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Estland
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Die Esten standen Jahrhunderte lang unter der Knute fremder Großmächte, der Deutschen, Schweden und Russen. An Schulen und in Ämtern wurde nicht estisch gesprochen, sondern deutsch, bis eine Kampagne der zaristischen Regierung im Jahr 1885 alle auf Russisch umpolte. Doch die in ganz Europa populäre Idee, eine eigene Identität und eine eigene Nation zu behaupten, riss auch die Esten mit – allen voran die Studenten der Universität in Tartu. Sie gründeten den Eesti Üliõpilaste Selts (Verein Studierender Esten) und bereiteten die Autonomie vor, die mit der Oktoberrevolution und dem Zerfall des Russischen Reiches möglich wurde. Am 24. Februar 1918 erklärte Estland seine Unabhängigkeit. Allerdings: Um die scherte sich im Zweifelsfall niemand. Im Hitler-Stalin-Pakt von 1939 hatten die beiden Diktatoren Europa untereinander aufgeteilt. Das Baltikum, bestehend aus Litauen, Estland und Lettland, sollte in den sowjetischen Einflussbereich fallen. Nazi-Deutschland holte in den Jahren 1939 und 1940 die deutschsprachigen Bürger des Baltikums „heim ins Reich“, bevor sie offiziell Teil der UdSSR wurden.
Grenzstreit mit Russland: Bis heute liegen Russland und Estland miteinander im Streit, wie die Ereignisse des Jahres 1940 in die Geschichtsbücher eingehen sollen: als freiwilliger Beitritt oder als \"Aggressivität der Sowjetunion gegen Estland\" und folgende \"Jahrzehnte der Besatzung\"? Diese Formulierungen in der Präambel der estnischen Verfassung ließen einen Grenzvertrag mit der Russischen Föderation nach sechs Jahren Verhandlung im Mai 2005 platzen.
Die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik wurde ausgerufen und als Teil des Generalkommissariats Ostland von 1941 bis 1944 von deutschen Truppen besetzt. Die Genozid-Politik der Nazis wurde in Estland auch unter Mitwirkung von Einheimischen durchgeführt. Das Land war gespalten: die einen kämpften an der Seite der Sowjets, die anderen in den Reihen der Deutschen. Im Herbst 1944 marschierte die Rote Armee ein und vermeintliche sowie tatsächliche Gegner des sowjetischen Systems wurden deportiert. Die schwedisch- und finnischsprachige Bevölkerung, die vor allem auf Hiiumaa (Dagö), Vormsi (Worms) und Ruhnu (Runö) gelebt hatte, verließ das Land. Zwangsumsiedlungen nicht-estnischer Einwohner, insbesondere von Russen, veränderten die ethnische Zusammensetzung des Landes.
Mehrheit und Minderheiten
Die Mehrheit der Bewohner hat estnische Wurzeln (69 Prozent), 26 Prozent ist die russische Minderheit stark, Ukrainer, Weißrussen, Finnen und andere kommen auf ca. fünf Prozent. Die Integration der nichtestnischen Bewohner ist nicht vollkommen gelungen. Esten verfügen im Schnitt über ein höheres Einkommen als die russische Minderheit. Von insgesamt ca. 100.000 Auslands-Esten leben knapp 40.000 in Russland, 35.000 in Kanada und 15.000 in Schweden. Andere größere Gruppen gibt es noch in Finnland, Südafrika und in Australien. Mittlerweile wurde Russisch durch Englisch als erste Fremdsprache ersetzt. Estland sieht sich selbst mehr von den nordischen Traditionen und Vorlieben beeinflusst, als von den sowjetisch-russischen – Skandinavien auf andere Art.
Singende Revolution
Im Jahr 1991 erlangte Estland, das seit Glasnost und Perestrojka an Selbstbewusstsein gewonnen hatte, mit der friedlichen „Singenden Revolution“ seine Souveränität zurück. Im September 2003 stimmten die Esten bei einer Wahlbeteiligung von 64 Prozent mit 66,9 Prozent Ja-Stimmen und 33,1 Prozent Nein-Stimmen für einen Beitritt zu Europäischen Union. Am 2. April 2004 wurde Estland, dessen Streitkräfte circa 12.000 Mann stark sind, Mitglied der Nato. Auch wenn das Ja der Esten zur EU nicht euphorisch war, in Sachen politischer Stabilität, wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Standards gilt Estland neben Slowenien als Musterschüler des Integrationsprozesses. Bei den Europawahlen 2007 lag die Wahlbeteiligung bei nur 26,89 Prozent. Davon errangen die Sozialdemokraten 36,8 Prozent (3 Sitze), die Zentrumspartei 17,5 Prozent, die Reformpartei 12,2 Prozent und die Vaterlandsunion 10,5 Prozent (je ein Sitz).
Die meisten Esten sind konfessionslos, nur knapp 30 Prozent bezeichnen sich als religiös. Seit dem 16. Jahrhundert ist Estland ein vorherrschend Evangelisch-lutherisch geprägtes Land (ca. 14 Prozent der Bevölkerung). Die meisten Kirchen des Landes wurden von Deutschbalten errichtet. Bis zum 19. Jahrhundert waren die Glaubenszentren für die ländliche Bevölkerung die einzige Bildungsquelle. In den Jahrzehnten vor dem Oktoberrevolution und dem Sturz des Zar Nikolaus II. 1917, gab es große Anstrengungen der zaristischen Russen, die Russisch-Orthodoxe Kirche zu popularisieren. Durch den Bau der beeindruckenden Newski-Kathedrale in Tallinn, wollten sie ein sichtbares Zeichen ihrer Dominanz gegenüber Estland setzen. Im Zuge der Nationalen Bewegung sollte die Kirche abgerissen werden – glücklicherweise wurde dieser Plan nicht umgesetzt.
In Estland gibt es außerdem zwei orthodoxe Kirchen: die Orthodoxe Kirche von Estland, die seit 1996 unter der dem Einfluss des Patriarchats von Konstantinopel steht, und die Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (insgesamt ca. 13 Prozent der Bevölkerung). Eine Besonderheit sind die etwa 5.000 Mitglieder umfassende Gemeinden der Altgläubigen, die am Peipsi Järv (Peipussee) leben. Sie stammen aus der Spaltung der russisch-orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert, wurden verbannt und leben seither in Estland. Ein Besuch ihrer Kirche von Raja lohnt sich, da sie nur durch Kerzen erleuchtet wird. Die Altgläubigen verzichten bewusst auf Elektrizität.
Am 16. Mai 2007 wurde in Anwesenheit des estnischen Staatspräsidenten Arnold Rüütel feierlich die moderne Synagoge von Tallinn eingeweiht. Vor dem 2. Weltkrieg lag die Synagoge dort, wo jetzt das Warenhaus Kaubamaja liegt. Gegen Ende der 1940er Jahre wurde die Synagoge niedergerissen. Vor dem Krieg existierten auch jüdische Gemeinschaften in Tartu und Valga.
Die UdSSR verordnete während der Besetzung Estlands einen staatlichen Atheismus. Verhaftungen und Deportationen von Gemeindemitgliedern waren an der Tagesordnung. Bekennende Gläubige verloren in dieser Zeit ihren Job.
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