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Bonusmeilen im Weltall

Russland, Tula
26.04.2012
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Waleri Poljakow: Kosmischer Überflieger wird 70
Bonusmeilen gab es zwar nicht bei einem solch langen Flug, aber zum Glück auch keinen «Kapselkoller». Fast 15 Monate blieb der Kosmonaut Waleri Poljakow 1994/95 ununterbrochen im All. Bis heute ist der Rekord des Russen, der jetzt 70 Jahre alt wird, unerreicht.
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Moskau (dpa) - Rekordfahrt zu den Sternen: Am 8. Januar 1994 startete der russische Arzt Waleri Wladimirowitsch Poljakow zur längsten kosmischen Reise, die jemals ein Mensch unternommen hat. Sie sollte 437 Tage und 17 Stunden dauern - fast so lang wie ein möglicher Flug zum Mars. Bis heute ist die Bestmarke des Mannes aus der zentralrussischen Industriestadt Tula ungebrochen. Bis zur Landung am 22. März 1995 in Kasachstan umrundete der Kosmonaut, der an diesem Freitag (27. April) 70 Jahre alt wird, die Erde mehr als 7000 Mal. «Schade, dass es bei Raumflügen keine Bonusmeilen gibt», meinte die Moskauer Zeitung «Moskowski Komsomolez» einmal im Scherz.

Die Rettungskräfte trauten ihren Augen kaum, als Poljakow nach der Rückkehr mit eigener Kraft aus der Kapsel stieg. Normalerweise reicht schon ein kurzer Aufenthalt in der Schwerelosigkeit, um die Muskeln der Raumfahrer zu schwächen. Poljakow aber hatte in der Raumstation «Mir» täglich mit eiserner Disziplin zwei Stunden Sport getrieben. Für Forscher ist die Fitness ein wichtiger Hinweis, dass ein Raumfahrer nach einem solch langen Flug - zum Beispiel zum Mars - den Planeten ohne Gehhilfe betreten könnte. «Auch die insgesamt 1500 Experimente haben dazu beigetragen, dass ich nicht depressiv wurde», erzählte der kosmische Überflieger der Zeitung «Rossijskaja Gaseta».

Gegen die Eintönigkeit halfen auch Besucher von der Erde. Darunter war der deutsche Astronaut Ulf Merbold, dem Poljakow für medizinische Tests immer wieder Blut entnehmen musste. «Seitdem nennt mich Ulf nur noch "Der Vampir"», scherzte der Kosmonaut. Langweilig sei es ihm in den fast 15 Monaten im All eigentlich nie geworden. «Ich traf auf der "Mir" ausländische Kollegen, diskutierte dort mit muslimischen Raumfahrern, und einmal war für ein halbes Jahr eine Frau an Bord. Ich habe aus dem Bullauge etwa 14 000 Sonnenauf- und -untergänge gesehen und auch die Zerbrechlichkeit unserer kleinen blauen Erde. Nein, ein "Kapselkoller" stellte sich nicht ein.»

Als Waleri Iwanowitsch Korschunow war der Kosmonaut am 27. April 1942 in Tula rund 200 Kilometer südlich von Moskau geboren worden. Nach der Adoption 1957 nahm er den Namen seines Stiefvaters an. Unter dem Eindruck des historischen Flugs von Raumfahrtpionier Juri Gagarin 1961 bewarb sich der damalige Medizinstudent erfolgreich bei der sowjetischen Raumfahrtbehörde. 1988 flog Poljakow erstmals zur «Mir», damals für 240 Tage. Mit der anschließenden Rekord-Mission wollten Wissenschaftler dann auch Erkenntnisse für eine bemannte Reise zum Roten Planeten sammeln, die Experten zufolge aber frühestens 2025 als internationales Projekt starten könnte.

Als Vorbereitung für einen möglichen Mars-Flug endete in Moskau vor kurzem das längste Isolationsexperiment der Raumfahrtgeschichte. Sechs Freiwillige simulierten 520 Tage lang in einem nachgebauten Raumschiff eine Reise zum Roten Planeten. Ein solcher Test im Container sei aber sehr theoretisch, meinte Poljakow dazu. «Wenn Sie 500 Tage auf einem Stuhl sitzen - macht Sie das zu einem Rennfahrer?» Sein Flug mit der später im Südpazifik versenkten «Mir» habe der Wissenschaft vermutlich mehr Erkenntnisse für die Praxis gebracht.

Neben der kosmischen Strahlung gilt die reizarme Umgebung als größte Gefahr einer möglichen Mars-Mission. Auf der 1999 verschrotteten «Mir» versüßten Details wie ein Samowar und Musik den oft eintönigen Alltag mit Saugklo, surrenden Apparaten und Brei aus der Tube. Er sei kein interplanetarer Träumer, betonte Poljakow einmal. 437 Tage auf der «Mir» würden sich anhören wie Gefängnishaft. Es gebe aber einen Unterschied: «Im Knast ist es eine individuelle Strafe. Im All ist es die Verwirklichung eines Menschheitstraums.»

 

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