihreWerkstätten im Keller, deshalb gab es diese großzügigen Eingänge, die man heute noch überall sehen kann?, klärt er auf. Auch Aufzugsgauben findet man in ganz Regensburg, man muss nur ab und zu nach oben schauen. Das ist, was laut Dr. Trapp Regensburg so einzigartig macht: ?Man kann in der mittel- alterlichen Bausubstanz heute noch ihre frühereNutzung erken- nen. Und es handelt sich nicht um einzelne strahlende Solitäre, sondern um die gesamte mittel- alterliche Stadtbaugeschichte, die heute noch fassbar ist.?
Ganz ungeschoren kam aber auch sie in dieser Zeit nicht davon: Für den Pustet-Komplex in der Gesandtenstraße wurden gleich mehrere Patrizierhäuser abgebrochen – heute unvorstellbar, in den fünfziger Jahren dachte man anders: „Es gibt ein schönes Dokument aus dieser Zeit. Ein Werbefilm für Regensburg zeigt die Altstadt mit ihrem Charme, gleichzeitig wird aber auch der Neu bau von Pustet positiv bewertet“, so Dr. Trapp. „Das Denkmalschutzgesetz wurde leider erst 1973 aus der Taufe gehoben, deshalb haben wir unsere schlimmste Bausünde, den Horten am Neupfarrplatz, der kurz vorher gebaut worden ist“, bedauert der Denkmalpfleger. Bei dieser Baumaßnahme ist gleich eine ganze Gasse, „Am Spielhof“ ausgelöscht worden. Gleich nebenan, am Kassiansplatz, musste die „Schlossergasse“ dem Bau der Sparkasse weichen. Auch der Schwanenplatz hat die Bezeichnung Platz nach dem Bau des Kolpinghauses eigentlich nicht mehr verdient. „Schuld an diesen Bausünden war eine zu groß gedachte Straßenplanung“, erklärt Dr. Trapp.Dem Ziel einer „Autogerechten Stadt“ wäre so gar fast ein Teil des Reichssaalgebäudes zum Opfer gefallen, es sollte ge kürzt werden, um nicht mehr so arg in den Straßenverlauf hineinzuragen. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, denn eine Straße führt hier längst nicht mehr entlang, sondern eine belebte und beliebte Fußgängerzone.
„Was weg ist, ist weg…“
Einige aufgebrochene Fassaden, wie beispielsweise das Eckhaus bei der „Neuen Waag“ in dem sich heute ein Musikladen befindet, wurden inzwischen wieder zurückgebaut. Auch den Durchgang in der Schnupftabakfabrik, wo man eine dunkle Treppe hinunter gehen musste, sucht man heute gottseidank vergebens. Gerade wurden Korrekturen an der Fassade des Schürnbrand-Hauses am Neupfarrplatz vorgenommen. In Abstimmung mit den Hauseigentümern wurde hier sogar das Erdge schoss wieder zurückgebaut. Das findet Dr. Eugen Trapp auch alles gut, richtiggehende Rekonstruktionen betrachtet er allerdings sehr skeptisch: „Was weg ist, ist weg…“
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