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1000 Jahre Juden in Böhmen

Tschechien, Praha
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Kulturgeschichte zwischen Phasen seltener Toleranz und aggressivem Antisemitismus
Jüdischer Kaufleute sind in Böhmen seit der Mitte des 10. Jahrhundert aktiv. In der Chronica Boemorum dokumentiert Cosmas von Prag, dass sich Juden in der Prager Vorburg und in der Vyšehrad-Straße angesiedelt haben. Schon 1098 kommt es zu einem „ersten staatlich organisierten Pogrom in Böhmen“, wie Josef Žemlička die Enteignung der Juden durch den böhmischen Fürsten und deren anschließende Flucht nach Polen und Ungarn bezeichnet.
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Das jüdische Ghetto in Prag vor dem Abriss.

In den folgenden Jahrhunderten wechselten sich Phasen vergleichsweiser Toleranz und aggressiven Antisemitismus" ab. Soběslav II. (1174-78) und Ottokar II. Přemysl (1253-1278) erkannten den Juden in so genannten „Privilegien“ Bürgerrechte zu. Letzteres verbot Christen, Juden zu schlagen oder zu töten, sowie die Zerstörung von Gräbern und Synagogen. König Johann von Böhmen (1310-1346) ließ jüdische Einrichtungen plündern und ihre Bewohner einsperren, damit sie sich mit einem Lösegeld wieder freikaufen mussten und so zum Gedeihen des Staatshaushalts beitrugen.
Denkmal Kaiser Karls IV.

Schwankende Toleranz Karls IV.
Sein Sohn, der spätere Kaiser Karl IV., nahm zwar eine relativ tolerante Haltung gegenüber den Juden ein, nahm allerdings aus politisch-strategischen Gründen kirchlich initiierte Pogrome hin – etwa in Nürnberg – und ließ sich zu einer Anordnung drängen, welche Juden zwang, in der Öffentlichkeit den hohen Judenhut zu tragen. Nach dem Tod Karls im Jahr 1378 verschlechterte sich die Lage weiter. Die üble Nachrede, ein Priester sei im Prager Ghetto ausgelacht und gesteinigt worden, reichte 1389 aus, um 3000 Juden zu massakrieren und ihre Häuser niederzubrennen.

Ausgerechnet König Wenzel IV., genannt der Faule, knüpfte dann wieder an der Privilegien-Politik seiner přemyslidischen Vorgänger an. Antisemitische Rowdies belegte er mit hohen Geldstrafen, die immerhin zum Teil den Geschädigten zu Gute kamen. Er war es auch, der durch eine Verordnung der jüdischen Gemeinde in der Prager Neustadt 1410 den Bestand des jüdischen Friedhofs garantierte. Einen Rückfall erlitt die böhmische Judenpolitik unter Georg von Podiebrad (1420-71) und den Jagiellonen (1471-1526), die erneut antijüdische Gesetze erließen.

Massenflucht unter den Habsburgern
Auch die Übernahme der Herrschaft durch die Habsburger 1529 bescherte den Juden keine bessere Stellung, im Gegenteil. Die dramatisch zugespitzte antijüdische Stimmung führte 1543 zu einer Massenflucht der Juden. Jetzt war nur noch in Prag eine jüdische Gemeinde ansässig, wo ihre Mitglieder gezwungen waren, sich durch einen gelben Stoffflecken auf der linken Brustseite zu brandmarken. Eine allmähliche Beruhigung trat erst wieder ab dem Jahr 1576 unter Kaiser Rudolf II. ein. In dessen Regierungszeit fällt das Wirken des europaweit geachteten Gelehrten Rabbi Löw.

In Folge der instabilen politischen Situation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620, kam es zur Plünderung des Prager Ghettos. Der neue Statthalter, Karl von Liechtenstein, stärkte die Rechte der Juden, die zwischen 1623 und 1627 Häuser außerhalb des Ghettos kaufen durften und erweiterte Handelsfreiheiten eingeräumt bekamen. Die Folgen des 30-Jährigen Krieges und einer Pestepidemie machten auch diese bescheidenen Fortschritte zunichte. 1637 wurden die Steuern drastisch erhöht, die jüdischen Gemeinden verarmten.
Kaiserin Maria Theresia auf einem Gemälde von Jean-Étienne Liotard.

Bedeutendste jüdische Gemeinde Europas

Die Vertreibung der Juden aus Wien und Ungarn (1670-1708) ließ die jüdische Bevölkerung in Böhmen wieder anwachsen. Gleichzeitig allerdings dezimierte eine neuerliche Pestepidemie die jüdische Gemeinde in Prag. Ein Brand 1689 in der Altstadt, der sich auf das Ghetto ausweitete, vernichtete 318 Häuser und elf Synagogen. Mit Unterstützung ausländischer Juden wurden anschließend sechs neue Synagogen errichtet. Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich Prag zur bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas – was einigen christlichen Hetzern ein Dorn im Auge war. Um 1724 setzten Versuche ein, die jüdische Bevölkerungszahl „zu regeln“. Viele Juden flohen vor den Repressalien nach Westungarn und Polen.

Der Krieg um Schlesien spitzte die Lage noch einmal zu. Maria Theresia beschuldigte die Juden, das preußische Heer bei der Besetzung Prags zu unterstützen. Nicht von ungefähr ließ die Kaiserin nach dem Ende der Besetzung am 16. November 1744 einen Überfall auf das Prager Ghetto zu. Einen Monat später verwies die Monarchin alle Juden aus Prag und Böhmen, 1745 auch aus dem eroberten Teil Schlesiens. Der verheerende wirtschaftliche Schaden, den sie damit verursachte, zwang sie 1748 zu einer kleinlauten Revision ihrer Entscheidung. Um ihr Gesicht zu wahren, gewährte sie den Rückkehrern zunächst einen befristeten Aufenthalt in Böhmen von zehn Jahren. Allerdings mussten die Juden eine jährliche Wuchersteuer bezahlen, die ebenso wie ein weiterer Großbrand in Prag zu einer Verschuldung der Gemeinde führte.

Josefinische Reformen
Kaiser Josephs II. aufklärerisches „Toleranzpatent“ von 1781 gestand auch den Juden eingeschränkte Religionsfreiheit zu. Gleichzeitig aber zwang es sie, bürgerliche Namen anzunehmen. Antisemitische Habsburger Beamte versahen die Juden mit stigmatisierenden Spottnamen. Wer diese ändern wollte, musste tief in die Tasche greifen. Gleichzeitig blieben die Sondersteuern der Mutter Kaiserin weiter in Kraft. „So kam es, dass Juden alleine mit ihrem Namen ein stigma trugen und der in Österreich später beliebte Sport des ,Judenriechens" sich auch diesbezüglich ausleben konnte.“ [Albert Lichtblau, „Als hätten wir dazu gehört“, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Böhlau Verlag Wien, 1999, S. 30]

Als Vertreter der jüdischen Aufklärung, der Haskala, profilierten sich Gelehrte wie Peter Beer (1758-1839) oder Herz Homberg (1749-1841) im geistigen Leben Prags. Hombergs Buch „Bne Zion. Religiös-Moralisches Lehrbuch für die Jugend israelitischer Nation“ von 1812 bildete die Basis für die Prüfung der jüdischen Heiratskandidaten. Die Druckerei des Lexikografen und Verlegers Moses Israel Landau (1788-1852) ließ Prag zum Zentrum der jüdischen Aufklärungsliteratur avancieren. Weltweit? Europaweit? In cz?
Josefov, Prags Judenviertel: Das Ghetto vor dem Abriss.

Abbruch des Ghettos und Revolution
Die gesellschaftlichen Brüche, die das 19. Jahrhundert mit Industrialisierung und Manchester-Liberalismus provozierte, sorgten vor allem bei ärmeren Juden für Existenzängste. Nach dem Abbruch der Mauern des Prager Ghettos stellten einige Bewohner provisorische Drahtverhaue auf, um die Schutzfunktion, die das Ghetto auch geboten hatte, nicht gänzlich zu verlieren. Erst die Proklamation des Österreichischen Grundgesetzes in der Folge der 1848er Revolution sah eine ernst gemeinte Gleichberechtigung der Juden vor. Fatalerweise geriet dabei die Emanzipationsfrage in den Strudel der deutsch-tschechischen Auseinandersetzungen, weil sich die wohlhabenden, deutschsprachigen jüdischen Kaufleute zum Habsburgerreich bekannten. Dennoch wurde 1849 der Zwangsaufenthalt im Ghetto abgeschafft und ein Jahr später die Josefstadt (Josefov) als fünfter Stadtteil Prags angegliedert. Zwischen 1900 und 1913 verschwanden die letzten Reste des Ghettos, fast alle Gebäude wurden umgebaut oder renoviert.

Um die Jahrhundertwende entwickelte sich Prag zu einer europäischen Kulturmetropole, die Schriftsteller und Künstler von Weltrang hervorbrachte oder um es mit Karl Kraus zu sagen: „Es brodelt und kafkat es werfelt und kischt.“ Daneben bildeten sich dem Pragozentrismus zum Trotz endlich auch andere Kulturzentren unter Mitwirkung vieler Juden heraus: Brno, České Budějovice, Litoměříce, Olomouc, Plzeň, Teplice oder auch die reiche Industriestadt Ostrava waren berühmt für ihre Kaffeehauskultur, ihre reiche Theater- und Musikszene.

Vorbild für den Stürmer
Was sich Thilo Sarrazzin in Deutschland 2010 an Undifferenziertheiten zu deutschen Muslimen leistete, wurde an Dummheit noch vom Antisemiten August Rohling (1839-1931) überboten, der in seiner Hetzschrift „Talmudjude“ mit aus dem Zusammenhang gerissenen Talmud-Zitaten eine gewaltige antijüdische Stimmung auslöste. Selbst Julius Streicher bediente sich im „Stürmer“ Rohlings rohen Anfeindungen. Die österreichischen Reichstagsabgeordneten Georg von Schönerer (1842-1921) und Karl Lueger (1844-1910) profilierten sich als politischer Arm dieser tumben Geisteshaltung, die unter anderem im antisemitischen Prozess gegen Leopold Hilsner gipfelte – das böhmische Pendant zur französischen Dreyfus-Affäre.

Nach der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik (ČSR) gewährte Philosophen-Präsident Tomáš Garrigue Masaryk dem Jüdischen Nationalrat 1918 eine Audienz, an der Ludwig Singer, Max Brod und Rudolf Kohn teilnahmen. „Masaryk blieb bis zu seinem Tode eine Art Vaterfigur des böhmischen Judentums“, charakterisierte Rudolf M. Wlaschek in seinem Buch „Juden in Böhmen: Beiträge zur Geschichte des europäischen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert“ die Verehrung für den ersten Mann im neuen Staat. 1919 erschien die erste jüdische Zeitung und 1920 öffnete die erste jüdische Schule ihre Pforten. Als eine der ersten Lehrerinnen unterrichte dort Franz Kafkas Schwester Valli Pollak. Andererseits führte die fatale Identifikation von Juden und Deutschen bei den antideutschen Unruhen von 1920 in Prag zur Stürmung des Jüdischen Rathauses durch die tschechische Bevölkerung.
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