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Beben in Russlands Ballettwelt

Russland
15.11.2011
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Bolschoi verliert zwei Tänzer
Gerade erst feierte das weltberühmte Moskauer Bolschoi Theater mit Pomp und Zarenglanz nach sechsjähriger Schließung die Wiedereröffnung seiner historischen Bühne. Da verlassen ganz überraschend zwei Toptänzer die größte Balletttruppe der Welt.
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Moskau (dpa) - Es ist ein Beben für die Ballettwelt und ein Schock für Moskaus saniertes Bolschoi Theater: Überraschend verlassen die führenden Solisten Natalia Ossipowa (25) und Iwan Wassiljew (22) Russlands größtes Staatstheater. Sie sehen keine Zukunft für sich auf der gerade im Zarenglanz nach sechsjähriger Schließung wieder eröffneten historischen Bühne, dem Zuhause der mit mehr als 200 Tänzern größten Balletttruppe der Welt. Hier feierte im 19. Jahrhundert auch «Schwanensee» von Tschaikowsky Uraufführung - mit den berühmtesten Ballerinen in der Geschichte des Balletts.
Überraschend verlassen die führenden Solisten Natalia Ossipowa und Iwan Wassiljew Russlands größtes Staatstheater.

«Noch nie haben Solisten eines solches Ranges dem Bolschoi den Rücken gekehrt. Eine unglaubliche Nachricht», kommentierte die Zeitung «Kommersant» am Dienstag. Zwar habe es zu Sowjetzeiten Abgänge gegeben aus Frust über die politischen Zustände. Dass nun aber ein so junges Traumpaar gehe, das schon die größten Rollen und diese auch weltweit getanzt habe, sei ein Donnerhall, meinten Beobachter. Die Bolschoi-Leitung hat dies kalt erwischt.

Beide Solisten wollen künftig am städtischen Michailowski-Theater in St. Petersburg tanzen. Dort erhoffen sie sich unter dem spanischen Starchoreografen Nacho Duato mehr künstlerische Freiheit. Der Oligarch Wladimir Kechman führt den Musentempel als Intendant und steuert immer wieder eigenes Kapital bei. Er hat unlängst auch in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur eine Revolution in der bisher vor allem klassisch geprägten russischen Balletttradition versprochen.

Erst holte der superreiche Russe Nacho Duato als Trendsetter des zeitgenössischen Balletts, um einen neuen Stil in Russland zu etablieren. Nun folgen die Superstars aus Moskau - nicht nur dem Ruf der Kunst, sondern auch dem des Geldes, wie es in Moskau heißt.
Das Bolschoi-Theater gehört zu den bedeutendsten Ballettbühnen der Welt.

«Mir scheint, dass das private Business sie missbraucht und seine Attacken gegen das wichtigste Theater des Landes fortsetzt», sagte Bolschoi-Intendant Anatoli Iksanow angesäuert. Tatsächlich lebt das vom Kreml unterstützte Theater in dem Glauben, dass allein Ehre und Ruhm vielen Tänzern genügten und sie ewig dankbar an das Haus binden. Die Erfahrung von Wettbewerb in der russischen Kultur ist 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion vielen noch fremd.

Die Lage am ehrwürdigen Bolschoi empfanden schon immer viele Künstler als beengend. Wohl auch deshalb begründen Ossipowa und Wassiljew ihren Schritt nicht mit den offenkundig deutlich höheren Gagen. Sie pochen auf ihre Freiheit, das zu tun, was sie wollen.

«Ich will nicht im "Spartak"-Kostüm auf der Bühne sterben», sagt Wassiljew, international gefeiert wegen seiner Sprungkraft. «Wir hauen nicht ab, sondern bewegen uns weiter», betont er. «Ich will ein anderes Repertoire, am Bolschoi habe ich alles getanzt, was es gibt. Mein Leben ist zu bequem geworden», erklärt wiederum Ossipowa.

Die Zeitung «Kommersant» berichtet, dass zu viele Tänzer am Bolschoi Schlange stünden um die Spitzenpartien und sehr viel abhängig sei von persönlichen Sympathien. «Das ist ein großer Verlust für uns», sagt Ballettchef Sergej Filin, der selbst erst neu wieder am Bolschoi ist und auch nicht nur die klassischen Wege gehen will.

Doch den Triumph feiert der im Obsthandel reich gewordene Kechman in St. Petersburg. Seit fast fünf Jahren hat der stets von Leibwächtern Beschützte mehr als 25 Millionen Euro selbst in den Betrieb gesteckt. Anderthalb Jahre buhlte er um das Traumpaar von der Moskwa. Und auch Nacho Duato ist begeistert von dem Coup, der technisch perfekte Tänzer mit einzigartigem künstlerischem Talent an das Michailowski bringe. «Ich bin so glücklich», sagte er.

Höhepunkt an Kechmans Theater wird am 16. Dezember die Premiere von «Dornröschen», choreografiert von Nacho Duato. Er verspricht eine neue Sicht auf den Ballettklassiker. Das Bolschoi wiederum eröffnet mit «Dornröschen» seine Ballettsaison an diesem Freitag - in der märchenhaft-traditionellen Choreografie von Juri Grigorowitsch nach Marius Petipa. Der Klassiker geht ohne Ossipowa und Wassiljew über die Bühne. Grigorowitsch hatte sie für die Premiere nicht besetzt.

 

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